„Ich bin ein sehr widerborstiger Mensch“, gesteht Götz George im Interview mit Kai-Oliver Derks. Und tatsächlich berichtet seine Biografie „Mit dem Leben gespielt“ (2008), von Torsten Körner mit der Zustimmung Georges verfasst, bereits von „einer herzlichen Abneigung gegen Klassenzimmer und Lehrer“ in seiner frühesten Kindheit. Es gehört zu den ältesten Vorurteilen der Branche, dass Götz George, mittlerweile 74, eben schwierig sei. Und doch würde er es selbst bestreiten und mit ihm all jene, die mit ihm je zusammenarbeiteten. Worin sich indes alle einig ist: Götz George ist diszipliniert. In einem Maße professionell, wie man es heute kaum noch erlebt. Und: Er tat sich, wie er selbst einräumt, ein Leben lang schwer mit echten Freundschaften. George, der im Wechsel auf Sardinien, in Hamburg und Berlin lebt, wahrt die Distanz – und gibt sich im Gespräch dennoch ungemein offen. „Deckname Luna“ (Mo., 05., und Do., 08.11., 20.15 Uhr) heißt der ZDF-Zweiteiler, in dem er einen ostdeutschen Raketeningenieur spielt, der Anfang der 60er-Jahre in den Westen flieht und dort nach neuen Antriebsmöglichkeiten forscht. Ein Film über die Teilung Deutschlands, über Spionage, familiäre Konflikte und den Traum, einst den Weltraum zu erobern …


chilli: 21. Juli 1969. Wissen Sie noch, wo und wie Sie die Mondlandung erlebt haben?
Götz George: Ehrlich, ich habe keine Ahnung. Ich war damals ja so mit meinen Beruf verwurzelt, dass alles daneben keine Bedeutung hatte. Selbst die Mondlandung nicht.

chilli: Aber es gibt doch diese weltbewegenden Ereignisse, mit denen jeder eine Erinnerung verbindet.
George: Und jetzt kommen Sie gleich mit dem Mauerfall. Ich war zu der Zeit nicht in Berlin. Aber wo ich war? Ich weiß nicht mehr. Überall und nirgends. Oft im Ausland zu Dreharbeiten, Theatertourneen. Der Beruf war, wenn Sie so wollen immer störend, bei solchen Ereignissen.

chilli: In „Deckname Luna“ spielen Sie einen Raketeningenieur, der Anfang der 60er-Jahre in den Westen flieht.
George: Eigentlich wollte ich diesen Film gar nicht machen. Ich habe dreimal abgelehnt. Drei Monate Drehzeit erschienen mir zu viel. Das sind drei Monate Leben, und die fehlen dir am Schluss. Ich will ja meinem Leben ein bisschen mehr Freizeit geben. Und Film ist eben Arbeit. Es war tatsächlich dann eine lange Zeit. Eine große Produktion.

chilli: Warum sagten Sie schließlich doch zu?
George: Es ist ja auch eine Frage der Eitelkeit, wenn sich jemand so um dich bemüht. Aber ich habe es wirklich nicht bereut, dieser Film war ein sehr schönes Erlebnis. Auch dank der Regisseurin Ute Wieland, die ich hier kennenlernte. Ich habe in meiner Karriere schon viele Filme zugesagt und mich danach maßlos geärgert. Aber hier war das nicht so. Anna Maria Mühe, die ja die eigentliche Hauptrolle spielt, hat das wunderbar gespielt – mit einer großen Disziplin und Ernsthaftigkeit.

chilli: Ihr Vater war der Schauspieler Ulrich Mühe. Es mag ihr nicht anders gehen als Ihnen zu Beginn Ihrer Karriere. Der prominente Name verpflichtet …
George: Kann sein, dass es damit zusammenhängt.

chilli: Sie hatten auch in diesem Film einige fordernde Momente. Lange anstrengende Szenen im Morgengrauen …
George: Beim Dreh bist du widerstandsfähiger als im wahren Leben. Alle schauen schließlich auf dich. Und das Team war entzückend zu mir.

