Komm, schöner Tod” ist die Verfilmung des umstrittenen Björn Kern-Romans “Die Erlöser AG”. Das Buch des 1978 geborenen Autors erzählt von einer überalterten, dementen deutschen Gesellschaft der nahen Zukunft – in der Sterbehilfe erlaubt ist. In dem von Friedemann Fromm (“Die Wölfe”) inszenierten SciFi-Drama (Do., 05.04., 22.15 Uhr, ZDF) spielt Herbert Knaup die Rolle des Journalisten Jens Kurzhals. Der muss sich zwischen Befürwortern und Gegnern des geplanten Ablebens entscheiden. Dabei gibt der 56-jährige Hauptdarsteller offen zu, dass auch ihm Verfall und das eigene sichere Ende Probleme bereiten. Eric Leimann hat mit dem Schauspieler gesprochen.

chilli: “Komm, schöner Tod” ist ein topbesetzter Film und erzählt von unserer Zukunft in einer überalterten Gesellschaft. Warum läuft ein so relevantes Thema erst um 22.15 Uhr?
Herbert Knaup: Ich dachte eigentlich auch, dass der Film um 20.15 Uhr läuft. Aber vielleicht habe ich ja beim Lesen die zweite Zwei für eine Null gehalten. Ich war jedenfalls überrascht von diesem Ausstrahlungstermin. Der Film war, so weit ich weiß, ursprünglich für die Primetime vorgesehen. Aber vielleicht haben die Verantwortlichen kalte Füße bekommen.

Nach "Erntedank. Ein Allgäukrimi" (2009) schlüpfte Herbert Knaup für den Film "Milchgeld" erneut in die Rolle des Kommissars Kluftinger.



chilli: Alte, Kranke und Pflegebedürftige schaut man sich nicht so gern an im Fernsehen. Ist unsere wahrscheinliche Zukunft ein Quotenkiller der Gegenwart?
Knaup: Sie sagen es – eigentlich erzählen wir von einem Thema, das uns alle enorm angeht. Ich denke, es hat viel mit Verdrängen zu tun. Wenn wir im Film einen alten Menschen mit Windeln sehen, bekommen wir Angst, dass es uns selbst irgendwann so gehen könnte. Ich gebe zu, dass in mir dieser Reflex auch existiert. Ich möchte mich gar nicht damit beschäftigen. Deshalb habe ich auch großen Respekt davor, dass mein 22-jähriger Sohn, der jetzt Medizin studiert, seinen Zivildienst in einem Altenheim absolviert hat. Er hat mir von Dingen erzählt, die führten bei mir schon hin und wieder zu einem Schüttelreflex.

chilli: Sie selbst haben keine Erfahrung mit der Pflege von Alten oder Kranken?
Knaup: Nee, den Zivildienst konnte ich umgehen, weil ich damals ein paar Jahre in der Schweiz gelebt habe. Meine Mutter ist 91 Jahre alt und kann sich immer noch komplett selbst versorgen. Sie ist geistig und körperlich voll da. Dazu leben meine Schwestern in der Nähe von ihr und kümmern sich. Weil ich der Jüngste bin, habe ich vielleicht auch ein bisschen das Glück des Spätgeborenen.

chilli: Haben Sie Angst vorm Alter?
Knaup: Ein bisschen. Ich bin jetzt 55. Mein Vater ist mit 79 gestorben. Ich erinnere mich daran, dass er große Probleme hatte, den eigenen körperlichen Verfall zuzulassen. Mein Vater war so ein ganz starker, korpulenter Maschinenschlosser. “Schau dir das mal an”, sagte er zu mir, da war er etwa Mitte siebzig. Und dann hat er mir seine hängenden, schlaffen Muskeln gezeigt. Das war für ihn ganz schrecklich. Weil er sich immer über die Kraft und seinen Körper definiert hat. Vielleicht bin ich nicht ganz so körperlich wie er, aber ich könnte auch Probleme damit bekommen. Meine Mutter sagt dagegen immer: “Alt werden kann man ertragen, wenn nur die Schmerzen nicht wären.” Klar ist, irgendwann gerät die Leidensfähigkeit, die man einem Menschen zumuten will, an ihre Grenze.

