Was als Ettenheimer Schulorchester ganz klein begonnen hat, ist heute ein semiprofessionelles Orchester, das für seine gigantischen Konzerte bekannt ist: Wenn das Rock Symphony Orchestra – das sich gerne als größte Band der Welt bezeichnet – sein crossover-Programm aus Rock und Klassik aufführt, bevölkern 200 Musiker und Sänger die Bühne. Weniger gigantisch sind jedoch die Finanzen der Orchestra and Choral Society (ORSO) – im vergangenen Jahr verzeichnete der gemeinnützige Verein gerade einmal einen Gewinn von 227 Euro. Und dann fiel sogar das angekündigte Open Air bei Ganter flach. Kein Geld.

Orchestra and Choral Society (ORSO)

 

„Es wären Kosten von rund 12.000 Euro hinzugekommen, mit denen wir bei der Planung nicht gerechnet haben“, erläutert der Gründer und musikalische Leiter Wolfgang Roese die Absage, „das hätte unser Orchester ruinieren können.“ Vor allem eine neue Stromleitung und die Lärmschutzmessungen hätten die Kosten in die Höhe getrieben. Ein Teil der Feierlichkeiten – die Operngala „Wahn & Verismo“ – würden im November im Konzerthaus nachgeholt.

Klar, wer am Ende des Jahres nur 277 Euro übrig hat, kann sich wie Roese fragen: „Warum tun wir uns das an.“ Für ihn ist der spärliche Reingewinn seines Orchesters aber sogar ein positives Ergebnis: In den beiden Vorjahren hatte das ORSO noch rote Zahlen geschrieben. Zwar standen 2012 auf der Haben-Seite beträchtliche Konzerteinnahmen von über 228.000 Euro, Mitgliedsbeiträge von 21.000 und Spenden von 5500 Euro. Nach Abzug der Produktions- und Verwaltungskosten für die riesige Orchestergesellschaft ist davon jedoch fast nichts mehr geblieben.

Wenn die Antwort auf Roeses Frage also nicht in der Bilanz zu finden ist, dann vielleicht in der Entwicklung des Orchesters, dessen Anfänge noch ganz bescheiden waren: Im Sommer 1993 probten Roese und seine Mitstreiter in einer kleinen Turnhalle erstmals für ihr Rock-Symphony-Project, das Orchesterbüro befand sich damals noch in seinem Kinderzimmer in Kippenheim. Mit dem Heranwachsen der Mitglieder wurde aus dem Schüler- ein Studentenorchester, das sein Büro fortan in einer 4er-WG hatte, wo „schon mal die Spaghettisauce vom Herd auf das Buchungssystem gespritzt ist“, erinnert sich der heute 37-jährige Gründer.

Orchestra and Choral Society (ORSO)

 

Auch wenn die „wilden Garagenzeiten“ mittlerweile vorbei sind, die Räumlichkeiten in der Schwarzwaldstraße sind geblieben. Hier kümmern sich bis zu acht haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter um die Organisation. Roese selbst wohnt heute in Berlin, wohin er „auf der Suche nach kreativem Input“ gezogen ist – eines der etwa zehn Konzerte im Jahr gibt ORSO seither in der Hauptstadt.

Mit seiner Professionalisierung hat sich auch die Bandbreite des Orchesters in den vergangenen 20 Jahren erweitert. Durch die Crossover-Projekte der Rock Symphony, bei denen E-Gitarre auf Opernsänger trifft, schon immer breit aufgestellt, hat seit der Gründung eines zweiten Orchesters – der ORSOphilharmonic – auch die Klassik ihren festen Platz in der Freiburger Orchestergesellschaft. „Das ORSOphilharmonic konnte dadurch entstehen, dass viele über das Crossover-Projekt zu unseren klassischen Konzerten gefunden haben“, meint Roese, „wir konnten uns über die letzten Jahre ein Publikum erziehen.“

Diese Erziehung findet auch Eingang ins Programm, für Roese ein Kompromiss zwischen der Musik von unbekannten Komponisten, die es verdient hätten, gespielt zu werden, und einem gefälligen Teil, bei dem man das Publikum mitnehme. Nur nach seinen eigenen Vorlieben zu spielen, könne sich das Orchester nicht leisten – bei den angespannten Finanzen dürfe nicht ein einziges Konzert floppen.

Orchestra and Choral Society (ORSO)

 

Finanzielle Probleme, „Eiertanz“ bei der Programmgestaltung, der Druck, jedes Konzert zu einem Erfolg zu machen – ja, warum tut man sich so etwas nun an? Die Antwort darauf fasst nicht Roese, sondern Anke Hertle vom Orchester in Worte: „Es ist dieser Gänsehautmoment, der sich jedes Mal einstellt, wenn man auf die Bühne kommt. Dieser eine Moment ist die ganzen Mühen wert.“

Text: Tanja Bruckert / Fotos: Orso, Dieter Kenz