Eigentlich war Kiefer Sutherland schon immer ein gemachter Mann. Als Sohn von Schauspiellegende Donald Sutherland erspielte er sich in Filmen wie “Stand By Me”, “The Lost Boys” und “Flatliners” in den Achtzigern den Ruf als hochgehandelter Newcomer in Hollywood. Dann folgten Rückschläge im Privatleben – die Scheidung von seiner ersten Frau, die Trennung von seiner damaligen neuen Verlobten Julia Roberts, eine weitere Trennung – und ein paar maue Jahre ohne große Aufträge. 2001 schlug Sutherland zurück: Als Eliteagent und Outlaw Jack Bauer rettete er in der Emmy- und Golden Globe-prämierten Echtzeitserie “24” acht Staffeln lang die Vereinigten Staaten vor Terroranschlägen aus fremden und den eigenen Reihen und erfolterte sich den Ruf eines Chuck Norris der Nuller-Jahre. Jetzt ist der 45-Jährige zurück im Fernsehen: In der Mystery-Drama-Serie “Touch” (ab Montag, 26.03., 21.10 Uhr, ProSieben) spielt Sutherland den alleinerziehenden Vater eines autistischen Jungen, der in Zahlenreihen das Schicksal fremder Menschen sehen und verändern kann. Im Interview mit Fabian Soethof im Berliner Soho House spricht Sutherland über den Kinofilm zu “24”, seine Erinnerungen an den 11. September 2001 und seine Kindheit als Sohn eines berühmten Vaters.

chilli: Mr. Sutherland, wie oft werden Sie als Jack Bauer angesprochen?
Kiefer Sutherland: In den Staaten passiert das öfter. Da werde ich hin und wieder Jack genannt. So oft wie ich Kiefer genannt werde.

chilli: Zucken die Menschen kurz zusammen, wenn sie Sie sehen? Sie verkörpern schließlich Amerikas Top-Terroristen-Jäger der letzten zehn Jahre!
Sutherland: Einmal bestieg ich ein Flugzeug, und als mich ein anderer Passagier sah, sagte er: “Jetzt fühle ich mich sicher.” Ich antwortete ihm: “Dann haben Sie die Serie nicht gesehen! Wenn ich ein Flugzeug besteige, passiert garantiert etwas Schlimmes.”

Nicht die Welt retten, sondern zum eigenen Sohn vordringen: Martin Bohm (Kiefer Sutherland, links) will seinen autistischen Sohn (David Mazouz) verstehen.



chilli: Warum haben Sie die Erfolgsserie “24” nach acht Staffeln enden lassen? Wurden alle denkbaren Anschlags-Szenarien durchgespielt?
Sutherland: Die Frage könnte vom Autor Howard Gordon vermutlich besser beantwortet werden. Er hatte noch 200 weitere Ideen, aber in meinen Gesprächen mit ihm erfuhr ich, dass er Angst hatte vor einer neunten Staffel, weil er nicht wusste, ob wir dafür zu sehr alten Boden betreten, zu tief in der Geschichte zurückgehen müssten. Wir wussten immer, dass wir eines Tages den Film machen würden – wenn nicht sogar mehr als nur einen. Es war als kein “Lebewohl” gegenüber dem Charakter der Geschichte, sondern eines gegenüber dem Medium TV. Das war schwer, glauben Sie mir …

chilli: Die Realisierung des Kinofilms wird endlich konkreter. Sie sprechen aktuell mit Regisseuren, heißt es.
Sutherland: Wir versuchen nicht nur den richtigen Regisseur zu finden, sondern auch den richtigen, der Zeit hat. Wenn die Arbeiten an der ersten Staffel “Touch” Ende April enden, haben wir ein kleines Zeitfenster, den Film zu drehen, bevor ich wieder mit “Touch” starte. Es war schon immer kompliziert, aber jetzt sind wir an dem Punkt, an dem wir immerhin ein Drehbuch haben, das wir sehr solide finden. Jack Bauer muss sich diesmal selbst retten, Details darf ich natürlich nicht verraten.

