Sie entwickelte eine Lese-App für Kinder, war Produzentin und führte Regie bei TV-Filmen, sie war als Schauspielerin zu sehen, kümmerte sich um die Stiftung „Keep A Child Alive“, die Medikamente gegen AIDS an Menschen in Afrika verteilt. Zwischendurch heiratete Alicia Keys den Rapper Swizz Beatz, bekam mit ihm im Oktober 2010 ihren Sohn Egypt. Man sollte fast meinen, dass die US-R’n’B-Sängerin in den drei Jahren seit Erscheinen ihres letzten Albums „The Element Of Freedom“ kaum Zeit hatte, sich ihrer Musik zu widmen. Weit gefehlt. Denn Alicia Keys strotzt nur so vor Tatendrang. Sie schwärmte schon weit vor der Veröffentlichung ihres neuen Albums „Girl On Fire“ von „ihrem Neustart“, sprach viel von Inspiration und ihren neuen kreativen Möglichkeiten. Auch im Gespräch mit Stefan Weber sprüht die 31-Jährige nur so vor Optimismus. Das kann aber auch einen weiteren Grund haben: Zum Zeitpunkt des Interviews lag der Wahlsieg des von ihr lautstark unterstützten Barack Obama gerade mal wenige Tage zurück.


chilli: Wie und wann haben Sie vom Sieg Barack Obamas erfahren?
Alicia Keys: Zunächst einmal: Ich war so glücklich, ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich war. Und ich war tatsächlich im Flugzeug, auf dem Weg nach Deutschland. Das war eine Qual! Ich fragte mich die ganze Zeit, was wohl gerade passiert! Wir wussten von nichts. Aber irgendwann gab es dann eine Durchsage im Flugzeug.

chilli: Dann war es für Sie auch spät in der Nacht?
Keys: Ja, den ganzen Flug über wachte ich immer wieder auf. Als wir es dann am frühen Morgen erfuhren, dachte ich nur: Gott sei Dank! Ich hätte mir nicht ausmalen wollen, wie Mitt Romney unser Land führt!

chilli: Ist Barack Obama eine Inspiration für Sie?
Keys: Seine ganzes Leben, seine Familie, die Art, wie er redet … all das inspiriert mich unglaublich. Er zeigt eine Leidenschaft für unser Land, weiß aber auch, dass Amerika nur ein Teil der Welt ist, dass unser Handeln andere Länder beeinflusst. Er denkt darüber nach, wie wir miteinander umgehen – das ist wichtig!

chilli: Was hat Sie zuletzt inspiriert?
Keys: Meine Güte! (überlegt) Nun, weil es noch so frisch ist … Die Wahl natürlich! (lacht)

chilli: Warum?
Keys: Weil die Wahl gezeigt hat, dass es einen gewissen Konsens im Land, in meinem Land gibt. Manchmal fühlt es sich an, als ob das Böse über das Gute, Geld über alles andere gewinnt. Und man sorgt sich: Ist die Welt wirklich so? Das Wichtige an dieser Wahl war für mich zu sehen, dass das Richtige geschieht. Dass die Person, die den Sieg verdient hat, auch gewonnen hat. Und nicht weil sie das meiste Geld hatte, sondern weil sie sich wirklich kümmert. Nicht zu vergessen, dass es nicht um Schwarz oder Weiß ging, sondern um Wahrheit und Aufrichtigkeit. Darum, unser Land nach vorne zu bringen.

chilli: Was hat Sie zuletzt auf einer eher persönlichen Ebene inspiriert?
Keys: Ich lerne gerade Karate. Und versuche die Lehren in mein Leben einzubauen. Das inspiriert mich. Die Bewegungen, die Übungen, die Selbstbeherrschung. Das Konzept, zu wissen, wie man Griffe anwendet, es aber nicht muss.


chilli: Ist das Teil der „brandneuen“ Alicia Keys, von der Sie im gleichnamigen Song sprechen?
Keys: Ja, auch. Alles ist neu. Mein Leben ist nicht mehr das gleiche. Ich bin verheiratet, habe ein Kind. Ich weiß, wie ich mich ausdrücken, was ich sagen will. Ich halte nichts zurück. Ich habe mich geöffnet, um die Person zu sein, die ich wirklich bin. Es braucht Zeit, um an so einen Punkt zu kommen und sich gut dabei zu fühlen. Aber ich habe dieses Gefühl jetzt. Und ich liebe es.