chilli: Sie galten stets als Schauspieler, der seine Körperlichkeit gezielt einsetzt. Fällt es Ihnen daher besonders schwer, älter zu werden?
George: Zunächst habe ich schon immer gerne ältere Menschen gespielt. Nun aber, da ich selbst alt bin und ich mich für eine Rolle gar nicht mehr groß verändern muss, ist es schon hart. Jeder Tag ist mühsam.

chilli: In Ihrer zweiten Heimat Sardinien halten Sie sich regelmäßig fit. Was empfinden Sie, wenn Sie beim Schwimmen im Meer für die gleiche Strecke plötzlich deutlich mehr Zeit brauchen?
George: Es stimmt mich schon traurig. Aber meistens bin ich inzwischen ja alleine unterwegs und kann, ganz ohne Konkurrenz, meinen Rhythmus bestimmen. Man macht sich was vor im Alter.


chilli: In „Deckname Luna“ spielen Sie einen ostdeutschen Wissenschaftler. In Ihrer Biografie finden sich wenige Bezüge zur ehemaligen DDR.
George: Als ich Anfang der 60er-Jahre in Göttingen Theater spielte, fuhr ich am Abend nach den Auftritten immer wieder durch die DDR. Mit dem VW ging’s damals zurück nach Berlin. Ich erinnere mich gut an diese Autobahn und die grauenhaften Schikanen. Bei der Teilung Deutschlands war ich am Ende nur sehr stolz, dass meine Mutter aus Berlin nicht weg wollte. Als die Mauer kam, sind wir Berlin treu geblieben, obwohl mich diese Stadt nie beruflich beschäftigt hat.

chilli: Sie spielten Theater in Berlin …
George: Nur sporadisch. Nein, diese Stadt hat sich nicht sehr bemüht um mich.

chilli: Ist Ihnen die Großstadt nicht ohnehin zu laut und anstrengend?
George: Wir wohnten ja immer draußen im Grünen. Ich bin sicher kein Stadtmensch. Deshalb fühle ich mich ja auch auf Sardinien so wohl.

chilli: Ihre Popularität sorgt eben dafür, dass Sie hier in Deutschland überall erkannt werden.
George: Ach, das ist nicht mehr so. Die dritte Generation nach mir kennt mich nicht mehr. Die zweite, die heute so um die 50 ist, die wurde mit mir groß. Und ich gebe zu: Die sind mitunter auch ein bisschen aufdringlich.

chilli: Was wäre aus der Familie George geworden, wenn Sie in der DDR gelebt hätte?
George: Keine Ahnung, das ist hypothetisch. Aber ich bin ein sehr widerborstiger Mensch. Ich weiß nicht, wie ich damit hätte umgehen sollen. Vielleicht wäre ich geflohen. Ich habe eben immer meine Meinung gesagt. Das brachte mir auch im Westen viel Schaden ein. Aber wenn du alt bist, schaust du wohlwollend darauf zurück. In dieser Hinsicht war mein Leben stringent.

chilli: Sie drehten als Star aus dem Westen 1988 „Der Bruch“ mit dem Regisseur Frank Beyer in Ost-Berlin.
George: Ich erinnere mich gut an diese tagtäglichen Schikanen an der Grenze. 15 Minuten wären es mit dem Auto von mir daheim nach Babelsberg gewesen. Und ich brauchte jedes Mal 45 Minuten oder mehr. Irgendwann sagte ich öffentlich, dass ich aus dem laufenden Projekt aussteige, wenn sich das nicht ändert. Dann durfte ich plötzlich unbehelligt fahren.


chilli: Sie hätten ja jemanden aus der DDR rausschmuggeln können?
George: Reingeschmuggelt habe ich. Jeden Tag Bananen, Apfelsinen, Kaffee. Ich weiß noch, dass irgendwann einer in meiner Kofferraum schaute, das alles sah und einfach nur gesagt hat: „Oh, das sieht aber gut aus.“

chilli: Aber schauen Sie im Alter nicht großzügiger über Ärger hinweg? Sind Sie nicht zufriedener als früher?
George: In keinster Weise. Ruhiger und abgeklärter schon. Zufriedener nicht.

chilli: Welche Rolle spielt für Sie das Thema Tod dabei?
George: Ich weiß, es ist nicht mehr lange. Aber ich kann mit dem Tod gut umgehen. Ich habe keine Angst davor. Ich war schon ein paar Mal tot.