"Komm, schöner Tod": Der versoffene Journalist J. K. (Herbert Knaup, rechts) pflegt seinen demenzkranken Vater (Peter Franke).



chilli: Der Film behandelt das Thema Sterbehilfe. Sind Sie dafür oder dagegen?
Knaup: Ich weiß es nicht, das kommt auf den Fall an. Tendenziell bin ich dagegen. Aber ich weiß auch, dass man sehr stark sein muss, um diese Grenzsituationen aushalten zu können. Schlimm ist, dass unsere Gesellschaft den Einzelnen immer mehr alleine lässt. Wenn man eingebettet ist in eine Familie, in Menschen, die sich wirklich um dich kümmern, kann man eine Menge mehr aushalten. Aber das ist eben das Problem, dass solche Strukturen heute immer seltener existieren.

chilli: Kann man sich überhaupt auf das eigene Ende vorbereiten?
Knaup: Es gibt verschiedenen Strategien, mit dem Unausweichlichen umzugehen. Einige machen sich eine Menge Gedanken und beruhigen sich dadurch, dass sie glauben, viele Vorkehrungen getroffen zu haben. Das ist auch Okay. Ich glaube aber, dass da Dinge mit einer Kraft auf uns zukommen, die man heute noch gar nicht abschätzen kann. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben. Manche Dinge kann ich erst dann beurteilen, wenn sie mir tatsächlich passieren. Ich hege die Hoffnung, dass ich dann, wenn ich in eine solche Situation komme – krank, mit Schmerzen, pflegebedürftig – die richtigen Antworten finde. Aber ein Spaß wird es sicher nicht.

chilli: Ist es eine besondere Begabung, mit der eigenen Vergänglichkeit gelassen umzugehen?
Knaup: Das Thema begleitet die meisten Menschen lange genug, dass man annehmen könnte: “Hey, du hattest doch genug Zeit, dich darauf einzustellen.” Einige gut gelaunte Philosophen sagen sogar: Mit der Geburt beginnt schon das Sterben. Deshalb sollte man auch jeden Tag, den man auf dieser Erde sein darf, genießen. Doch wem gelingt das schon? Wer schafft es, sein Leben durch die Bank weg in vollen Zügen zu genießen? Stattdessen verplempern wir die meiste Zeit.

Wie soll man sterben? "Komm, schöner Tod" ist mit Dietrich Hollinderbäumer (links), Anna Loos und Herbert Knaup topbesetzt.



chilli: Ist der Mensch irgendwie falsch programmiert, wenn es um die Suche nach dem Glück geht?
Knaup: Ich habe gerade das Buch einer Australierin gelesen, die viele alte Menschen beim Sterben begleitet hat. In “The Five Regrets Of Dying” fasst sie die Wünsche ihrer Patienten zusammen. Wenn sie fragte, was die Sterbenden im Nachhinein lieber anders gemacht hätten, kamen immer wieder die gleichen Dinge: Die meisten sagen, sie hätten viel zu viel gearbeitet. Dass sie sich nicht genug um den Partner und – meistens die Männer – nicht genug um die Kinder gekümmert hätten. Dass sie sich außerdem viel zu viel selbst kasteiten und nicht auf die eigenen Bedürfnisse und Wünsche geachtet hatten. Wie es aussieht, tendieren wir leider dazu, die wichtigen Dinge im Leben aus unerfindlichen Gründen aus dem Auge zu verlieren.

chilli: Versuchen Sie, Ihrem Leben – wie es so schön heißt – aktiv Sinn zu geben?
Knaup: Na klar (lacht), das tue ich schon. Als Schauspieler ist man in dieser Hinsicht allerdings ziemlich privilegiert. Wir dürfen ein Leben lang spielen. Wir können für immer auf der Spielwiese bleiben, von der sich andere mit dem Erwachsenwerden selbst vertreiben oder vertrieben werden – was dem Menschen sicher nicht gut tut. Man spricht ja bei uns gerne vom inneren Kind. Als Schauspieler muss ich darauf achten, nie erwachsen zu werden und das Kind in mir zu pflegen. So etwas ist eine gute Voraussetzung fürs Glück. Dazu habe ich Verantwortung im Leben – einen gerade mal dreieinhalb Jahre alten Sohn. Der hält mich jung und auf Trab. Wenn ich in die Kita komme, denken sich manche vielleicht: “Hm, ist das jetzt der Papa oder der Opa.” Aber da muss man drüberstehen (lacht). Es macht wahnsinnigen Spaß, in meinem Alter noch mal von vorne anfangen zu dürfen.

chilli: Hat der Film “Komm, schöner Tod” eine Botschaft – abseits davon, dass unsere Zukunft düster wird?
Knaup: Vielleicht die, dass wir aufeinander aufpassen müssen. Wir dürfen nicht zulassen, dass eine Kluft entsteht zwischen alt und jung, zwischen stark und schwach. Wenn die Gesellschaft auseinanderfällt, wie es manchmal den Anschein hat, sind wir alle die Leidtragenden.

Fotos: BR / Bettina Keller / ZDF / Julia Terjung