“Mei. Der Michi!” Die ältere Dame, die an diesem Morgen mit dem Radl den Biomarkt in Gronsdorf bei München besuchen will, kann kaum glauben, wen sie da trifft. Der Laden hat zwar wegen Dreharbeiten der Bavaria Film GmbH geschlossen, aber dass es heute statt Dinkelsemmeln nur die Landeier von den “Rosenheim-Cops” gibt, macht ihr nichts. Schließlich steht ihr absoluter Fernsehheld vor ihr: Michi Mohr, der blonde Polizeihauptmeister aus dem ZDF-Dauerbrenner: live, in Farbe und in fescher Uniform. “Der Michi, des is mei Bua”, ruft sie und springt dem nur leicht verdutzten Schauspieler Max Müller in die Arme. “Auch dafür liebe ich meinen Beruf”, lächelt der in Wien lebende Kärntner, der seit elf Jahren in Bayern vor der Kamera steht, und weiter geht’s mit einem Interview, für das sich der 47-Jährige am Rande des Drehs (Arbeitstitel: “Mord im Biomarkt”) einen Vormittag Zeit nimmt. Zwischendurch: spielen – und hin und wieder Autogrammkarten aus dem Polizeiauto (!) holen. Keine Frage, “Die Rosenheim-Cops” (dienstags, 19.25 Uhr) sind nach zehn Jahren auf Sendung beliebt wie eh und je, und der vom eher zurückhaltenden Müller gespielte Michi Mohr ist in dieser Hinsicht ganz vorne dabei. Frank Rauscher hat mit ihm gesprochen.

chilli: Zehn Jahre “Die Rosenheim Cops”, gerade wurde die 250. Folge gedreht: Woran merken Sie persönlich, dass die Serie so ein Dauerbrenner ist?
Max Müller: Vor allem daran, wie andere auf mich reagieren. Neulich kam ich direkt vorm Wiener Burgtheater in eine Polizeikontrolle. Der Beamte ließ sich den Führerschein zeigen und mich aussteigen. Dann sah er mich kurz an und meinte: “Aaaaach, der Kollege von den ‘Rosenheim Cops’! Fahrns doch bittschön weiter.”

chilli: Was macht die Serie so erfolgreich?
Müller: Oh, da gibt es viele Faktoren: die schöne Landschaft, die bayerische Lebensart, wunderbare Schauspieler und Regisseure, die dieses Stück Vorabendunterhaltung sehr ernstnehmen. Wir müssen auch über den Begriff “Heimat” reden: Wir geben allen, die das wollen, etwas Verlässliches, ein Stück zu Hause, ein wenig Identität.

Polizist Michael Mohr ermittelt seit zwölf Jahren in der beliebten ZDF-Serie "Die Rosenheim-Cops".


chilli: Was in immer hektischer werdenden Zeiten wieder wichtig zu werden scheint. “Cocooning” ist das Schlagwort …
Müller: Genau mein Thema: Ich respektiere durchaus die Wichtigkeit von Computer, Facebook, Twitter und Co. Aber ich weiß um die wahnsinnige Hektik in unserer Welt und kenne reihenweise Menschen, die immer erreichbar sind und sich verpflichtet sehen, ständig zu kommunzieren. Ich bin mir sicher: Die Welt, in der wir leben – und nichts anderes umschreibt der Begriff “Heimat” – ist nicht digital. Wir Menschen sind keine digitalen Gestalten, keine superschnellen Maschinen, sondern analoger als uns suggeriert wird. Ich denke, dass die Serie mit ihren netten Geschichten Sehnsüchte nach einer in diesem Sinne heileren Welt bedient.

chilli: Das Ganze läuft offiziell unter “Krimiserie”.
Müller: Aber der Krimi ist im Grunde wurscht. Ein Mord muss seriös erzählt werden, aber es geht bei uns doch viel mehr um das Zwischenmenschliche – immer mit einem Augenzwinkern, siehe Michi Mohr (lacht).

chilli: Der von Ihnen gespielte Polizist ist für viele Fans nach zehn Jahren auf Sendung der heimliche Star bei den “Cops” …
Müller: Vielleicht trifft es “der Polizist für dahoam” besser (lacht). Woran ich das merke: Egal, wo ich bin, die Leute sprechen mich meistens mit meinem Rollennamen an: “Griaß di, Michi!”

chilli: Schlimm?
Müller: Überhaupt nicht. Ich genieße es, wenn mir Damen sagen, dass sie mich gerne zum Schwiegersohn hätten und mit mir über Gott und die Welt reden wollen. Ehrlich: Die Resonanz ist phänomenal – in jüngster Zeit scheint Michi vor allem bei Kindern und Jugendlichen anzukommen. Es gehen Fluten an krakeligen Zuschriften und Autogrammwünschen ein, Kinder malen mir Bilder – das Schönste, was einem Schauspieler passieren kann.

chilli: Gab es schon Heiratsanträge?
Müller: Auch das kam vor (lacht). Aber meistens geht es schon in die Richtung: “Ich fühle mich so einsam und alleine und suche jemanden, mit dem ich gut reden kann, der mir zuhört.” Ich finde so was unglaublich lieb.

