Er sieht gut aus, hat selbstverständlich blaue Augen und ist 1,84 Meter groß. Im Interview wechselt Jean-Yves Berteloot, Pariser seit 25 Jahren, fast spielerisch die Sprachen. Vom Französischen ins Deutsche ins Englische. Besonders Letzteres ist very british, sehr perfekt. Berteloot, Jahrgang 1957, ist der Typ Schauspieler, der den Liebhaber wohl ewig spielen kann. Nach der ZDF-Sonntagsromanze “Ein Sommer im Elsass” (Sonntag, 15. April, 20.15 Uhr) möchte man meinen, er sei für alle Zeit auf diesen leicht ergrauten Märchenprinzen festgelegt, der nicht nur ganz besonders einfühlsam ist, was Frauen anbetrifft, sondern der auch genügend Kohle hat, um ihnen (als heimlicher Banker!) ein Paradies auf Erden zu bieten. Im Interview mit Wilfried Geldner entpuppt sich der hierzulande noch weitgehend Unbekannte als eher vielseitiger Charakterkopf.

Der französische Schauspieler Jean-Yves Berteloot spielt den Elsässer Marc von der Lohe im ZDF-Sonntagsfilm "Ein Sommer im Elsass". "Ein Film wie Schokolade", sagt Berteloot.



chilli: Was für eine Rolle. Sie treten als Bauer im Elsass auf, helfen einer Berlinerin, die mit ihrem Auto liegengeblieben ist, wieder auf die Sprünge. Sie machen sie mit ihrer Liebe glücklich und obendrein auch noch mit einem Haufen Geld!
Jean-Yves Berteloot: Es ist ein Wohlfühl-Film, ein Film wie Schokolade, und ich bin darin derjenige, der Freude machen darf, der alles ins Lot bringt – a miracle man!

chilli: Es ist ein richtiges Bilderbuch-Elsass mit Weinbergen und Kirchturm dahinter. Nur die Störche fehlen. Wo haben Sie gedreht?
Berteloot: Wir haben in Sélestat gedreht, einem kleinen Städtchen zwischen Straßburg und Colmar. Ich kenne die Gegend sehr gut. Ich wollte in Straßburg auf die große Schauspielschule gehen, wurde aber nicht genommen. Ich sagte mir “Vergiss’ es!” und ging dann auf das Konservatorium in Lille. Dort spielte ich fünf Jahre lang am nationalen “Théâtre de la Salamandre”.

chilli: Sie haben in fast 50 Kino- und TV-Produktionen mitgewirkt, waren 1989 als bester Nachwuchsschauspieler für den César nominiert. In Deutschland kennt man Sie aber erst seit dem Zweiteiler “Die Flucht” mit Maria Furtwängler richtig, wo Sie ein französischer Kriegsgefangener und Wortführer waren.
Berteloot: Das war für mich eine große Herausforderung, auf Deutsch zu drehen. Es war das erste Mal, aber ich habe es anscheinend geschafft. Viele Leute haben mich da gesehen. Danach gab es andere Angebote, und ich nehme sie an wie ein Geschenk, ich freue mich einfach darüber.

chilli: Französische Schauspieler, die in deutschen Filmen mitspielen, gibt es eher selten. Sind Sie ein zweiter Pierre Brice?
Berteloot (lacht): Ich glaube, ich bin ein bisschen jünger. Überhaupt ändert sich das jetzt: Die jungen Schauspieler spielen im europäischen Raum notwendigerweise in anderen Sprachen, also in Englisch, aber auch in Deutsch. Allerdings sind die Franzosen da nicht besonders beweglich. Umgekehrt ist es offensichtlich anders: Mein Partner Rüdiger Vogler, der im Film einen Schuster spielt, lebt in Paris. Bei den Dreharbeiten hatten wir miteinander viel Spaß. Er ist ein witziger Mensch. Wir fuhren mit den Traktoren, die im Film-Wettrennen vorkommen, wie im Kindergarten dauernd hin und her.

chilli: Apropos: Wo haben Sie Ihre Kindheit, die Schulzeit, verbracht?
Berteloot: Ich bin in Saint-Omer, Département Pas de Calais, an der belgischen Grenze aufgewachsen. Die Berteloots kommen ursprünglich aus Holland, mussten zur Zeit der Religionskriege nach Frankreich emigrieren.

Jeanine Weis (Tanja Wedhorn) beobachtet Bauer Marc (Jean-Yves Berteloot) bei seinem Versuch, nach einem Unfall Marcs störrischen Esel von der Straße zu bugsieren.



chilli: Saint-Omer?
Berteloot: War eine wunderbare Zeit. Die deutsche Partnerstadt von Saint-Omer ist Detmold. Gegen die haben wir als Schwimmer immer Wettkämpfe ausgetragen. Aber das Wasser war damals in Detmold saukalt. Ich war so paralysiert, dass ich in meinen Disziplinen, Brustschwimmen und viermal 25 Meter Lagen, keine Chance hatte.

chilli: Sind Sie künstlerisch durch Ihre Eltern vorgeprägt?
Berteloot: Gar nicht. Ich habe weder Schauspieler noch Musiker in der Familie. Aber mein Großvater war Museumswächter. Weil ich ein bisschen Deutsch und Englisch konnte, führte ich die Besucher durchs Museum, zeigte ihnen die Bilder und kassierte am Ausgang ein Taschengeld. Meine erste internationale Beschäftigung.

chilli: Sie haben mit vielen berühmten Leuten vor der Kamera gestanden, unter anderem mit Tom Hanks und Audrey Tautou in “The Da Vinci Code – Sakrileg”. Bei uns sind Sie aber mittlerweile durch eine herausgeschnittene Kussszene mit Maria Furtwängler bekannt. Dabei haben Sie bei den Dreharbeiten das Heft in die Hand genommen und Ihre Partnerin beruhigt …
Berteloot: Das ist schon sechs Jahre her. Ich weiß nicht, es gab kein Problem. Wir hatten sehr gute Laune am Set, aber vor Kusszenen gibt es immer ein wenig Stress, man muss dann einfach sagen: “Let’s go.” Dass die Szene herausgenommen wurde, hatte wohl dramaturgische Gründe.

chilli: Offensichtlich haben Sie viel komisches Talent, wie sich bei “Ein Sommer im Elsass” zeigt. Fast so locker wie Jean Dujardin, der zuletzt für “The Artist” den Oscar gewann. Werden Sie künftig wieder mehr Kinofilme machen?
Berteloot: Danke für den Vergleich. Es gibt leider kein Gesetz. Sie treffen die richtigen Leute, wenn Sie 30 sind. Oder vielleicht erst 20 Jahre später. Die Überraschung in diesem Metier ist immer möglich. Wenn mir vor sechs Jahren jemand gesagt hätte, ich würde auf Deutsch spielen, dann hätte ich wohl nur gelacht. Man entscheidet eben nicht alles – und viel weniger als man denkt.

Fotos: ZDF / Thomas Kost