Vor gut zehn Jahren ging sein Stern zunächst in der Jazz-Szene auf. Jamie Cullum, britisches Pianowunderkind mit großartiger Stimme, ließ so manchen berühmten Jazz-Crooner ziemlich alt aussehen. Die Alben und Konzerte des Engländers versprühten eine solche Lebensfreude, zogen so weite Kreise, dass die Welt des Jazz für Cullum bald zu klein wurde. Sein neues Album „Momentum“ ist für den 33-jährigen Musiker, der mit Model und Schriftstellerin Sophie Dahl verheiratete ist, ein vorläufiger Bruch mit den alten swingenden Balladenklängen. Es bietet stattdessen Pop in Reinkultur. Im Interview mit Eric Leimann spricht der junge Vater über interessante Unterschiede zwischen Jazz und Pop, über den Verlust seiner Jugend und warum Musik als Lebenshilfe niemals untergehen wird.

Jamie Cullum
chilli: Wenn man sich Ihre Alben chronologisch anhört, scheinen Sie immer mehr von der Idee abzurücken, ein Jazz-Sänger zu sein. Täuscht der Eindruck?
Jamie Cullum: Nein, Sie haben Recht. Allerdings habe ich mich auch nie als echten Jazzsänger gesehen. In den letzten Jahren wurde es mir immer wichtiger, mich als Songwriter zu beweisen und nicht mehr hauptsächlich Songs anderer Leute zu interpretieren. Meine eigenen Lieder waren immer schon schlichter und nicht so vertrackt wie Jazz-Songs. Da ich jetzt mehr eigene Lieder spiele, ist es logisch, dass auch meine Musik weniger jazzig klingt. „Momentum“ ist ganz klar ein Songwriter-Album und keine Jazz-Platte.

chilli: Was bewundern Sie am Pop und was am Jazz?
Cullum: Am Jazz liebe ich die außergewöhnlichen Fähigkeiten der Musiker, die Sensibilität ihres Zusammenspiels. Beim Jazz entstehen faszinierende musikalische Gespräche, Interaktionen, die es so nirgendwo sonst gibt. Im Pop finde ich die Ökonomie des Songwritings äußerst spannend. Da geht es um bisweilen ganz einfache Melodien, mit denen man Menschen zusammenbringen kann. Momentan empfinde ich dies als größere Herausforderung.

chilli: Sie wurden mit Anfang 20 zum Star der Jazz-Szene. Ist das angenehmer als ein Leben als Popstar?
Cullum: Ehrlich gesagt habe ich mich nie als Star gefühlt. Weder beim Jazz noch in der Welt des Pop. Ich habe mich immer als Musiker gesehen. Auch mit der Idee, berühmt zu sein, konnte ich nie etwas anfangen. Ich habe einfach keine Beziehung zu diesem Zustand. Viel mehr kann ich dazu nicht sagen.

chilli: Ihr neues Album ist nicht nur weniger jazzig, sondern auch sehr viel schneller als ihre frühere Musik. Macht Power-Pop mehr Spaß als Jazzballaden?
Cullum: Früher habe ich meinem Songwriting nicht richtig vertraut. Stattdessen wollte ich zeigen, was ich alles kann: Balladen singen, richtig gut Klavier spielen – solche Dinge. Mittlerweile glaube ich, dass meine Songs stark genug sind, um die anderen Dinge wegzulassen.

Jamie Cullum
chilli: Wovon erzählen Ihre neuen Lieder?
Cullum: Sie erzählen von der Zeit zwischen Jugend und Erwachsenenleben, von einer Periode des Übergangs. Viele der Songs habe ich mit dem Gefühl geschrieben, selbst in dieser besonderen Zeit zu leben.

chilli: Was ist für Sie der größte Unterschied zwischen Jugend und Erwachsenenalter?
Cullum: Wenn man jung ist, verbringt man viel Zeit mit sich selbst. Man versucht sich kennenzulernen, spielt mit den eigenen Ideen und Überzeugungen. Ich finde es absolut okay, dass man in dieser Periode öfter mal seine Meinung ändert. Man darf scheitern, lügen, betrügen. Spätestens wenn man Kinder hat, sollte man jedoch damit aufhören. Dann muss man eine Flagge in den Boden rammen und sagen: Hier stehe ich, das bin ich, an das glaube ich, so soll mein Leben aussehen.

chilli: Sie sind in den letzten zwei Jahren selbst zweifacher Vater geworden. Wie hat das Ihren Blick aufs Leben verändert?
Cullum: Ich sehe jetzt viele Dinge klarer. Das Vatersein hat alles intensiver werden lassen. Ich erlebe die schönen Dinge als schöner und die schlechten als noch mieser. Die Welt flößt mir heute mehr Furcht ein, trotzdem macht mir das Leben ungeheuer Spaß.

