Reenactment-Anhänger spielen historische Schlachten nach

Mal eben die Uniform überstreifen? Diesen Vorschlag weist Michael Maucher entschieden zurück. „Wenn wir das machen, dann nur, um wirklich in eine Rolle zu schlüpfen“, sagt der 53-jährige Offenburger, der sich selbst als „Hardcore-Reenactor“ bezeichnet. Reenactment – so nennt man ein Hobby, das ursprünglich aus den USA nach Deutschland geschwappt ist. Dort stellen historisch interessierte Gruppen bedeutende Geschichtsereignisse nach, zum Beispiel die Schlacht von Waterloo.

Robert Schlenker als Generaloberst der badischen Armee.

 

Wie in den USA nehmen auch die deutschen Vertreter ihr Hobby äußerst ernst: „Uns geht es nicht darum, für andere ein Schauspiel zu liefern, sondern uns selbst mit der Materie auseinanderzusetzen“, sagt Maucher. Die Schränke und Regale seines Wohnzimmers sind gefüllt mit Soldatenmützen, Militärabzeichen, Trinkflaschen und Uniformen. „Das ist mehr als ein Spiel“, betont Maucher, der neben seinem bürgerlichen Namen auch zwei selbsternannte Armeeränge innehat: Sergeant der 2. Badischen Jägerkompanie 1808 und Private im 42nd Royal Highland Regiment of Foot (ein schottisches Regiment im 17./18. Jahrhundert).

Wer ins Reenactment eintaucht, schlüpft für einige Tage in eine Rolle, die mit dem modernen Alltag nichts mehr zu tun hat. Europaweit treffen sich Gleichgesinnte, um Schlachten an Originalschauplätzen nachzustellen. Allein in diesem Jahr war Michael Maucher in Deutschland, Italien, Spanien, Belgien, Holland und Frankreich aktiv – immer gekleidet in selbst genähte Uniformen. „Bevor wir ein Kleidungsstück herstellen, vergehen zwei bis zehn Jahre Recherchearbeit.“

Bei Maucher geht die Leidenschaft so weit, dass er sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Als „Schuhnagel“ stellt er vom Gürtel bis zum Tornister alles her, was das Reenactment-Herz begehrt. „Als ich Ende der 70er-Jahre anfing, war es in Deutschland schwer, an geeignete Ausrüstungen zu kommen“, sagt Maucher. Man habe die eigentlich nur in den USA kaufen können. Seit den 90er-Jahren betreibt er seinen Shop (www.schuhnagel.de) hauptberuflich, die meisten Kunden kaufen ihre Accessoires ganz neuzeitlich per Online-Bestellung.

Einen anderen Schwerpunkt hat sich Robert Schlenker gesetzt, der hauptberuflich als Maschinenbauer arbeitet. Er ist 49 Jahre alt, kommt aus Dauchingen bei Villingen-Schwenningen und steht dem „Freundeskreis Lebendige Geschichte“ vor. Auf Fotos sieht er mit seiner weißen Uniformhose, den Schulterstücken und dem breiten Hut wie Napoleon höchstpersönlich aus – natürlich nur für Laien. In Wahrheit verkörpert er einen Generaloberst der Badischen Armee zwischen 1786 und 1815.

Michael Maucher (links) und Robert Schlenker zwischen ihren Uniformen mit selbstgemachte Feldflaschen.

 

 

Als Vereinsvorsitzender kümmert sich Schlenker nicht nur um blank geputzte Bajonette und gut geölte Gewehre. „Die Organisation der Veranstaltungen nimmt fast 50 Prozent der Zeit ein“, sagt der Hobby-General, der seinen gesamten Urlaub dem Reenactment widmet. Ein Event will gut geplant sein: Woher kommen die Pferde? Wer trifft die Absprachen mit der Polizei? Sind alle Teilnehmer versichert? Zwar sind im Gefecht keine echten Kugeln im Einsatz – auch für Historiker gelten aktuelle Waffengesetze –, aber im Scharmützel gehören Blessuren dazu. „Jeder von uns hatte schon einmal blaue Flecken.“ Bei aller Authentizität stürme man aber nicht mit gefletschten Zähnen aufeinander los.

In Baden gehen rund tausend Menschen dem Reenactment nach – vom Römer über den Schwarzwald-Bauern bis zum 1848er-Revoluzzer. Sie exerzieren, marschieren, campieren und kämpfen, immer versucht, der Vergangenheit möglichst nahe zu kommen. Manchmal liegt nur ein schmaler Grat zwischen Realismus und Pietätlosigkeit. „In England spielen einige schon den Irakkrieg nach“, räumt Maucher ein. Amerikanische Gruppen hätten kein Problem damit, SS-Uniformen zu tragen – eine hässliche Facette des Reenactment, der man in Deutschland klar widerspreche.

Doch auch an Mauchers Auto klebt ein Aufkleber mit dem Logo des Deutschen Afrikakorps: ein Wehrmachtsverband, der von 1941 bis 1943 Nordafrika besetzt hielt. „Mein Interesse gilt dem Militär im Allgemeinen“, rechtfertigt sich der Reenactor. Schließlich seien auch Aufkleber der Fremdenlegion, der Kommandotruppen von Sri Lanka und der Royal Thai Marines auf dem Auto. „Ich bin ein Demokrat durch und durch“, betont Maucher und zeigt ein Foto seiner Frau Chamini – eine Sri-Lankerin.

Text: Steve Przybilla / Fotos: Steve Przybilla, privat

Infos
Freundeskreis Lebendige Geschichte e. V.
Vorsitzender: Robert Schlenker
www.f-l-g.de
praesident@f-l-g.org
Tel. (0611) 378-967 (Geschäftsstelle Wiesbaden)