Sätze scharf wie Messer, Analysen so schonungslos wie wahr. Sibylle Berg, seit ihrem Debütroman 1997 „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ als große Apokalyptikerin des Privaten geschätzt, ist mal wieder in die Abgründe von Liebe, Sex und Enttäuschungen hinabgestiegen. In ihrem neuen Werk „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ wollen es Chloe und Rasmus – ein Paar in der Lebensmitte, Haus im grünen Gürtel einer mittelgroßen Stadt und beide ob der eigenen Mittelmäßigkeit und ob des Verfalls im Alter resigniert – noch einmal wissen.

Er, einst gefeierter Theaterregisseur und seit Langem am Absteigen, fährt für ein Projekt mit einheimischen Jugendlichen in eine verdreckte afrikanische Stadt. Statt großer Kunst gibt es jeden Tag kleine Niederlagen, desillusionierende Nadelstiche. Sie begleitet ihn in die Selbstfindungshölle, graust sich vor dem Leben und dem Ort, und findet dann doch eine Art Erfüllung: hemmungsloser Sex mit Masseur Benny. Und als der neue Lover dem Paar nach Europa hinterher reist, da wird es richtig drastisch.

 

Sibylle Berg ist sich treu geblieben. Routiniert und sprachgewaltig lässt sie ihre Protagonisten in den Abgrund fahren. Vielleicht etwas zu routiniert, zu vorhersehbar, zu monoton. Denn der Leser hätte sich ein bisschen mehr von der sentimentalen Sibylle Berg, die sie auch ist, gewünscht. Dennoch: großes Erzählkino für Zyniker.

 

Text: Dominik Bloedner

 

Der Tag als meine Frau einen Mann fand

 

 

 

 

Sybille Berg
Der Tag, als meine Frau einen Mann fand
254 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, 2015
19,90 Euro