chilli: Sie haben von sich selbst als einer „Löwin im Käfig“ gesprochen. Wer hat Sie dort eingesperrt?
Keys: Ich glaube, diesen Käfig habe ich mir selbst gebaut. Da kamen verschiedene Bausteine zusammen. Ich war sehr jung, als ich anfing. Man weiß so viele Dinge nicht, in gewisser Weise war der Käfig auch ein wenig Selbstschutz. Und natürlich ähnelt auch das Musikgeschäft ein wenig einem Käfig. Es gibt gewisse Erwartungen, die Leute wollen Dinge von dir. Man fühlt sich manchmal verpflichtet, ihnen genau das zu geben, anstatt das zu tun, was man selbst fühlt oder braucht. Falsche Ängste von anderen spielten auch eine Rolle. Die Leute hatten Angst, dass dieses oder jenes passieren könnte. So entstand dieser Käfig. Und ich war die Löwin, hungrig, bereit, ganz viele Dinge auszuprobieren. Ich musste herausfinden, wie ich ausbrechen kann.

chilli: In einer US-Talkshow erzählten Sie kürzlich stolz, dass Ihr zweijähriger Sohn sich schon ans Piano setzt. Wie schwierig ist es für Sie, Ihr Kind nicht mit Ihren eigenen Erwartungen zu überfordern?
Keys: Das weiß ich noch nicht. Aber ich glaube, es ist gut für Kinder, sich mit coolen Dinge zu beschäftigen, die ihren Geist, ihr Leben inspirieren können. Und ich glaube, man merkt dann schon, ob sie etwas wirklich selbst gerne machen oder ob man sie zu etwas zwingt, das ihnen keinen Spaß macht. Wenn man sein Kind kennt, dann fühlt man das. Man muss da eine Balance finden. Wenn ich weiß wie, gebe ich Bescheid! (lacht)

chilli: Sie haben kürzlich eine Lese-App für Kinder veröffentlicht. Erstaunt es Sie manchmal auch, wie selbstverständlich kleine Kinder heute Smartphones bedienen?
Keys: Ja! Obwohl … wir hatten früher eben noch einen Atari-Computer.


chilli: Wirklich? Würden Sie Ihrem Sohn denn dann auch eine PlayStation kaufen?
Keys: Nein, was das angeht, bin ich ein bisschen seltsam. Aber es ist nichts falsch daran, Videospiele zu spielen. Die sind großartig! Einige habe ich selbst gespielt, die sehen teilweise wirklich fantastisch aus. Beim iPad ist die Sache aber anders: Das ist ein tolles Werkzeug. Die Spiele, die Egypt auf unserem Gerät hat, beschäftigen seinen Geist. Er lernt Buchstaben, Farben, Formen. Das ist eine coole Art zu lernen.

chilli: Und wie steht’s mit dem guten alten Buch?
Keys: Natürlich ist es gut, ein Buch zu lesen. Ein richtiges Buch. Oder zu zeichnen, sich Bleistift und Zettel zu nehmen, um etwas zu Papier zu bringen.

chilli: Das ist auch eine ganz andere Erfahrung, oder?
Keys: Ja, das ist nicht dasselbe, wie ein Objekt, eine Linie auf einem Bildschirm zu ziehen. Ich finde es auch wichtig, richtig zu schreiben und die Buchstaben zu lernen. Das hat mich kürzlich entsetzt: Es gibt da diese Schule, die ausschließlich auf Computer setzt. Dort wird den Kindern nicht mehr das Schreiben beigebracht! Wie bitte? Das finde ich nicht richtig.

chilli: Bei Ihrem vielfältigen Output: Besitzen Sie eigentlich ein kreatives Talent, das die Öffentlichkeit noch nicht kennt?
Keys: (lacht) Da fällt mir jetzt nichts ein …

chilli: Machen Sie keine Zeichnungen – etwa wenn Sie telefonieren?
Keys: Ich kann überhaupt nicht zeichnen. Vielleicht würde ich ein paar abstrakte Kritzeleien hinbekommen. Aber ich male gerne Dinge aus.

chilli: Wenn man Kinder hat, hat man auch eine Ausrede, so etwas stundenlang zu tun …
Keys: (lacht) Ja, das stimmt! Aber ich liebe Malen nach Zahlen eigentlich schon immer!

Fotos: Nino Munoz / Sony / Michelangelo Di Battista / Sony
Quelle: teleschau – der mediendienst