Der Freiburger Medienpädagoge Sven Kommer über „Digitale Demenz“

Seit Wochen steht das Buch „Digitale Demenz“ des Hirnforschers Manfred Spitzer in den Bestsellerlisten. Darin stellt der Autor allerhand Thesen auf, die belegen sollen, dass Medien und insbesondere Computer uns – und vor allem unsere Kinder – dümmer machen. Allerdings bekommt der Populärwissenschaftler seit Erscheinen seines Werks Gegenwind vonseiten zahlreicher deutscher Medienpädagogen. Auch Sven Kommer, der seit 2001 an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg im Fachbereich Medienpädagogik doziert, runzelt über Spitzers Werk die Stirn.

chilli: Herr Kommer, ihr Kommentar zur Diskussion um die „Digitale Demenz“?
Kommer: Ich habe die Diskussion um das Buch interessiert mitverfolgt. Kritik an neuen Medien gibt es ja immer wieder. Auffällig an dieser von Spitzer angeführten Kritikwelle ist, dass sie auf viel Gegenkritik stößt.

chilli: Zu Recht?
Kommer: Ich hatte nicht die Zeit, alle seine Quellen durchzugehen, aber es scheint, als würde er sehr unsauber arbeiten. Das scheint mir auch die einzige Möglichkeit zu sein, zu seinen Befunden zu kommen. All das, was er als eindeutig darstellt, kennen wir Medienpädagogen so nicht. Vieles, was Spitzer als belegt anführt, kann nicht als belegt gelten.

Medienpädagoge Sven Kommer: Als Vater ist er konservativer – seine Tochter hat keine Playstation.


chilli: Was macht Spitzer aus wissenschaftlicher Sicht konkret falsch?
Kommer: Spitzer differenziert überhaupt nicht. Er wirft Studien über Computer, Fernsehen, Internet wüst durchein- ander. Studien aus den 50ern, die sich aufs Fernsehen beziehen, werden plötzlich auf die Computernutzer der heutigen Generation übertragen, nur weil da ja auch ein Bildschirm ist. Und überhaupt: Was ist überhaupt „der Computer“? Was ist „das Internet“? Natürlich kann ich mir den ganzen Tag im Netz Hardcore-Pornos reinziehen. Ich kann aber auch in einem Forum über hochwissenschaftliche Themen und Theorien diskutieren. Beides ist Internet, beides ist Computer. Beides sind zwei völlig verschiedene Dinge. Ohne dass ich das differenziert betrachte, hat es keinen Sinn, darüber zu reden.

chilli: Und wieso schafft er es dennoch in die Bestsellerlisten?
Kommer: Spitzer schürt eine mediale Angst – dafür sind Menschen seit jeher empfänglich. Wir finden in der Antike schon Diskussionen drüber, ob nicht die Fähigkeit des Lesens die Fähigkeit des Erinnerns beschränkt. Kann ich mir noch Sachen merken, wenn ich sie permanent aufschreibe und hinterher nachlese? Es ist die permanente Angst davor, dass durch ein neues Medium Fähigkeiten verloren gehen, die wichtig sind. Wir haben im ausgehenden 19. Jahrhundert Schriften über die Gefährdung junger Damen durch das Lesen schlechter Romane. Dann kommt die Gefährdung Jugendlicher durch das Kino. Später die Kriminalisierung junger Menschen durch das Fernsehen. Das sind Figuren, die immer wieder kommen, und es macht auch Sinn, darüber nachzudenken: Was machen neue Medien mit der Gesellschaft?

chilli: Und was machen sie mit der Gesellschaft?
Kommer: Sie verändern sie, das ist doch völlig klar. Aber eine Gesellschaft war noch nie etwas Stabiles. Egal in welche Epoche wir reingucken, da ist überhaupt nichts stabil. Dinge ändern sich – und heutzutage geht das rasanter. Auch dank der Medien.

chilli: Spitzer sagt: Wer eine Playstation verschenkt, verschenkt schlechte Noten. Würden Sie ihrer Tochter eine Playstation schenken?
Kommer: (lacht) Ich gebe zu, als Vater bin ich konservativer denn als Medienpädagoge. Sie hat keine Playstation. Aber sie hat einen Rechner – und da sind auch Spiele drauf.

Foto: Felix Holm