Lunchtime, Ende Oktober, das Thermometer zeigt 85 Grad Fahrenheit: 30 Grad Celsius. Auch sonst ist in Santa Monica normal, was hierzulande undenkbar scheint. Zum Beispiel ein Mann, der mit Sturzhelm unterm Arm in abgewetzten Jeans, T-Shirt und Army-Jacke durch das Foyer im „Casa del Mar“, immerhin ein gediegenes Luxushotel der Weltklasse-Kategorie, spaziert. Hannes Jaenicke genießt beides sichtlich: dass man das Thema Etikette in Kalifornien ganz und gar nicht so steif auslegt wie in good old Europe und dass er sich hier absolut unerkannt durch den Alltag bewegen kann. Der deutsche Schauspieler, der bei Malibu seinen zweiten Wohnsitz hat, rückt mit seinem Vintage-Motorrad und jeder Menge kalifornischer Coolness zum Interview mit Frank Rauscher an. Themen gibt es ohne Ende: Als Sprecher präsentiert der 52-Jährige auf History die aufwendige Dokureihe „Mankind – Die Geschichte der Menschheit“ (ab 18.11., sonntags, 21.00 Uhr), und dann ist da natürlich Jaenickes ungebremstes Engagement für den Tierschutz, über das er auch in 10.000 Kilometern Distanz zu Deutschland gerne Auskunft gibt.


chilli: Herr Jaenicke, Sie sind in den vergangenen Jahren zu Deutschlands wohl prominentestem Streiter für den Tier- und Umweltschutz avanciert. Was treibt Sie an?
Hannes Jaenicke: Der Spaß – ob Sie es glauben oder nicht. Sonst würde ich es sein lassen. Meine Projekte bringen so viel Abwechslung und neue Impulse in mein Leben. Außerdem bin ich überzeugt, dass ich etwas bewegen kann – vermutlich mehr als mit einem „Tatort“.

chilli: Stopp: Die „Tatort“-Krimis sind sozial relevant und erreichen ein Millionenpublikum!
Jaenicke: Ja, wir hatten gefühlt 2.000 „Tatort“-Sozial-Dramen über alleinerziehende Mütter, trinkende Väter, dysfunktionale Familien und so weiter – nur habe ich Zweifel, dass sich dadurch etwas verändert.

chilli: Durch Ihre Dokus schon?
Jaenicke: Konfuzius sagt: Eine Reise von 1.000 Meilen beginnt mit einem Schritt. Meinen ZDF-Film über Haie sah 2009 zufällig ein REWE-Manager, drei Tage später verkündete REWE, dass der gesamte Fischeinkauf ab 2010 mit dem WWF koordiniert wird. Im Berliner KdW wurden die Schillerlocken und sämtliche Hai-Produkte aus den Regalen genommen, im Kölner Savoy-Hotel gibt’s keinen Thunfisch mehr …

chilli: Also sind Sie noch nicht desillusioniert? Die von Ihnen gesprochene Dokumentationsreihe „Mankind“ auf History erzählt in zwölf Teilen von Kriegen und Intrigen, von Krankheit und oft hausgemachten Katastrophen. Da könnten Zweifel an der Lernfähigkeit des Menschen aufkommen.
Jaenicke: Denken Sie mal an die Frauenrechte, an die Akzeptanz von Homosexualität, an die Geschichte der Demokratie! Man hat sich wohl schon zu sehr an solche Errungenschaften gewöhnt. Wenn ich höre, dass Menschen bei uns nicht wählen gehen, kriege ich einen Föhn – weil im arabischen Raum Tausende ihr Leben riskieren für das Recht, wählen zu dürfen. Der Mensch ist lernfähig – in den vielen Stunden, die ich mich mit „Mankind“ auseinandergesetzt habe, bin ich zu keiner anderen Überzeugung gekommen. Und ich habe viel Neues über Geschichte gelernt. Dass die Holländer das Spekulieren an der Börse erfanden, wegen Tulpenzwiebeln, wusste ich zum Beispiel nicht.

chilli: Was macht die US-Produktion anders als vergleichbare Reihen?
Jaenicke: Das Format ist spannend, die Re-Enactments sind aufwendig, wie ich es selten gesehen habe – fettes Kino. Überhaupt nicht schulisch, sondern auch ohne jede Vorbildung konsumierbar. Geschichte musst du erzählen wie sie ist: wie einen Thriller.

chilli: Spannend waren auch Ihre Umwelt-Dokus im ZDF. Geht die Reihe „Im Einsatz für …“ weiter?
Jaenicke: Wir bereiten gerade einen Film über Elefanten, Elfenbeinhandel und das letzte große Regenwaldgebiet im Kongo vor, Odzala. Harter Stoff – und am Ende geht es, wie immer bei diesen Geschichten, um China.

chilli: Sie arbeiten viel mit versteckter Kamera. Wie mutig muss man sein, um solche Filme zu drehen?
Jaenicke: Ich fühle mich sicher, weil ich eine tolle Crew habe, und inzwischen ist die Kameratechnik derart weit, dass man die winzigen Geräte praktisch kaum mehr findet. Außerdem arbeiten wir mit falschen Identitäten. Beim Hai-Film war ich als ‘Robert Eigner’, deutscher Delikatessen-Importeur, unterwegs, der gerne Haiflossen-Suppe nach Deutschland importieren wollte. So stießen wir auf Hallen, in denen Hunderttausende von Haifischflossen lagerten. Widerlich.