chilli: Auch “Touch”, Ihre neue Serie, basiert lose auf dem Hintergrund 9/11.
Sutherland: Meine Frau wurde darin am 11. September 2001 getötet. Sie war eine mächtige Geschäftsfrau, die in einem der Türme arbeitete. Das erklärt, warum ich ein alleinerziehender Vater bin, mit einem besonders hilfsbedürftigen Kind. Die Geschichte beginnt 2012 und hat abseits davon nichts mit 9/11 zu tun.

chilli: Wie ist ihre persönliche Verbindung zu diesen Ereignissen, kannten Sie Opfer?
Sutherland: Ich kannte keine Opfer, habe aber viele Freunde, die zu dieser Zeit in der Stadt waren. Wie jeder andere auch. Ich bin nicht verheiratet, ich war es damals nicht. Aber meine Ex-Frau und ich sind uns immer noch nah, wir reden jeden Tag, sind Teil des Lebens des anderen. Sie lebte in Toronto, ich in Los Angeles. Wir arbeiteten an “24”, drehten gerade die sechste oder siebte Folge, als 9/11 passierte.

chilli: Wie haben Sie die Ereignisse verfolgt?
Sutherland: Ich erinnere mich, wie ich den Fernseher einschaltete, das zweite Flugzeug schlug gerade ein. Es war 5 oder 6 Uhr morgens und einer der traurigsten Momente meines Lebens. Da waren zwei Leute, ein Mann und eine Frau, sie standen draußen auf dem Vorsprung eines Gebäudes, am Fenster. Man sah die Flammen, die immer näher kamen. Sie filmten diese Szenen von einem Hubschrauber aus und verstanden noch gar nicht, was da gerade passierte. Dieses Paar war durch ein Fenster voneinander getrennt. Sie versuchten, sich näher zu kommen. An einem Punkt schauten sie zurück in das Fenster und man sah, dass das Feuer schlimmer und schlimmer wurde. Und dann hielten sie sich an den Händen und sprangen (er zögert, d. Red.). Das war kein Film, das war das echte Leben.

chilli: Was haben Sie empfunden?
Sutherland: Ich dachte nur: Es könnte sein, dass diese Leute sich nicht einmal kannten. Und in diesem schrecklichen Augenblick treffen sie gemeinsam diese wirklich schreckliche Entscheidung. Wenn Sie mich also fragen, ob 9/11 mich persönlich traf: Ja, es war sehr tief persönlich. Ich kannte diese beiden Menschen nicht, aber ich werde nie vergessen, was ich da sah. In meinem Kopf hatten sie Familie. Dieses Bild wird für mich immer den Horror dieses Tages personifizieren.

Witwer Martin (Kiefer Sutherland, links) fällt es nicht immer leicht, mit seinem Sohn Jake (David Mazouz) zu kommunizieren.



chilli: Haben Sie heute Angst vor Terroranschlägen?
Sutherland: Nein. Das wäre ein unglücklicher Weg, dein Leben zu leben. Für mich ist 9/11 keine Lehre, die in der Zukunft bewahrt werden müsste. Es war einfach ein schreckliches Geschehnis. Ein Tag, den ich nicht vergessen werde.

chilli: Ihre Charaktere, ob in “24”, “Touch” oder “Melancholia”, eint eine innere und äußere Zerissenheit gegenüber ihren Familien oder dem, was davon übrig ist. Sehen Sie Parallelen zu Ihrem eigenen Leben?
Sutherland: Nein, ich sehe nicht zwangsläufig Parallelen. Einer der Gründe, warum ich von “Touch” neben der wunderschön erzählten Geschichte so angezogen war, ist, dass der Charakter des Martin Bohm sich deutlich von Jack Bauer unterscheidet. Es fühlte sich frisch und neu an. Und doch gibt es Parallelen. Ich spiele einen Vater, bei dessen Sohn schwerwiegender Autismus diagnostiziert wurde. Er spricht nicht, ich kann ihn nicht berühren, da ist keine Kommunikation zwischen uns beiden, zumindest am Anfang nicht.