chilli: Ihr Töchter sind zwei Jahre beziehungsweise wenige Wochen alt – wie haben Sie Ihren Alltag verändert?
Cullum: Sicher nicht in die Richtung, dass ich jetzt ein Album mit fröhlichen Kinderliedern aufnehmen möchte. Wie gesagt, ich erlebe alles intensiver, und das fließt auch in meine Arbeit als Künstler ein. Rein logistisch betrachtet, bedeutet Kinder haben, dass man viel weniger Zeit zum Arbeiten hat. Mir hat dieser Umstand aber eher gut getan. Ich habe nicht so viel über die Songs und jedes Detail ihrer Aufnahme nachgedacht, sondern habe einfach gemacht. Das hat sich für mich sehr richtig angefühlt. Wer nachdenkt, tut nichts. Das Nachdenken ist meiner Meinung nach ein natürlicher Feind jeglicher Kreativität.

chilli: Ihre Frau Sophie Dahl ist ein bekanntes Model und außerdem Schriftstellerin. Wie bekommen Sie es als Künstlerehepaar geregelt, dass jeder trotz der Kinder seinem kreativen Job nachgehen kann?
Cullum: Das geht nur über Arbeitsteilung. Früher war ich sehr viel mehr unterwegs. Heute versuche ich nach meinen Jobs wieder schnell nach Hause zu kommen. Ich bin dadurch unglaublich viel unterwegs, aber ich komme dadurch eben auch unglaublich oft nach Hause (lacht). Wir verbringen viel Zeit gemeinsam mit den Kindern. Ab und zu arbeitet meine Frau ein bisschen für sich. Es ist definitiv so, dass wir uns beide um unsere Kinder kümmern. Natürlich ist das auch anstrengend. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass wir das alles so aus dem Ärmel schütteln.

Jamie Cullum
chilli: Was vermissen Sie aus ihrem alten Leben als junger, ungebundener Single?
Cullum: Vermissen wäre der falsche Begriff. Mir geht es ja sehr gut. Dennoch muss ich sagen: Du weißt nicht, wie schön das Jungsein ist, bis du es verloren hast. Natürlich jammere ich jetzt ein bisschen herum. Mit meinen 33 Jahren bin ich ja noch nicht wirklich alt. Wenn ich aber an meine Zeit mit Anfang 20 zurückdenke, beneide ich mich ein wenig um die Verantwortungslosigkeit von damals. Im Prinzip hat man in diesem Alter keine Verantwortung außer der, selbst am Leben zu bleiben. Alles ist aufregend, du lässt dich treiben, hast eine Menge Energie, triffst massig interessante Freunde. Es ist ein Lebensgefühl, dessen Schönheit man erst dann versteht und zu schätzen weiß, wenn man es verloren hat.

chilli: Welche Dinge werden mit dem Alter besser?
Cullum: Das meiste wird besser, denke ich. Es hat damit zu tun, dass man sich selbst besser kennt. Ich hatte immer einen einigermaßen klaren Blick auf mich selbst, aber viele Menschen haben mit diesem Prozess sehr zu kämpfen. Wenn du weißt, wer du bist, verleiht dir das große Freiheit. Du verschwendest keine Zeit mehr mit Dingen, die dich eigentlich gar nicht interessieren.

chilli: Haben Sie immer gewusst, dass Sie Musiker werden wollen?
Cullum: Nein, keineswegs. Ich war einfach nur ein fanatischer Musikfan. Ein Plattensammler, der Klavier spielte, weil man so auf Partys leichter Mädchen kennenlernen konnte. Ich habe Film und Literatur studiert. Eigentlich dachte ich daran, mal Journalist oder Autor zu werden, weil ich sprachlich talentiert war. Dass alles anders gekommen ist, darüber wundere ich mich manchmal noch heute.

chilli: Ist Musik in der Welt heute noch so bedeutsam, wie Sie es früher einmal war?
Cullum: Ich glaube schon. Musik als Geschäftsmodell – das hat stark nachgelassen. Musik als Stimme in der Gesellschaft? Auch das ist sehr viel unwichtiger geworden, wenn man es mit früheren Jahrzehnten vergleicht. Wenn wir jedoch auf Musik als wichtige Instanz der eigenen Entwicklung schauen, wenn wir sie als Katalysator für Gefühle, als Trost, als Inspiration begreifen, verstehen wir, dass ihre Bedeutung nie nachlassen wird. Vor allem nicht, wenn wir über das Heranwachsen sprechen. Junge Leute definieren sich über die Musik, die sie hören, die Künstler, die sie bewundern. Musik schafft Identifikation, Reibung, Emotion. Es mag also sein, dass Musik in einem gesellschaftlichen Kontext betrachtet an Bedeutung verloren hat. Für die Entwicklung eines jeden einzelnen Menschen wird sie ihre große Bedeutung aber nie verlieren.

Fotos: Alex Sturrock / Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst