Ihr letztes Studioalbum „Think Tank“ erschien 2003. Danach gingen Blur getrennte Wege. 2009 dann die Wiedervereinigung – mit einem großen Comeback-Konzert im Londoner Hyde Park. Und jetzt sind die Britpop-Legenden wieder richtig: umtriebig: Sie veröffentlichen ein Karriere umspannendes Boxset namens „Blur 21“, spielen am 12. August als Headliner beim Abschlusskonzert der Olympischen Spiele in London. Und Blur haben zwei neue Songs „Under The Westway“ und „The Puritan“ geschrieben, die sie Anfang Juli veröffentlichten. Eigentlich fehlt nur noch: ein neues Studioalbum. Aber ist ihre momentane Umtriebigkeit nun das Ende oder doch der Anfang von etwas Neuem? Blur-Gitarrist Graham Coxon weiß es im Interview mit Katja Schwemmers selbst nicht so genau.


chilli: Mr. Coxon, in den Anfangstagen von Blur tauchten Sie oft mit einem Kassettenrekorder bei den Bandproben auf. Damals hätten Sie sich sicher nicht träumen lassen, dass Ihre Aufnahmen eines Tages als Bonusmaterial auf einer Box zum 21-jährigen Bestehen der Band enthalten sein werden …
Graham Coxon: Nein, ganz sicher nicht. Ich habe die Aufnahmen zu meinem Privatvergnügen gemacht. Ich war immer sehr aufgeregt, wenn wir etwas Neues aufgenommen hatten und hörte mir das dann zu Hause noch mal an. Gerne auch in Gesellschaft, um irgendwelche Mädchen mit meiner Band zu beeindrucken.

chilli: Hat das geklappt?
Coxon: Nicht wirklich. Aber immerhin wurde ich dadurch besser an der Gitarre. Ich war damals besessen davon, solche Mitschnitte anzufertigen. Ich habe so viele Tapes, und es dauerte einige Tage, die Mitschnitte vollständig durchzuhören und aufzuschreiben, wenn dort etwas Interessantes enthalten war. Da war natürlich viel Mist drauf. Aber eben auch nette Passagen von uns, wie wir die Songs geschrieben, geprobt und kleine Fortschritte gemacht haben. Und der glorreiche Moment, als wir „She’s So High“ schrieben, das unsere Debüt-Single werden sollte.

chilli: Haben Sie auch längst vergessene Songperlen ausgegraben?
Coxon: Oh ja! Besonders gefreut hat mich, dass ich das Stück „Superman“ als Liveaufnahme wiedergefunden habe. Es entstand, als Blur noch Seymour hießen. Wir hatten es alle längst vergessen. Das Boxset enthält nun diese kleinen Stücke Geschichte, die für einige interessant sein dürften, für die Mehrheit aber vermutlich sehr, sehr langweilig sind.

chilli: War das Abhören der Bänder für Sie auch eine Reise durch die Erinnerungen?
Coxon: Ich musste dabei jedenfalls einige Male laut anfangen zu lachen. Ich hatte mit der Musik auch unsere Unterhaltungen aufgenommen. Zum Beispiel von Damon, wie er etwas zu begeistert ist oder ein bisschen den Boss raushängen lässt. Er befahl Alex, aufzuhören zu rauchen, während er Bass spielt und so Sachen. Alex führte sich schon auf wie ein Popstar, bevor wir überhaupt einen Plattenvertrag hatten. Damon war immer bemüht, ihn runterzuholen, wenn er sich so benahm. Sich das mit dem Abstand von 21 Jahren anzuhören, war eine spaßige Angelegenheit.


chilli: Und Anflüge von Nostalgie überkamen Sie dabei nicht?
Coxon: Ach, nein. Es war natürlich großartig, jung zu sein und alles noch vor sich zu haben. Aber in der Zeit als es so war, fühlten wir unsere Jugend nicht und wussten nicht, was noch auf uns warten würde. Wir waren ernsthaft bemüht, unsere Musik zu machen. Wir waren auf der Suche nach unserer musikalischen Identität. Und wir mussten ja auch erst mal unsere Instrumente erlernen. Ich war wirklich kein guter Gitarrist damals. Aber als Band hatten wir ein Bewusstsein dafür, alles mit unserer Musik ausloten zu wollen. Wenn wir Lust auf einen Walzer hatten, machten wir einen Walzer. Oder wir flirteten mit merkwürdigem Jazz. Wir probierten jede Menge aus, bevor ein kleines Label sich unser annahm.

chilli: Waren Sie musikalisch involviert in den nun erstmals veröffentlichten Song mit dem anzüglichen Titel „Sir Elton John’s Cock“?
Coxon: Ich glaube nicht, denn er stammt aus der Session vom letzten Studioalbum „Think Tank“, wo ich mich bekanntermaßen verkrümelt habe. Aber immer, wenn ich diesen Titel sehe, bin ich schockiert. So einen Songnamen hätte ich nicht erlaubt, wenn ich dabei gewesen wäre. Ich bin doch eher prüde. Ob Elton John bereits davon Kenntnis hat? Herrje, jetzt streicht er mich vermutlich von seiner Weihnachtskarten-Liste!