Nicht wegzudenken bei den "Rosenheim-Cops": Michael Mohr, Miriam Stockl (Marisa Burger).


chilli: Dabei war es am Anfang wohl gar nicht so leicht für Sie als Kärntner, einen bayerischen Dorfpolizisten zu spielen …
Müller: Stimmt – zumal ich eigentlich erst für die zweite Hauptrolle vorgeschlagen war: Ich trat vor elf Jahren beim Casting an, weil jemand meinte, ich soll mich für die Rolle des Partners von Joseph Hannesschläger bewerben. Als einer von etwa 100 Kandidaten ging ich ohne große Hoffnung hin.

chilli: Die Rolle des Ulrich Satori bekam dann Ihr Kollege Markus Böker!
Müller: Und das völlig zu Recht – Markus ist eine Legende. Ich hätte mich damit auch gar nicht wohlgefühlt: So ein cooler, fescher Cop – das bin ich nicht. Also sagte ich erst mal: “Pfiads Euch” … Thema erledigt – bis nach zwei Wochen das Telefon klingelte und es hieß: “Es tut uns sehr leid, mit dem Kommissar wird’s nichts … Aber wir hätten da noch einen depperten Polizisten.”

chilli: Mit diesen Worten?
Müller: Genau so. Und ich sagte aus dem Stand: “Danke, g’hört scho mir!” Haargenau mein Ding – und aus heutiger Sicht auch eine riesengroße Herausforderung.

chilli: Inwiefern?
Müller: Wissen Sie, mit so einer Rolle älter zu werden, ist nicht so leicht. Ich fing an, da war ich Mitte 30 – heute bin ich 47. Und Michi Mohr hat durchaus Züge von mir angenommen. Man entkommt sich halt selber nicht. Erst hat mich das erschreckt, aber jetzt sage ich, das ist schon in Ordnung. Es gibt nur noch eine Handvoll Tage im Jahr, an denen ich keine Polizeiuniform trage – damit muss ich mich eben arrangieren, mein Beruf.

chilli: Hat die Rolle Ihr Leben verändert?
Müller: Vollkommen! Als Theaterschauspieler, ich war unter anderem sieben Jahre im Theater in der Josefstadt in Wien, hatte ich bis dahin eigentlich nur zwei verschiedene Rollenfächer: Entweder ich spielte den komplett gestörten Jugendlichen – vom Junkie bis zum Nazi war alles dabei – oder den jugendlichen Liebhaber, was das mit Abstand Langweiligste ist, das sie sich vorstellen können. Mit Michi Mohr kam endlich das Fach dazu, das ich am meisten mag: die komische Rolle mit Tiefgang, der Clown mit viel Herz und einem Augenzwinkern.

Ein neuer Fall wartet auf die Kommissare Tobias Hartl (Michael A. Grimm, rechts) und Sven Hansen (Igor Jeftic, links) sowie Polizist Mohr (Max Müller).



chilli: Der auch ein wenig vom ureigenen Schmäh des in Klagenfurt aufgewachsenen Wieners lebt …
Müller: Ja, vielleicht auch das. Die österreichischen Sachen haben schon oft diesen besonderen Dreh, einen Charme, der schwer in Worte zu fassen ist. Da gibt’s natürlich große Vorbilder, und der Olymp heißt Josef Hader.

chilli: Haben die “Cops” auch Ihr Privatleben verändert?
Müller: Ja. Mein Leben hat sich sehr nach Deutschland verlagert. Die “Cops” werden jedes Jahr von März bis kurz vor Weihnachten gedreht. Ich lebe seit 1984 in Wien, seit einem Vierteljahrhundert im siebten Bezirk, da kriegt man mich vermutlich auch nie mehr weg – aber inzwischen bin ich auf jeden Fall auch ein Halb-Bayer, und das sehr gerne!

chilli: Was viele nicht wissen: Sie sind auch ein erfolgreicher Sänger klassischer Musik. Welches Talent entdeckten Sie zuerst an sich?
Müller: Das für die Schauspielerei. Mit drei Jahren hatte ich meinen ersten Auftritt – bei einer Muttertagsfeier.

chilli: Was wurde seinerzeit zum Vortrag gebracht?
Müller: Zweieinhalb Streiche von Max und Moritz. Ein großer Erfolg, sodass mir damals schon klar war, dass ich auf die Bühne gehöre (lacht).