chilli: Die Herzoperation hätte vor ein paar Jahren schiefgehen können. Zwei bis zehn Prozent, heißt es, überstehen einen solchen Eingriff nicht.
George: Dann wäre es eben so gewesen. Das Alter schenkt dir eine neue Dimension. Du siehst anders, du riechst anders, du reist anders. Das durchs Leben Hetzen, das ist vorbei. Aber natürlich frage ich mich: Wie lange kannst du das alles noch?

chilli: Sie drehen nun ein Doku-Drama über das Leben Ihres Vaters Heinrich George, in dem Sie selbst in die Rolle Ihres Vaters schlüpfen.
George: Und diese Rolle habe ich, denke ich, 25 Mal vorher abgelehnt. Es gab viele Phasen in der Entwicklung des Stoffes. Aber dann kam der Regisseur und Autor Joachim Lang, der sich bei der Recherche unheimlich viel Mühe machte. Am Ende entstand ein Buch, das wirklich interessant ist.

chilli: Warum drehen Sie diesen Film?
George: Kaum einer macht sich die Mühe, wirklich zu recherchieren. Immer wieder schreiben die Journalisten dasselbe voneinander ab. Und jetzt wird es eben diesen Film geben, der alles aufschlüsselt. Zu dem werde ich mich danach auch nicht weiter äußern. Er wird für sich stehen.

chilli: Ihr Vater starb 1946 mit 53 Jahren im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen.
George: Und er hatte folglich danach keine Chance mehr, sich zu wehren. Viele andere Schauspieler, die viel mehr in die Naziideologie verstrickt waren, die womöglich auch Parteimitglieder waren, hatten das Glück, dass sie sich noch verteidigen konnten.


chilli: Dennoch wird über die Rolle Ihres Vaters bis heute diskutiert.
George: Weil er der größte Volksschauspieler war. Aber der Film wird erklären, warum er trotzdem blieb, wie sehr er an seiner Heimat hing.

chilli: Es ist eine außergewöhnliche Aufgabe, seinen eigenen Vater zu spielen …
George: Klar habe ich da ein bisschen Schiss. Aber mir wird eine Form einfallen, diese große Figur zumindest annähernd deckungsgleich so zu spielen, sodass man erkennt, was für ein Mensch er war. Es geht um künstlerische, um politische Auseinandersetzungen.

chilli:Sie werden sich in Ihrer Darstellung auf die Aussagen von Zeitzeugen verlassen müssen, zum Beispiel auf die Ihrer Mutter. Sie selbst waren gerade einmal acht Jahre alt, als Ihr Vater starb.
George: Ich kenne ihn durch die Filme, die vielen Erzählungen. Meine Mutter erzählte mir, dass er ein couragierter Mensch war.

chilli: Wie sehen Sie heute die Rolle der Schauspieler damals?
George: Sicher haben Kompromisse und Zugeständnisse stattgefunden, die ich als Sohn heutzutage nicht gerne sehe. Aber die aus der damaligen Zeit völlig anders zu beurteilen sind. Auch ich habe mich da tief einarbeiten müssen. Es war eben so, dass man in diesem System drin war. Aber das Land zu verlassen, kam für meinen Vater nicht infrage.

chilli: Warum nicht?
George: „Meine Heimat ist meine Heimat. Da sind meine Dichter, da sind meine Kraft, meine Familie, meine Wurzeln.“ So dachte mein Vater, da ist er völlig anders als ich. Er konnte, im Gegensatz zu mir, seinen Goethe, seinen Schiller, seinen Kleist auswendig. Mein Vater wuchs mit ihnen auf. Er hatte eine andere Beziehung zu seinem Land und seiner Kunst. Da gehst du nicht einfach, da kämpfst du. Es ist das Land der Dichter, der Denker, der großen Musiker. Wo sollte er da hin? Wäre er Maler gewesen, wie sein Freund Max Beckmann, es wäre möglich gewesen zu gehen. Aber er war von der Sprache abhängig. Und er blieb.

Fotos: ZDF / Oliver Vaccaro
Quelle: teleschau – der mediendienst