chilli: Stehen Ihnen die Türen beim ZDF inzwischen für diese Dokus offen?
Jaenicke: Es bleibt ein Kampf. Obwohl wir weltweit Preise gewonnen haben, braucht jeder Film mindestens zwei Jahre Anlauf. Ich habe mich daran gewöhnt, dass es schwer ist.


chilli: Wie reagieren Ihre Berufskollegen auf das Engagement?
Jaenicke: Total unterschiedlich. Ich habe schon Kollegen getroffen, die ernsthaft der Überzeugung waren, ich würde mit diesen Dokus das dicke Geld machen. Auch die konservativen Medien haben mich komplett vernichtet. Das ist mir aber ehrlich gesagt egal. Irgendein amerikanischer Regisseur hat mal gesagt: „Der Unterschied zwischen Filme kritisieren und Filme machen, ist wie der Unterschied zwischen Onanie und Geschlechtsverkehr.“ Ich habe lieber Geschlechtsverkehr.

chilli: Welchen Reim machen Sie sich darauf, dass jemand, der Gutes bewirken will, so oft aneckt?
Jaenicke: Keine Ahnung. Vielleicht ist es eine typisch deutsche Krankheit, dass immer misstrauisch gefragt wird: Warum macht der das wohl? Wenn DiCaprio oder Clooney einen auf Umweltschutz machen, finden es alle super – aber wehe, ein deutscher Schauspieler fängt damit an.

chilli: Wird Ihr eigener Lifestyle dem Öko-Engagement gerecht?
Jaenicke: Die Frage kommt zu Recht immer wieder. Ich sage: Natürlich nicht! Jedenfalls weiß ich, dass ich beruflich kriminell viel fliege und deshalb eine verheerende CO2-Bilanz habe. Aber zu Hause, wird das Thema Öko ziemlich ernsthaft praktiziert. Bei mir gibt es kein Plastik, keinen Trockner, keine chemischen Reiniger, ich habe Öko-Strom, ich war einer der ersten Kunden von Greenpeace Energy. Ich habe einen Fahrradtick – in jeder deutschen Großstadt habe ich ein Rad stehen, und hier in den USA fahre ich ausschließlich mit meinem Motorrad.

chilli: Wissen die Amerikaner um Ihr Engagement?
Jaenicke: Nee, null. Die haben ihre eigenen Leute. Denen bin ich auch als Schauspieler kein Begriff. Ich bin hier ein totaler Nobody. Wunderbar. In Malibu siehst du die Promis sowieso in jedem Laden – danach kräht kein Hahn. Bei meinem Stammitaliener in L.A. sitzt oft Michelle Pfeiffer mit ihren Kindern, niemand starrt sie an. Der Satz „Don’t stare“ gehört in Amerika zur guten Erziehung. Bei uns glaubt man immer noch, dass Fernsehpromis etwas Besonderes machen, warum weiß ich nicht. Meine Schwester arbeitet als Krankenschwester in der Psychiatrie – ich finde, sie macht etwas Besonderes. Aber ihr rollt keiner den roten Teppich aus.

chilli: Warum haben Sie sich ausgerechnet Kalifornien als zweite Heimat ausgesucht?
Jaenicke: Kalifornien ist für mich wichtig, um Abstand und Bodenhaftung zu bewahren. Und: Wenn du wissen willst, wie unser Geschäft wirklich funktioniert, dann lernst du das nur hier. Wenn ich schreibe, dann immer in Kalifornien, weil ich mit einer Co-Autorin dort zusammenarbeite. Es ist auch einfach angenehm, sich verkrümeln zu können – weg von der aufgeregten kleinen deutschen Filmindustrie, die sich viel zu ernst nimmt. Außerdem: Ich bin Wassersportler. Hier kann ich mir mein Surfbrett unter den Arm klemmen und runter zum Strand laufen.


chilli: Wenn Sie heute nach Kalifornien kommen, fühlen Sie sich dann als Einheimischer?
Jaenicke: Gute Frage, schwer zu beantworten. Ich habe zwei Pässe, zwei Wohnsitze. Ich bin Deutscher, aber ich fühle mich schon irgendwie auch als Amerikaner, ich wuchs zeitweise in den USA auf – da mein Vater in Pittsburgh arbeitete. Wenn ich mal etwas zu lange in Deutschland bin, habe ich Heimweh nach Kalifornien, und umgekehrt ist es genauso: Drei Monate Sonne und L.A. reichen, dann muss ich zurück nach Deutschland. Denn ich vermisse mein ganzes Sozialleben, die Freundschaften, solche Dinge. Hier läuft alles etwas anders als in Deutschland: Es gibt eine Statistik, wonach das durchschnittliche amerikanische Restaurant-Dinner 44 Minuten dauert. Das ist mir dann doch zu kurz.