chilli: Was haben Sie bei den Vorbereitungen auf die Rolle erfahren?
Sutherland: Als ich während der Recherche Eltern traf, die mit solchen Situationen umgehen müssen, sah ich einen unglaublichen Lebensmut in ihnen. Jeden Tag stehen sie auf mit dem gleichen Enthusiasmus, der gleichen Liebe und der gleichen Hoffnung für ihre Kinder. Wohlwissend, dass deren Krankheit keine Erkältung ist, dass es nicht besser wird. Wenn du als Vater all diese Erwartungen – eine “normale” Situation mit deinem Sohn zu haben, ihn zu einem Fußballspiel oder in die Schule bringen zu können – nicht haben kannst und trotzdem jeden Tag so enthusiastisch bist, wie ich es beobachtet habe, verlangt das jede Menge Tapferkeit. Ich glaube, Martin Bohm hat eine Menge Mut und Hingabe. Auch Jack Bauer hatte das. Beide haben einen sehr ausgeprägten Sinn für Moral. Sie wissen, was richtig und was falsch ist – für sie persönlich.

chilli: Sie haben aus erster Ehe eine 24-jährige Tochter …
Sutherland: Sarah ist meine jüngste, ich habe auch noch eine 34-jährige Tochter.

ProSieben zeigt nach dem Piloten am Montag, 26.03., nun die erste Folge der TV-Serie "Touch" mit Kiefer Sutherland (rechts) und David Mazouz in den Hauptrollen.



chilli: Ihre Stieftochter Michelle Kath, zwei Stiefsöhne haben Sie auch. Wie bekamen Sie Ihre Kinder zum Reden, wenn die mal nicht wollten?
Sutherland: Eine im Nachhinein lustige ältere Geschichte fällt mir ein. Sarah war zwölf, wir schmissen eine Geburtstagsparty. Dort stritten sie und ich, und für ein paar Monate begegnete sie mir nur mit Ein-Wort-Antworten. Das war schwierig. Ich glaube, ich war schlau genug, sie nicht zu zwingen, mit mir zu reden. Nach einer Weile ließ das nach, und wir reden seitdem wieder miteinander. Das war tatsächlich der einzige größere Streit mit einer meiner Töchter, den ich je hatte. Am Ende des Tages glaube ich, dass man niemand zum Reden zwingen kann – natürlich nur, so lange du nicht Jack Bauer bist! Im Ernst: Du musst die Menschen ihren Weg zu dir zurückfinden lassen.

chilli: Sie sind nicht nur erfolgreicher Schauspieler, der zeitweilig bestbezahlte TV-Schauspieler der Welt, sondern auch der Sohn eines erfolgreichen Schauspielers. Wie hat Ihr Vater Donald Sutherland Sie damals gekriegt, wenn Sie nicht reden wollten?
Sutherland: Ich war ein einfaches Kind! Alles was er tun musste, war, mir einen Schokoriegel zu geben, und ich tat was immer er wollte! Mehr brauchte es nicht!

chilli: Sie waren also ein guter Sohn, der nie etwas verbrochen hat?
Sutherland: Ich erinnere mich an eine Geschichte, die mein Vater mir über mich als Kleinkind erzählte. Ich mochte es, wenn er lachte. Wenn er mir zu lange keine Aufmerksamkeit mehr schenkte, dann rannte ich so schnell wie ich konnte von einem Ende des Raumes zum anderen – ich rannte direkt gegen die Wand und fiel um! Aus welchen Gründen auch immer dachte mein Dad, das wäre lustig, also machte ich es eine Weile. Bis ich mich schließlich wirklich mal verletzte. Schon komisch, was Kinder tun, um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu bekommen (lacht).

Fotos: ProSieben / 2012 Fox Broadcasting Co. / Brian Bowen Smith