Er war schon Beethoven, Dracula und Präsidentenmörder Lee Harvey Oswald. Jetzt wurde Gary Oldman (53) die Ehre zuteil, im britischsten aller Geheimdienstthriller die Hauptrolle zu spielen: in “Dame, König As, Spion” (Start: 2. Februar) nach dem Bestseller von John Le Carré. Die gleichnamige TV-Serie um den Meisterspion George Smiley von 1979 mit Sir Alec Guinness gilt noch heute als legendär. Für Smiley sind seine Kollegen – in der Leinwandfassung Colin Firth, John Hurt und Mark Strong – die Figuren in einem strategischen Schachspiel zur Enttarnung eines Doppelagenten im Geheimdienst MI6. Im Interview trägt der oscarnominierte Gary Oldman Schnurrbart und eine Spießerbrille im Smiley-Look. Margarete Richter sprach mit dem sympathischen Briten.

chilli: Es ist schon komisch, dass Sie ausgerechnet für George Smiley Ihre erste Oscarnominierung erhalten: Dieser Spion in Rente ist die trägste Figur, die Sie je gespielt haben.
Gary Oldman: Er ist ja auch nicht mehr taufrisch, ungefähr in meinem Alter. Und ich habe schon genügend Zappelphilippe gespielt. Es macht nämlich ebenso großen Spaß, wenn die Regieanweisung schlicht lautet: Setz Dich da drüben in den Sessel und höre zu!

chilli: Wieviel Gary steckt in George?
Oldman: Zwei Dinge: Meine Fähigkeit, mich an Situationen anzupassen und meine Technik, mit gegebenen Situationen umzugehen. Aber das bin nur ich, der sein Ding durchzieht, wie bei Dracula oder Beethoven. Die Figur George Smiley ist einfach so toll, das Buch grandios. Ich hatte die Gelegenheit, John Le Carré zu treffen. Der war ja, bevor er den Roman schrieb, selbst ein Spion in dieser Zeit. Dichter am Material kann man sich eigentlich nicht vorbereiten. Hätte ich mich heute im MI6 umgeschaut, wäre ein verzerrtes Bild entstanden. Denn gerade im Geheimdienstbereich hat die technische Entwicklung enorm viel verändert.

Spion wollte Gary Oldman nie werden: "Ich war ein eher sportorientiertes Kind."


chilli: Als kleiner Junge wollten Sie …
Oldman: … erst Schauspieler und dann Fußballer werden, aber kein Spion. Ich war ein eher sportorientiertes Kind.

chilli: Waren die Dreharbeiten eine Zeitreise?
Oldman: Das ganze Projekt war sehr abgefahren. Eigentlich war es ja ein Kostümfilm, aber anders als bei Fantasy oder Historienschinken war es ein Kostümfilm mit einer Kulisse und Kostümen, die mir sehr vertraut waren. Wir standen am Set und ich dachte: “Oh, schau diese Feuerzeuge kenne ich doch.” Oder: “Wie süß, genau die gleichen Aschenbecher hatte meine Mutter auch!” Um es kurz zu machen: Ich fühlte mich verdammt alt.

chilli: Autor John Le Carré hat gesagt: “Wäre mir Alec Guinness’ Smiley in einer dunklen Gasse begegnet, hätte ich mich beschützt gefühlt. Vor Gary Oldman wäre ich um mein Leben davongerannt.”
Oldman: Unser George Smiley ist im Grunde ein Sadist. So wie auch der ganze Film nicht so lauschig und nostalgisch ist, wie es damals die Serie war. Inzwischen gibt es jede Woche irgendwo ein Event, das selbstverständlich auch jederzeit und überall online verfolgt werden kann. Wer geht denn heute noch ins Kino?

Gary Oldman spielt in der aktuellen Batman-Reihe den Polizisten James Gordon - auch in "The Dark Knight Rises" ist er wieder mit von der Partie.


chilli: Sie vielleicht?
Oldman: Aber ich gehöre damit einer aussterbenden Spezies an. Stellen Sie sich doch mal vor, Sie sehen im Kino Daniel Craig als 007 in einem Aston Martin auf Jamaica herumfahren. Sie wissen aber auch, dass zu Hause ein interaktives 3D-Onlinespiel liegt, in dem Sie selbst James Bond verkörpern können. Wofür werden Sie sich als Zwölfjähriger wohl entscheiden?

chilli: Dann finden Sie es nicht gut, dass es solche Spiele gibt?
Oldman: Doch natürlich, die Freunde meines jüngsten Sohnes respektieren mich ja nicht für meine schauspielerische Leistung, sondern weil ich eine der Figuren im Videospiel “Call Of Duty” spreche (lacht). Grundsätzlich halte ich das Internet für Segen und Fluch zugleich. Im Zeitalter des Internets gibt es kein Ende der Arbeitszeit mehr.

chilli: Wie zeigt sich das in Ihrem Job?
Oldman: Die Leute erwarten von einem, dass man immer und sofort präsent ist. Die schicken mir am Freitag eine E-Mail und wenn ich bis spätestens Samstag nicht geantwortet habe, schicken sie mir noch eine (Anm. d. Red.: Er sieht vorwurfsvoll seinen Manager an, der neben ihm sitzt). Warum kann heute niemand mehr bis Montag warten? Es ist eine wunderbare und gleichzeitig sehr aufdringliche Technologie.

chilli: Kennen Ihre Söhne jeden Ihrer Filme?
Oldman: Nein. In manchen Filmen nehme ich Drogen, ermorde Menschen, schlage Frauen, und so weiter. Das heißt, ich tue Dinge, von denen ich nicht möchte, dass meine Kinder sie sehen, bevor sie 17 oder 18 sind.

Fotos: Studiocanal / Warner Bros. Pictures