chilli: Wann kam das Singen dazu?
Müller: Mit sechs oder sieben Jahren. Ich hatte eine ganz hohe Sopranstimme und punktete damals, in den frühen 70er-Jahren, mit “Heidschi Bumbeidschi” und Co. Die Stimme war wirklich etwas Besonderes – ich konnte die “Königin der Nacht” aus der “Zauberflöte” singen …

chilli: Da lag der Knabenchor sicher nahe …
Müller: Ja, die Wiener Sängerknaben waren ein Thema zu Hause. Aber wir, meine Eltern und ich, entschieden uns letztlich bewusst dagegen. Der Bub sollte nicht so festgelegt werden. Konzerte gab ich jedoch damals schon – bis etwa zur Pubertät, dann wurde es erst mal ruhig um den Nachwuchssänger Max Müller. Aber so ganz habe ich das nie aus den Augen verloren – nicht umsonst heißt mein Motto: “Singen ist Spielen mit der Stimme”. Es geht beim Ausdruck von Gefühlen doch immer um eine Art von Schauspiel …

chilli: Also gab es nie wirklich eine Alternative zum Künstlerberuf?
Müller: Doch, eine Zeit lang wollte ich Arzt werden. Meine Mutter hatte einen Tante-Emma-Laden am Krankenhaus in Klagenfurt. Ich war damals berühmt für den Satz: “Wenn ich groß bin, werde ich euch alle gesund machen!” Daraus wurde nichts – es sei denn, man erkennt die heilende Wirkung von Schauspiel und Singerei an (lacht).

Michael Mohr (Max Müller, links) und Sven Hansen (Igor Jeftic) ermitteln gemeinsam bei den "Rosenheim-Cops" (dienstags, 19.25 Uhr, ZDF).



chilli: Neun Monate drehen Sie die Serie, dann noch Ihre Musik – wann haben Sie Zeit zum Leben?
Müller: Es ist schon ein volles Programm – sie müssen sich vorstellen, dass zehn Serienminuten neun bis zehn Stunden Arbeit sind. Aber ich bin in der glücklichen Lage, dass ich das alles wirklich genießen kann. Natürlich könnte ich mit der Musik kürzertreten, aber ich brauche das: einen Bereich, in dem ich auch mal ganz was anderes machen darf. Ich singe zeitgenössische Klassik, aber auch Operette, gebe Liederabende mit Mozart und Schubert. Alles in allem sicher 20 bis 30 Konzerte im Jahr. Meine aktuelle CD heißt “Ewig Dein Mozart” – und ich gebe zu: Es macht mich stolz, dass die Musik auch einen Erfolg hat, und, ja, es macht Spaß, bei einem Teil des Publikums für einen “Wow!”-Effekt zu sorgen. Aber das Erstaunen legt sich langsam. Seit etwa einem Jahr sprechen immer mehr Leute auch auf die Musik an. Was mich freut, denn ich sehe mich als Schauspieler und Sänger gleichermaßen, wobei die Sache bei der Musik viel offener ist: Ich lasse mich überraschen, wohin sie mich trägt. Als Künstler lernt man nie aus, und am meisten lernt man ja bei der Arbeit immer über sich selbst.

chilli: Haben Sie bei den “Rosenheim Cops” auch schon etwas fürs Leben gelernt?
Müller: Oh ja: Ich weiß jetzt, wie man Handschellen richtig anlegt. Und was für wunderbare, liebe Kollegen man doch haben kann!

chilli: Wie lange werden Sie den lausbübischen Michi Mohr noch spielen können?
Müller: Gute Frage. Ich versuche mich möglichst lange jung zu erhalten – mit gesunder Ernährung und vor allem viel Schlaf, neun Stunden täglich. Aber das Älterwerden ist mir auch nicht fremd. 40 war schon eine magische Grenze – du bist definitiv nicht mehr jung, du fühlst dich auch nicht alt, aber das Alter ist näher, als du denkst. Als Schauspieler hast du nun zwei Möglichkeiten: Du kannst dich fünf, sechs Jahre jünger machen, dich mit kleinen Tricks ein bisschen tunen, oder du stellst dich deinem Alter und ersparst dir den Schock, der eines Tages kommt, wenn das Alter eben nicht mehr zu kaschieren ist. Ich habe mich für Letzteres entschieden.

chilli: Haben Sie die Midlife-Crisis schon hinter sich?
Müller: Hoffentlich. Der 40. Geburtstag war okay – ich gab einen privaten Liederabend als kleine Party mit meinen Lieblingsliedern. Aber 41 – das war die Hölle. Privat gab es eine hochemotionale Trennung nach zwölf Beziehungsjahren, dann bin ich, nach 23 Jahren in der selben Wohnung, umgezogen – mein Leben hat sich einmal komplett umgedreht. Und dann schaust du dir plötzlich die Jungen an und sagst dir: “Ich gehöre da nicht mehr hin.” Das war schlimm.

chilli: Was haben Sie sich für die nächsten Jahre vorgenommen – gibt es so ein klassisches Männerprojekt?
Müller: Mein “Achttausender” ist ein Grundstück in Kärnten mit einem total verfallenen Haus, gebaut aus Bruchsteinen. Das haben mir meine Großeltern vererbt – wunderschön im Grunde, die Frage ist nur, ob man da noch was machen kann. Ich will es versuchen.

Fotos: ZDF / Christian A. Rieger – klick
Quelle: teleschau – der mediendienst