Die Mailbox von Erol Sander. Wie viele Journalisten mögen wohl schon ihre Automatenstimme statt Sanders Bass vernommen haben? Seit feststeht, dass der 44-Jährige ab nächstem Jahr nicht länger den Winnetou bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg verkörpern wird, möchten viele ein Stück von seiner freigewordenen Zeit abhaben. Die unstete TV-Branche konnte dem gebürtigen Türken (bürgerlich: Urçun Salihoglu) allem Anschein nach nichts anhaben. Das Ex-Model vertritt Ansichten, die so klar konturiert scheinen wie die Silhouette seiner Anzüge. Begriffe wie „Verantwortung“ und „Sicherheit“ fallen im Gespräch mit Erol Sander nicht nur einmal. Nun spielt der zweifache Familienvater einmal mehr eine Rolle mit buchstäblich blütenweißer Weste. In der Romanze „Afrika ruft nach Dir“ (Fr., 28.12., 20.15 Uhr, ARD) rettet Sander als Tierarzt die Fauna Südafrikas – und natürlich ein Frauenherz. Teresa Groß hat mit ihm gesprochen.


chilli: Für Sie neigt sich ein erfolgreiches Jahr dem Ende entgegen. Wie erlebten Sie die vergangenen zwölf Monate?
Erol Sander: Ich bin glücklich darüber, dass mir immer wieder das Vertrauen geschenkt wird, das Publikum durch einen Film zu führen und es emotional zu provozieren. Dass ich meine Leidenschaft ausüben darf, ist für mich ein Segen, und dafür muss ich meinen Zuschauern danken. Persönlich bin ich sehr zufrieden, meine Familie ist gesund, und alle sind happy. Was will man mehr?

chilli: Viele Menschen ziehen jetzt Bilanz: Wo stehe ich gerade? Wo will ich hin? Stellen Sie sich solche Fragen auch am Jahresende?
Sander: Nein, eigentlich nicht. Als Familienvater weiß ich, wo ich hingehöre. Das muss ich nicht hinterfragen. In meinem Alter sollte man das wissen, ich bin schließlich kein Jugendlicher mehr. Mit zwei Kindern muss ich gemeinsam mit meiner Frau Verantwortung übernehmen. Wir wussten genau, worauf wir uns einlassen und sind mit der Entscheidung für die Familie sehr glücklich.

chilli: Wenn Sie drei Wünsche fürs neue Jahr frei hätten, wie würden sie lauten?
Sander: Der erste Wunsch wäre, dass wir alle auf der Welt eine Möglichkeit finden, in Frieden zusammenzuleben. Zweitens würde ich mir wünschen, dass die Familie auch im nächsten Jahr gesund bleibt und der dritte Wunsch: noch zehn weitere Wünsche.

chilli: Gibt es nichts, das Sie persönlich im nächsten Jahr verwirklichen möchten?
Sander: Ein drittes Kind wäre etwas, das mich nächstes oder übernächstes Jahr reizen würde.

chilli: Ihre beiden Söhne Marlon (10) und Elyas (2) konnten Sie am Set von „Afrika ruft nach Dir“ in Johannesburg besuchen. Ein Fest für die Kinder, oder?
Sander: Die Baby-Löwen, -Elefanten und -Leoparden waren natürlich aufregend für die Jungs. Der Kleine hat das alles noch nicht so ganz mitbekommen, hatte aber trotzdem seinen Spaß. Ich durfte meinen Kindern einen Blick ins Paradies schenken, etwas Schöneres gibt es für mich nicht!

chilli: Sie durften diese Tiere nicht nur bewundern, sondern hatten sie als Kollegen.
Sander: Ich bin jemand, der gut mit Tieren kann, und ich arbeite auch gern mit ihnen. Bei allem Spaß bleibt es aber gefährlich, weil Tiere eben keine Maschinen sind, sondern Wesen mit Charakter. Man muss immer vorsichtig sein. Selbst Reiten ist nicht ungefährlich, selbst wenn man es beherrscht. Der im Film zahme Löwe war drei Jahre alt und hatte durchaus seinen eigenen Willen. So ein Tier lässt sich keine Kommandos geben, aber es lässt sich neugierig machen. Man muss cool bleiben und dominant. Der Dompteur hat mir dabei geholfen. Das war auf produktive Art spannend. Und das Ergebnis sind wunderschöne Bilder.


chilli: Im Film spielen Sie einen Mann, der viel riskiert, um glücklich zu sein. Lohnt es sich, manchmal alles auf eine Karte zu setzen?
Sander: Nicht um jeden Preis. Besonders, wenn man nicht allein steht im Leben und Menschen hat, die auf einen bauen, sollte man gut überlegen, ob der Einsatz das Risiko wert ist.