chilli: Die größten Hits, die Sie zu Blur beigetragen haben, heißen „Tender“ und „Coffee & TV“. Sind Sie stolz darauf, oder sind es nur gewöhnliche Blur-Songs für Sie?
Coxon: Es sind Songs, die mich gut fühlen lassen. Es ist immer wunderschön, wenn ein Publikum dir deine eigenen Worte vorsingt. Ich hörte „Coffee & TV“ mal in einem Club. Ich stand da allein rum und alle sangen mit. Das war sagenhaft! Aber alle Blur-Songs sind besonders für mich, weil sie einmalige Momente für mich haben. Andererseits kannst du nicht alle Lieder, die du machst, gut finden. Ein Song ist ein Song, er hat seine eigene Welt. Du musst ihm folgen, nicht andersrum. Und manchmal magst du vielleicht nicht, wie der Song sich entwickelt, vielleicht braucht er aber gerade dieses Arrangement. Um auf „Coffee & TV“ zurückzukommen: Es ist sehr stressig für mich, den Song live zu spielen. Denn ich habe die Gitarrenakkorde so schwierig angelegt, wie es mir nur möglich war.


chilli: Als Sie mit Blur 2009 das letzte Mal im Hyde Park gespielt haben, tanzten Menschen als Milchverpackungen verkleidet zu dem Lied – analog zum Videoclip.
Coxon: Daran erinnere ich mich. Waren Sie das in dem Kostüm?

chilli: Leider nein …
Coxon: Ich sollte öfter mal ins Publikum schauen. Da passieren interessante Dinge.

chilli: Ihr Blur-Kollege Alex James sagte kürzlich in einem Interview, dass es zwischen den Bandmitgliedern keine Faustkämpfe mehr geben würde und dass er das vermisst. Wie ist das bei Ihnen?
Coxon: Im Studio hatten wir doch ohnehin nie welche! Aber auf Tour gab es so etwas natürlich. Das war nur Ausdruck von Frustration. Wir waren nun mal sehr jung. Du denkst, du kriegst mit deinem Plattenvertrag das, was du immer wolltest. Dann gehst du auf Tour, und es ist anders, als du es dir vorgestellt hast. Es ist eigentlich sehr ermüdend und harte Arbeit. Aber wenn du jung bist, willst du viel feiern. Dann kochen die Gemüter schon mal hoch. Und dann ist die Person, die dir am nächsten ist, nun mal der Bassist, der dann alles abbekommt. Ich bin mir sicher, wir hatten alle mal ein blaues Auge, als wir in Amerika unterwegs waren.

chilli: Brauchen Sie kreative Spannungen, um ein neues Blur-Werk entstehen zu lassen?
Coxon: Musikalisch zu kämpfen, ist durchaus gesund. Aber so schlimm stritten wir nie, wir sind nicht die Art von Menschen. Wir sind viel zu faul dafür. Generell mögen wir es, den kreativen Prozess eher entspannt anzugehen. Wenn Fans sagen, sie wollen ein neues Blur-Album, lässt uns das geradezu panisch werden. Wir wollen die Freiheit, Musik zu machen, wann wir es wollen. Wir fühlen uns unwohl bei dem Gedanken, uns für ein neues Album zu verpflichten. Wenn die Dinge passieren, passieren sie. Aber es ist unmöglich für uns zu sagen, ob und wann das sein wird.


chilli: Und die zwei Songs, die Blur eigens für das Olympia-Abschlusskonzert am 12. August im Hyde Park geschrieben haben?
Coxon: Die sind meines Erachtens viel zu schnell entstanden. Ich habe nach solchen Sessions immer das Gefühl, man könnte es noch besser machen. Aber ich bin da ohnehin altmodisch.

chilli: Momentan arbeiten Sie mit Ash-Sänger Tim Wheeler und der Songwriterin Emmy The Great an einem Soundtrack für den Film „The Wanderers“, der von einer Britpop-Band in den Neunzigern handelt. Das klingt autobiografisch.
Coxon: Ich versuche mich dafür wirklich ein bisschen in die Neunziger zurückzuversetzen. Die Band im Film kommt auch noch aus Colchester, wo ich aufwuchs. Dort gründen sie in den Sommerferien eine Gruppe. Es geht darum, erwachsen zu werden, Erfolg zu haben und alles, was das mit sich bringt. Da kenne ich mich aus. Es wird ein süßer Film. Tim Wheeler schreibt die Songs, und ich verkörpere die Psyche des Lead-Gitarristen. Ich bin ein Fan von Tim. Er ist wirklich gut darin, diese unschuldigen, fast naiven, sommerlichen Lieder zu schreiben.

chilli: Im September gehen Sie auch endlich wieder als Solist mit Band auf Deutschland-Tournee. Was können Sie da machen, was Sie mit Blur nicht tun können?
Coxon: Ich kann ein Solo spielen, das falsch klingt. Ich kann mit meinen sechs Musikern unendlich viel Krach machen. Oder auch einfach mal Pause. Meine Solo-Shows sind eher körperlich ermüdend. Blur-Shows sind emotional sehr anstrengend. Außerdem können Blur-Fans unglaublich grantig werden, wenn man mal etwas ein wenig anders macht.

Fotos: Essy Syad / EMI / Paul Spencer / EMI
Quelle: teleschau – der mediendienst


Info:
Graham Coxon auf Deutschland-Tournee:

14.09., Berlin, Postbahnhof
16.09., Köln, Luxor
20.09., Hamburg, Reeperbahn Festival