Zum Schluss, nach über zwei Stunden auf der Bühne, dann doch zutiefst menschliche Regungen: Lächeln, sich verbeugen, sich feiern lassen vom frenetisch applaudieren Publikum und ebenfalls hinein in den Lichthof des alten Gemäuers, einer ehemaligen Waffenfabrik, den gut zweitausend Fans applaudieren. In diesem Moment wird die Verschmelzung von Mensch und Maschine – das ewige Thema der Band Kraftwerk, der Pioniere, Wegweiser und Idole in Sachen elektronische Musik – aufgebrochen.

 

1997, als das acht Jahre zuvor gegründete Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in diese damals neue Räumlichkeiten gezogen ist, spielte Kraftwerk bereits an gleicher Stelle. Und nun, aus Anlass der Vierteljahrhundertfeierlichkeiten des in Deutschland wohl einzigartigen Zentrums, ist die bereits 1970 von Ralf Hütter und Florian Schneider in Düsseldorf gegründete Band wieder am Start – es passt zusammen, die Kombination liegt nahe. Drei binnen kurzer Zeit ausverkaufte Konzerte hat Kraftwerk am vergangenen Wochenende gegeben.

 

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Und wer da nun gedachte hätte, Veteranen würden sich für ihr Lebenswerk und einen schnellen Euro abfeiern lassen, der sah sich getäuscht. Altern auf der Bühne ist in Würde und Erhabenheit möglich, wie etwa bei Iggy Pop, und muss nicht peinlich traurig sein, wie bei dem bemitleidenswert krächzenden Lemmy Klimister von Motörhead.

 

Die vier Musiker auf der ZKM-Bühne, im karierten Neoprenanzug hinten den Computern verschanzt, spielen routiniert ihre Klassiker herunter, aber Songs wie „Autobahn“, „Trans Europa Express“ oder „Modell“ können irgendwie nicht wie Oldies klingen – zu modern, zu groovig, zu zeitlos ist der elektronische Beat. Im Publikum lauscht man andächtig und staunt ehrfürchtig durch die 3D-Brille hindurch über die Computeranimationen: ein zum Greifen nahes Ufo landet auf dem Gelände in Karlsruhe, eine alter Heckflossenmercedes tuckert auf der Autobahn, die Fahrer der Tour de France brausen vorbei, Computermenschen greifen in die Menschenmasse.

 

Kraftwerk  verwaltet und veredelt sein Erbe, neue Lieder gibt es nicht – wozu auch? Ihre Songs sind nach wie vor wirkungsmächtig und zeitgemäß. Wie etwa das atomkritische Lied „Radio-Aktivität“ von 1975, das lediglich und aus aktuellerem Anlass um das Wort „Fukushima“ ergänzt worden ist. Und die Band ist auch heute noch, mehr als vierzig Jahre nach der Gründung, zuversichtlich: In dem Song „Musique Non Stop“ (1986) singt die vom Computer verzerrte Stimme gegen Ende der Show: „Es wird immer weiter gehen, Musik als Träger von Ideen“.

 

Text: Dominik Bloedner, Foto: BOETTCHER