chilli: Also sind Ihnen Beständigkeit und Sicherheit wichtiger als Risikobereitschaft?
Sander: Keineswegs. Auf meinem bisherigen Lebensweg habe ich durchaus etwas riskiert. Als mich noch keiner kannte, bin ich in die weite Welt gegangen und habe versucht, mir etwas aufzubauen – ohne Sicherheitsnetz -, und es ist mir gelungen. Das hätte genauso gut schiefgehen können. Ich kann Ihnen sagen, in Städten wie Paris, Mailand, Rom oder Miami Fuß zu fassen ist nicht einfach. Viele Leute täuschen sich, indem sie glauben, ich hätte alles geschenkt bekommen. Ich bin nie dagesessen und habe gewartet, dass etwas auf mich zukommt, sondern ich habe mich bewegt.

chilli: Das Modeln – später Türöffner für Ihre Karriere vor der Filmkamera – war demnach ein schwerer Start?
Sander: Definitiv. Der Job ist riskant, denn du bist total ersetzbar. Es geht nicht darum, wer du bist, sondern, wie du das Produkt vermarktest. Als Model ist man die Silhouette, die das Produkt bestmöglich präsentiert. Das ist im Normalfall kein Beruf, auf den sich eine Existenz aufbauen lässt. Dafür eignet sich die Branche für einen ersten Schub in Richtung Showbiz. Glücklicherweise hat das in meinem Fall auch so funktioniert.

chilli: Haben das Model- und das Schauspiel-Fach insofern nicht eine gewisse Schnittmenge?
Sander: Ja und nein. Die Schauspielerei ist ebenso wie das Modeln kein Beruf, der einem besonders viel Sicherheit oder gar eine Garantie fürs Leben bietet. Und im Grunde geht es in beiden Berufen um ein Produkt. Dennoch sehe ich da schon Unterschiede. Als Schauspieler brauche ich kulturelle Erfahrung und eine Ausbildung im technischen Sinne. Das soll nicht heißen, modeln sei einfach, aber es erfordert andere Fähigkeiten.

chilli: Gibt Ihnen Ihre Familie die Beständigkeit, die Ihnen Ihr Beruf verwehrt?
Sander: Meine Familie ist meine Basis, meine Liebe, mein Leben. Wenn es ihr gut geht, bin ich bereit alles zu schaffen. Aus der Ruhe meiner Familie ziehe ich die Kraft, um hinauszugehen und Brot und Wasser nach Hause zu bringen.

chilli: Könnten Sie sich auch vorstellen, dass Ihre Frau arbeitet und Sie zu Hause bleiben?
Sander: Wieso nicht? Wir haben gemeinsam entschieden, wie die Rollen verteilt werden. Das bedeutet aber nicht, das sich das nicht ändern könnte.


chilli: Sie waren in Ihrem Leben bisher sehr erfolgreich. Mussten Sie auch schon Rückschläge einstecken?
Sander: Als ich mit fünf Jahren nach Deutschland kam, lebten wir zu dritt auf 14 Quadratmetern. Meine Mutter verdiente damals als Kellnerin 1.700 Mark im Monat und musste uns den Vater ersetzen. Das war extrem hart für sie und auch für uns, weil uns mit der Vaterrolle ein Stück Stabilität fehlte. Es war gut, dass ich damals noch recht naiv war und immer an das Gute glaubte.

chilli: Empfanden Sie die Trennung von den Karl-May-Spielen in diesem Jahr als Rückschlag?
Sander: Es war eine große Ehre für mich, den Winnetou zu spielen, und die sechs Jahre waren eine tolle Zeit. Mein Vertrag wurde nicht verlängert, was rein geschäftliche Gründe hatte, die ich auch nachvollziehen kann. Den Zuschauerzahlen zufolge war ich der erfolgreichste Winnetou bei den Spielen, und sollte ich wieder eine Anfrage bekommen, bin ich bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. Fakt ist: Winnetou ist nicht Erol Sander, ich habe ihn nur eine Zeitlang verkörpert. Als Rückschlag kann ich das Ganze nicht sehen, vielmehr war die Rolle eine Bereicherung meiner Arbeit. Auch für die Zukunft.

chilli: Inwiefern?
Sander: Ich bin im nächsten und im darauffolgenden Jahr voll beschäftigt. In der Zeit der Festspiele werde ich 2013 in einem Theaterstück mitwirken und zwei Filme drehen.

chilli: Wie stark hängt Erfolg für Sie mit Ihrer Arbeit zusammen?
Sander: Wenn ich etwas mache, mache ich es aus vollster Überzeugung. Ich setze alles daran, das Beste aus der Zeit herauszuholen, die ich in meine Arbeit investiere. Am Ende des Tages kann ich sagen: Ich bin über mich hinausgewachsen, mehr konnte ich nicht bringen. Filme sind wie Gemälde, weil sie für immer bleiben. Ich habe den Anspruch, das jedes dieser „Gemälde“, an denen ich mitwirke, schön ist.

Fotos: ARD Degeto / Gökce Pehlivanoglu / Eraydin Erdogan
Quelle: teleschau – der mediendienst