Mit Colin Farrell ließe sich über vieles reden: Über seine ersten Rollenangebote im heimischen Irland, die er für Kellnerjobs immer wieder sausen ließ. Über seinen Umzug nach Los Angeles und seine ersten Berührungen mit Hollywood. Über seinen dortigen Durchbruch als Gegenspieler von Tom Cruise in Steven Spielbergs „Minority Report“ und seine Folgerollen, zum Beispiel als Telefonzellen-Dauerinsasse in „Nicht auflegen!“, als Imperator in „Alexander“ oder als genötigter Verbrecher im vielfach prämierten „Brügge sehen? und sterben?“. Man könnte auch nach Pornoaufnahmen und Drogensucht fragen … wenn die Zeit nur reichen würde. Am Rande der Deutschland-Premiere des „Total Recall“-Remakes war der gut gelaunte 36-Jährige immerhin für eine Plauderei mit Fabian Soethof über die Muskeln von Arnold Schwarzenegger, seinen Alltag als Schauspieler und die Suche nach einer Freundin zu haben.


chilli: Mr. Farrell, waren Sie ein Schwarzenegger-Fan, bevor die Neuversion von „Total Recall“ auf Ihren Tisch kam?
Farrell: Klar, ich liebte Arnold Schwarzenegger. Als ich aufwuchs, sah ich all seine Filme. Von „Total Recall“ über „Running Man“, „Terminator“, „Red Heat“, „Predator“; sogar „Twins“ mit Danny DeVito mochte ich! Nur als „Kindergarten Cop“ in die Kinos kam, stieg ich aus. Arnold war immer ein sehr charismatischer Performer. Seine Größe, die Schönheit seiner Physis. Das hätte ich als Zwölfjähriger so nicht gesagt, aber es war atemberaubend, diesen Mann in dieser Form und dieser Größe zu sehen.

chilli: Hing ein Poster von ihm in Ihrem Zimmer?
Farrell: Nein, da hing Marilyn Monroe.

chilli: Riefen Sie Schwarzenegger an, um sich Tipps für seine Neuauflage zu holen?
Farrell: Nee, ich glaube nicht, dass ihn das sonderlich gekümmert hätte.

chilli: Was interessierte Sie denn an diesem Remake? Das Thema oder sein Ursprung?
Farrell: >Es ist sieben oder acht Jahre her, seit ich zuletzt einen Actionfilm gedreht habe. Filme wie „The Way Back – Der lange Weg“ und „Das Gesetz der Ehre“ behandelten schwere Themen. Die genoss ich, suchte danach aber auch für eine Weile nach leichterem Stoff. Also folgten „Fright Night“ und dieses Comedyding „Kill The Boss“. Dann kam das Drehbuch zu „Total Recall“, und es war das erste Actionskript seit Jahren, das ich interessant fand. Ich sah darin etwas, das mich die vier bis fünf Monate bei der Stange halten würde, die man für einen so großen Actionfilm braucht.

chilli: Ihr Charakter Douglas Quaid weiß nicht mehr, wer er ist und wer er sein will – ein bekanntes Gefühl?
Farrell: Damit können wir doch alle etwas anfangen, wenn wir ehrlich sind. Wie viel von dem, was du bist, basiert darauf, was dir erzählt wird? Und wie viel basiert auf deiner Umgebung und darauf, wie sie dich formt? Auf der Familie, deinem Spielplatz, deinem Klassenzimmer, deinem College, deiner Stadt, dem Land, aus dem du kommst? Und immer so weiter.

chilli: In „Total Recall“ gibt es diese Maschine, die Erinnerungen an Dinge einpflanzt, die man nie erlebt hat. Welches Abenteuer würden Sie gerne scheinbar erlebt haben, wenn Sie die Wahl hätten?
Farrell: Kennen Sie diese Proximity-Flieger? Fallschirme, die Basejumper nutzen? Das ist eine Art Wingsuit, mit dem sie sehr nah an Berge heranfliegen, sie mit 250 Meilen pro Stunde fast berühren. So eine Erfahrung würde ich mir vielleicht einpflanzen lassen. Etwas, von dem ich weiß, dass ich es im echten Leben niemals tun würde.


