Die Thriller von Jo Nesbø werden von Kennern des Genres sehr geschätzt, denn sie gehören zu den spannendsten Büchern, welche die skandinavische Krimi-Literatur derzeit zu bieten hat. Dass fast jeder neue Nesbø auf den Bestseller-Listen landet, liegt einerseits an dem Autor aus Oslo, andererseits an dessen Übersetzer. Und der lebt im südbadischen Waldkirch: Günther Frauenlob.

Auf einer Anhöhe mit weitem Blick über die Stadt lebt und arbeitet Frauenlob in einem roten Holzhaus, das auch gut in Skandinavien stehen könnte. Der Übersetzer ist mit über 1,80 Metern Körpergröße ein Bär von einem Mann mit braunem Vollbart und blauen lachenden Augen. Die Liebe zu Norwegen entdeckte der 46-Jährige während seines Geografie-Studiums in Freiburg. Die Sprache hatte er ursprünglich nur gelernt, um sich im Norwegen-Urlaub besser mit den Menschen unterhalten zu können. Er las viel norwegische Literatur und fragte sich irgendwann, warum all die tollen Bücher nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Also nahm er Kontakt mit Verlagen auf und versuchte sich als Übersetzer. Der Einstieg war sehr schwer, denn es dauerte lange, bis er einen deutschen Verlag fand. Dann kam vor zwölf Jahren das Angebot, die Krimis von Jo Nesbø zu übersetzen. Ein Glücksfall. Nachdem Frauenlob drei Bücher des Norwegers ins Deutsche übertragen hatte, lernte er Nesbø bei dessen erster Lesereise in Deutschland kennen. Autor und Übersetzer verstanden sich auf Anhieb, denn Nesbø, der sich in Norwegen auch als Pop-Musiker einen Namen gemacht hat, „ist ein lockerer, offener Typ“, erzählt der Übersetzer.

Mittlerweile hat Frauenlob alle bisher erschienenen neun Nesbø–Thriller mit dem Ermittler Harry Hole übersetzt. Klar, dass ihm die Figur des cleveren Kommissars, der immer wieder gegen seinen Alkoholismus ankämpft, ans Herz gewachsen ist: „Ich bin seit Jahren mit ihm auf Reisen, leide und hoffe mit ihm und wünsche ihm eine positive Zukunft. Aber das wird wohl nichts, weil es nicht ins Bild passen würde. Trotzdem mag ich die Figur schon sehr gerne.“


Während er bei wissenschaftlichen Texten oder „normalen“ Autoren sofort mit der Arbeit beginnen kann, liest Frauenlob die Nesbø-Bücher erst einmal gewissenhaft durch. Denn aufgrund der vielen Details muss er zunächst herausfinden, ob der Autor nur eine Fährte legt, die ins Nichts führt, oder ob er den gesponnenen Faden später wieder aufnimmt. Deshalb sei es essentiell wichtig, den Schluss der Geschichte zu kennen. Oftmals fragt Günther Frauenlob bei schwierigen Passagen seine französische Frau Laurence um Rat, die als Übersetzerin für Forschungsinstitute und Zeitschriften arbeitet.

„Es kommt bei einer guten Übersetzung darauf an, die richtigen Bilder und Stimmungen wiederzugeben. Das geht nicht immer wortwörtlich.“ Als Beispiel nennt Frauenlob den Ausdruck „svin i skogen“ (Schwein im Wald), der im Norwegischen verwendet wird, wenn man irgendetwas zu verbergen hat. Im Mittelalter hielten nämlich viele Norweger ohne Erlaubnis der Großgrundbesitzer ihre Schweine im Wald. Frauenlob fand für die deutsche Übersetzung das Synonym „eine Leiche im Keller zu haben“.

Rund drei Monate braucht er, um einen Nesbø zu übersetzen. Trotz des immensen Zeitdrucks liebt Frauenlob seinen Beruf. Und das, obwohl die Übersetzertätigkeit von den Verlagen nicht gerade üppig honoriert wird. Obwohl er sich viel Mühe gibt, passieren aber auch immer mal wieder Fehler. Dann kann er sich richtig ärgern. „Ich habe den Text dreimal gelesen, die Lektorin ist es dreimal durchgegangen und dann gibt es noch einen doppelten Korrektoren-Durchgang. Und trotzdem bleibt irgendetwas hängen – das ist einfach richtig blöd!“

Der begeisterte Wanderer, Fliegenfischer, Mountainbikefahrer und Weintrinker lebt mit seiner Frau Laurence und den zwei Töchtern gerne in Waldkirch. Bleibt die Frage, ob sich die Eltern auch vorstellen könnten, nach Norwegen zu ziehen. Frauenlob hätte damit kein Problem, aber seine Frau schon. Denn „Norwegen ist einfach viel zu weit von der Provence entfernt“.

Text: Sebastian Bargon / Foto: Privat

Die Larve
Kriminalroman von Jo Nesbø
Aus dem Norwegischen
übersetzt von Günther Frauenlob
Verlag: Ullstein, 2011
Seitenzahl: 576, gebunden
Preis: 21,99 Euro