Wie sich Freiburger Künstler mit und ohne Migrationshintergrund mit ihrer Identität beschäftigen

Was macht Identität aus? Das Heimatland, die Religion, die Familie – oder ist es doch etwas ganz anderes? Dieser Frage geht der Kunstverein depot.K bei seiner Sommeraktion „Auf der Suche nach der verlorenen Identität“ nach. Dafür haben sich jetzt zwölf Künstler aus neun Ländern zu Zweierteams zusammengefunden. Sie eint, dass sie in Freiburg leben und arbeiten.

Malerei, Musik, Tanz: Laila Sahrai (li.), Michael Kiedaisch (mi.) und Liga Saukante (re.) gestalten die Sommeraktion des depot.K mit.

 

Die Idee hatte Laila Sahrai. Die gebürtige Afghanin lebt seit 30 Jahren in Deutschland, im vergangenen September ist sie nach Freiburg gezogen. Für die Sommeraktion nimmt sie sich malend der über tausend Jahre alten afghanischen Buddhastatuen an, die von den Taliban zerstört wurden. „Das ist meine Art nach Identität zu suchen, meinen eigenen Wurzeln nachzugehen“, beschreibt die 39-Jährige ihre Motivation. „Von dem Land bekomme ich nur das mit, was ich in den Medien über Taliban, Terror und Burka höre – die Statuen sind ein Stück Geschichte, mit der ich mich lieber identifiziere als mit diesen Medienberichten.“

 

Ihr Projekt gestaltet sie gemeinsam mit der lettischen Künstlerin Liga Saukante, die sich dem indischen Tempeltanz widmet. „Der Tempeltanz ist der einzige Tanz, den ich kenne, der tief in mir etwas bewegt“, so die Tänzerin, die seit sechs Jahren in Freiburg wohnt. „Er passt sehr gut in unser gemeinsames Projekt, da wir uns beide nicht mit unseren Herkunftsländern identifizieren, sondern mit unseren inneren menschlichen Werten.“ Werte, die an keiner Staatsgrenze Halt machen. „Identität wird meist mit Nationalität oder Religion verbunden – wir wollen sie auf andere Art finden“, beschreibt Sahrai das Projekt, denn die Kunst reiche über sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg.

DepotK_2

 

Wie Kunst vereinen kann, lässt sich auch am Musiker Michael Kiedaisch und am Maler Marcello Martinez Vega sehen, die in benachbarten Werkstätten in Schallstadt arbeiten. „Marcello und ich haben sehr unterschiedliche biografische Hintergründe – er kommt aus Ecuador, ich aus Stuttgart. In der Kunst finden wir jedoch eine gemeinsame Schnittmenge“, erzählt Kiedaisch.

 

Diese Schnittmenge zwischen der Musik des einen und der Malerei des anderen seien die Noten. „Wir arbeiten oft parallel und bekommen viel vom anderen mit“, erzählt der 51-Jährige, „manchmal lässt sich Marcello von meiner Musik inspirieren, und dann finde ich am nächsten Tag solch eine grafische Partitur auf meinem Notenständer“ (Foto oben).

DepotK_3

 

Kiedaisch hält ein Blatt in die Höhe, auf dem geschwungene Notenlinien und fantasievolle, teils frei erfundene Noten zu sehen sind: „Das kann man dann interpretieren, wobei der Spielraum natürlich sehr groß ist.“

 

Der Musiker holt eine lasterreifengroße Trommel mit metallenem Rahmen hervor und spannt eine Saite darüber. Krachend lässt er einen Schläger auf das Fell sausen, lässt den Griff leicht über den Metallrahmen wandern und entlockt der Saite so hell vibrierende Töne. Ob diese Klänge auch bei seinem Auftritt zum Auftakt der Sommeraktion zu hören sind, steht noch nicht fest – Kiedaisch will seine Musik dem Publikum anpassen: „Das Schöne an improvisierter Musik ist ja, dass ich auch wenn ich jemanden gar nicht kenne und seine Sprache nicht spreche, dennoch auf ihn eingehen und sogar mit ihm zusammen musizieren kann.“ Auch für Sahrai ist Kunst eine Kommunikation über Grenzen hinweg: „Kunst vereint. Sie ist die Sprache des Gefühls und das ist eine Universalsprache.“

 

Text & Fotos: Tanja Bruckert

 

Diese Wochenende geht’s los: Sommeraktion des depot.K
> „Auf der Suche nach der verlorenen Identität“: 11. bis 27. Juli
> Vernissage: 11. Juli, 20 Uhr, Objekt Performance & Konzert / Vega und Kiedaisch
> Finissage: 27. Juli, 14 Uhr, Malerei & Tanz / Saukante und Sahrai