chilli: Also stimmt das Klischee, dass die Amerikaner oberflächlich sind?
Jaenicke: Nein. Ich empfinde die Amerikaner absolut nicht als oberflächlich. Die Leute haben einfach weniger Freizeit, das prägt ihren Lebensstil. Sie haben zwölf Tage Urlaub im Jahr, und ich kenne viele, die zwei Jobs machen, um ihre Kinder auf anständige Schulen schicken zu können. Das soziale Netz ist viel durchlässiger als bei uns, und weil das Leben auch hier sehr teuer ist – von der Schule bis zur Krankenversicherung -, ist der Druck, Geld machen zu müssen, enorm. Insgesamt führt das zu einer eher bedenklichen Beschleunigung.

chilli: Gibt es etwas, das wir von den Kaliforniern lernen können?
Jaenicke: Definitiv: Das Akzeptieren von alternativen Lebensformen. In Deutschland wird ja jeder lächerlich gemacht, der ein bisschen von der Norm abweicht. Als aus dem Rheinland stammender Schauspieler und Vegetarier in Oberbayern weiß ich, wovon ich rede. In Los Angeles kannst du das ganze Jahr über als Nikolaus herumlaufen, und den Leuten ist es wurscht.

chilli: Gibt es nicht auch den neidischen Blick über den Zaun zum Nachbarn?
Jaenicke: Sozialneid ist keine amerikanische Eigenschaft. Schon gar nicht da, wo ich lebe. Aber das ist vielleicht auch nicht ganz repräsentativ – ich wohne in einer Art Hippie-Park. Zu meinen Nachbarn gehören der Trompeter von Janis Choplin oder der Keyboarder von den Eagles – lustige ältere Herrschaften, denen es herzlich egal ist, was ihre Nachbarn treiben. Jedem das Seine. Das mag in Beverly Hills anders sein, aber dort bin ich selten.

chilli: Beverly Hills würde auch kaum zu dem Tierschützer Hannes Jaenicke passen. Wann kamen Sie darauf, den Beruf des Schauspielers mit einem solchen Engagement zu verknüpfen?
Jaenicke: Eigentlich ist das der Zensur des Senders vox zu verdanken. Von 2005 bis 2007 habe ich dort mit meinen Doku-Partnern das Abenteuerreise-Format „Voxtours Extrem“ gedreht. Wir berichteten über Reiseziele, die niemand auf dem Zettel hat – Alaska, Yukon, Madagaskar … Und bezogen Missstände mit ein: Total vergiftete Orcas, oder achtjährige Jungs, die auf Madagaskar in ungesicherte, 70 Zentimenter schmale aber 20 Meter tiefe Erd-Bohrungen klettern, um nach Edelsteinen zu suchen – und dabei reihenweise umkommen. Solche Sachen. Aber man hat uns das immer rausgestrichen, mit dem Argument, es handle sich doch um ein nettes Reiseformat! Ich habe mir irgendwann gesagt, dass wir es auf eigene Faust versuchen sollten. Mein Co-Produzent und Kameramann Markus Strobel war sofort mit von der Partie und los ging es mit der Doku über Orang Utans in Borneo, die das ZDF ins Programm nahm. Ohne die Dokus würde ich mich inzwischen langweilen. Ich möchte nichts mehr machen, das nicht einen gewissen Mindestanspruch erfüllt – sie können das ruhig Sendungsbewusstsein nennen.

chilli: Am Donnerstag, 15. November, waren Sie in der ARD in der Komödie „Verloren auf Borneo“ zu sehen. Wo ist da der Anspruch?
Jaenicke: Na ja, das ist die Comedy-Variante zum Thema Regenwaldvernichtung und Ausrottung der letzten Orang-Utans.


chilli: Ein Kompromiss, zu dem Sie sich zwingen mussten?
Jaenicke: Im Gegenteil. Ich wollte das Thema nicht mit erhobenem Zeigefinger bearbeiten, sondern mit Humor und Abenteuerlust. Wir Schauspieler werden dafür bezahlt, die Leute zu unterhalten – ich kann mit dieser typisch deutschen Unterteilung in U oder E wenig anfangen. Warum darf nicht auch eine Komödie einen beiläufigen aufklärerischen Anspruch haben? Aber mit Humor tun wir uns schwer. Ich bin immer wieder erstaunt, wer bei uns alles als Comedian durchgeht. Comedy aus Deutschland ist wirklich kein Exportschlager. Warum? Da muss man wohl in der Kulturgeschichte graben: Uns fehlt völlig dieser typisch jüdische Humoransatz, ein Witz der Zwischentöne, mit Ironie, Sarkasmus – nach dem Motto: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Es ist eben so, dass ein wertvoller Teil der deutschen Schreib- und Comedy-Kultur zwischen 1933 und 1945 im Gasofen landete oder außer Landes getrieben wurde. Ein Kahlschlag, der sich in 60 Jahren nicht reparieren lässt.

Fotos:
Gert Krautbauer / History
ARD Degeto / Sandra Hoever
SAT.1 / Volker Roloff
SWR / Peter Hollenbach

Quelle: teleschau – der mediendienst