chilli: Da gibt es dieses Zitat von Quaid im Film: „Jeder scheint mich zu kennen, außer mir selbst.“ Trifft das auf Sie als Privatmensch auch zu?
Farrell: Nein! Kommen Sie schon, niemand kennt mich so, wie ich mich kenne. Aber viele erkennen mich.

chilli: Weswegen die Leute glauben, Sie zu kennen.
Farrell: Oh, na klar, aber das verstehe ich vollkommen. Das passiert mir genauso wie allen anderen.

chilli: Wann denn zum Beispiel?
Farrell: Etwa mit Al Pacino. Ihn traf ich und dachte im ersten Augenblick, dass ich ihn kenne – was ich natürlich nicht tat. Ich musste aufpassen, nicht loszuschreien und ihn wie einen alten Freund zu begrüßen. Dann hätte er wahrscheinlich nur skeptisch dreingeschaut und sich höflich fremdschämt: „Ja ja, auch schön, Sie zu treffen …“

chilli: Ihre Figur Douglas Quaid hat einen guten Job, eine schöne Wohnung und eine hübsche Frau – und ist dennoch frustriert.
Farrell: Das ganze Ding ist doch: Manchmal hat man das Gefühl, dass man nicht das Leben lebst, das man leben sollte oder möchte. Wir alle haben Geschichten von Leuten gehört, die scheinbar alles hatten. Und dennoch sind sie nicht zufrieden. Es ist einfach zu sagen: „Komm’ darüber hinweg, schau’ Dich mal um, was Du alles hast!“. Aber so ist das Leben nicht, es ist komplizierter. Es gibt einige fundamentale Sehnsüchte in uns, die nicht mit Geld und materiellem Gewinn gestillt werden können. Und da findet sich auch Doug Quaid wieder. Es geht im Film um die Idee des Kampfes zwischen Kopf und Herz. Dass der Geist durch materielle Errungenschaften manipulierbar ist, aber dass es da eine weitere, ehrlichere Stimme gibt, die etwas anderes fordert – und manchmal vom Geist stummgeschaltet wird.

chilli: Was sind denn Ihre Prioritäten im Leben?
Farrell: Ach, einfach so viel Pressearbeit wie möglich zu machen (lacht). Im Ernst, na was wohl: Familie, Freunde, Gesundheit, all der Kram. Ich habe zwei Kinder.


chilli: War das schon immer so oder war auch mal Ihre Karriere Ihr oberstes Ziel?
Farrell: Es gab Zeiten, da wusste ich nicht genau, was ich tat – nicht, dass ich das jetzt wüsste. Aber ich habe ein bisschen mehr eine Idee davon. Freunde und Familie waren schon immer das Wichtigste, aber manchmal erlebte ich sie nicht als die wichtigsten Dinge. Sie sind so wichtig, dass man nicht immer damit umgehen kann und lieber wegbleibt. Doch nur, weil man von etwas wegbleibt, heißt es nicht, dass es nicht wichtig wäre.

chilli: Wie meinen Sie das?
Farrell: Nehmen wir jemanden, der ohne Vater groß wurde. Zu sagen, dass derjenige keine Beziehung zu seinem Vater hätte, ist falsch. Die beiden haben eine Beziehung. Und diese ist eine sehr komplizierte.

chilli: Apropos Beziehung: Vor ein paar Monaten konnte man über Sie lesen, dass Sie eine Freundin suchten!
Farrell: Ich suchte wieder, gerade letzte Nacht erst, hier am Brandenburger Tor! (lacht) Nein, das ist Quatsch. Nicht, dass ich mich nicht umsehen würde, ich suche nur nicht. Ich versuche, nicht in einem Zustand von Bereitschaft oder Nicht-Bereitschaft zu leben.

chilli: Wissen Ihre beiden Kinder, dass Sie ein berühmter Schauspieler sind?
Farrell: Sie kümmern sich nicht darum.

chilli: Sie besuchen Sie nicht am Set, bei der Arbeit?
Farrell: Doch. Sie schauen sich das Set an und finden es langweilig. Große Sets und Actionszenen sind ihnen wirklich ziemlich egal. Raten Sie mal, womit man sie mehr beeindrucken kann: Mit einem 140-Millionen-Dollar-Film oder einem Gummiball für zwei Dollar? Sie kennen die Antwort.

Fotos: 2012 Sony Pictures Releasing GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst