Leere Casinos, leere Hotels, leere Portemonnaies: Kaum eine amerikanische Stadt hat unter der Konjunkturflaute so gelitten wie Las Vegas. Umso erstaunlicher: Mitten in der Krise bauten Kulturschaffende ein Freilichtmuseum für Leuchtreklame auf. Im Interview mit Steve Przybilla erzählt Direktorin Danielle Kelly (42), wie das gelang.

 

chilli: Las Vegas ist eine Kulturwüste. Weit und breit gibt es keine Buchhandlung, aber die Casinos lauern an jeder Ecke. Wie kann Ihr Museum da mithalten?

 

Danielle Kelly (lacht): Darüber denke ich auch oft nach. So wie sich die Stadt in den 50er-Jahren sprunghaft entwickelt hat, nahm auch die Bedeutung der modernen Massenmedien zu. Sie haben den Mythos der Spielerstadt rasant verbreitet. Dabei hat Vegas durchaus eine Geschichte außerhalb von Casinochips und „Ocean’s 11“.

 

Neon-Museum-Las-Vegas-(Foto---Steve-Przybilla)-(4)

 

chilli: Der Mythos hat in der Wirtschaftskrise aber extrem gelitten, es gibt über 100.000 Obdachlose …

 

Kelly: Es stimmt, dass gerade die Hotelbranche sehr zu kämpfen hat. Die versuchen mit Kampfpreisen, ihre Zimmer zu füllen. Für uns aber war die Krise gut. In Boom-Zeiten hätten die Leute mit ihren alten Neonschildern wahrscheinlich noch Geld gemacht. Seit der Markt eingebrochen ist, bekommen wir sie gespendet. Niemand will mehr das Geld zum Fenster rauswerfen, sondern etwas Sinnvolles erleben.

 

chilli: Der Casino-Gänger wird also zum Bildungsbürger?

 

Kelly: Ganz so einfach ist es dann doch nicht. In Vegas gehen so viele Leute ein und aus, dass wir jedes Wochenende ein komplett neues Publikum haben. Die meisten kommen, um einfach nur Spaß zu haben, viele bleiben aber auch, weil sie die andere Seite der Stadt kennenlernen möchten. Krise hin oder her: Die Seele der Stadt wird sich dadurch nicht ändern.

 

Museumsdirektorin Danielle Kelly

Museumsdirektorin Danielle Kelly

 

chilli: Woher kommt in Las Vegas die Sehnsucht nach etwas Altem, das in Wahrheit noch ziemlich jung ist?

 

Kelly: Sich neu zu erfinden gehörte schon immer zu den Grundgedanken der Amerikaner. In Vegas ist der Kontrast zwischen Altem und Neuem besonders stark, weil wir eine sehr junge Stadt sind. Las Vegas hat in so kurzer Zeit so viele Phasen mitgemacht, dass einem schwindlig werden kann: Erst war es die Stadt der Sünde, dann eine Mafia-Hochburg und irgendwann sogar mal ein Ort für den Familienurlaub.

 

Neon-Museum-Las-Vegas-(Foto---Steve-Przybilla)-(2)

 

chilli: Und heute?

 

Kelly: Heute ist das Mysteriöse ein bisschen verloren gegangen, was man auch an der Leuchtreklame erkennt. Es dominieren riesige LCD-Wände, vollgestopft mit Texten und bewegten Bildern. Da geht es nur noch darum, möglichst viele Leute nach drinnen zu locken.

 

chilli: Was tun Sie, um den Verfall Ihrer Kollektion zu verhindern?

 

Kelly: Die Stadt allein ist die perfekte Umgebung für die Exponate. Die Luft ist trocken, es regnet wenig und viele Schilder sehen noch heute aus wie frisch gestrichen. Trotzdem suchen wir nach Wegen, wie man die Schilder langfristig erhalten kann. Da stehen wir aber noch ganz am Anfang.

 

Text & Fotos: Steve Przybilla

 

Neon-Museum-Las-Vegas-(Foto---Steve-Przybilla)-(5)

 

Infos:

Anreise: Ab Frankfurt bietet zum Beispiel Condor einen

Direktflug nach Las Vegas an, je nach Reisezeitraum ab 550 Euro.

 

Unterkunft: Das „Bellagio“ (3600 Las Vegas Blvd S) wurde vor allem durch George Clooneys Gangsterkomödie „Ocean’s 11“ bekannt. DZ 150 bis 600 Euro.

Die Preise variieren je nach Wochentag erheblich. www.bellagio.com

 

Weitere Auskünfte: Das Neonmuseum, 770 Las Vegas Boulevard, bietet geführte Touren von Montag bis Samstag an.

 

Eintritt: 14 Euro, ermäßigt 9,50 Euro.

Eine Vorab-Buchung im Internet ist erforderlich. www.neonmuseum.org

 

Weitere aktuelle Ausstellungen und

Museen unter: www.visitlasvegas.com

 

Weitere USA-Tipps:

San Francisco http://chilli-freiburg.de/start/welcome-to-the-sunshine-state/

Texas http://chilli-freiburg.de/kultur-chilli/das-andere-texas/