Kann man sich eine bessere Besetzung als Jan Josef Liefers (48) für eine Neuauflage des „Münchhausen“-Stoffes denken? Seit Hans Albers 1943 nach einem Drehbuch des unter Pseudonym schreibenden Erich Kästner mit seiner Interpretation des Lügenbarons Filmgeschichte schrieb, traute sich kein Deutscher mehr so richtig an den Stoff heran. Nun gibt Liefers, der ewige Filou des deutschen Films und vierfache Vater, einen ziemlich abgerissenen Lügenbaron. Über die Beziehung zu einem kleinen Mädchen macht der eine fast schon zeitgemäße Wandlung durch. Obwohl die Ansetzung des Zweiteilers „Baron Münchhausen“ im weihnachtlichen Vorabendprogramm auf einen Kinderfilm hindeutet, ist sich sein Hauptdarsteller sicher: Diese 180 Filmminuten sind ein Stück wunderbare Lebensphilosophie. Eric Leimann hat mit ihm gesprochen.


chilli: Bei Münchhausen denkt man sofort an den Filmklassiker von 1943 mit Hans Albers. Wie unterscheidet sich Ihr Münchhausen von seiner Darstellung?
Jan Josef Liefers: Bei Hans Albers ist Münchhausen ein gestandener Mann. Ein Kind seiner Zeit. Albers spielt ihn auf erwachsene Art verschmitzt. Ein bisschen schlitzohrig, ein Schwadronierer und Charmeur. Trotzdem war es vor allem Hans Albers, den man da sah – wie ja eigentlich in all seinen Rollen. Ich bin als Schauspieler ein ganz anderer Typ und suche mein Heil in der Verstellung. Die schwierigste Aufgabe wäre für mich, wenn ein Regisseur sagen würde: „Jan Josef, sei mal ganz du selbst.“ Da würde ich mir nicht von hier bis da über den Weg trauen (lacht).

chilli: Sie haben sich der Figur Münchhausen genähert, indem Sie sich viele andere Verfilmungen angesehen haben. Was haben Sie dabei gelernt?
Liefers: Dass jeder Regisseur, jeder Darsteller offenbar seine eigene Münchhausen-Idee im Kopf hatte. Es gibt es eine Version des tschechischen Regisseurs Karel Zeman von 1961. Der hat aus Münchhausen eine Art intellektuelles Ballett gemacht. Ein interessanter Film, aber schwer zu verstehen. Es existiert auch ein toller russischer Film mit Oleg Jankowski aus dem Jahr 1979, der sehr viel Regimekritik transportiert. Schließlich kommt Terry Gilliam 1988 mit einer völlig zweckfreien Huldigung an den nackten Wahnsinn. Sicher das fantasievollste und durchgeknallteste Münchhausen-Projekt. Aber dem Film fehlt es an emotionaler Kraft – weswegen er wohl auch zu einem der größten Flops in der europäischen Filmgeschichte wurde. Man staunt und lacht die ganze Zeit, aber es gibt keine Figur, an die man sein Herz hängt.


chilli: Was haben Sie sich nach Ansicht dieser Filme für Ihren Münchhausen vorgenommen?
Liefers: Wir wollten Münchhausen als einen abgerissenen, etwas in die Jahre gekommenen Abenteurer zeigen. Ein Frauen- und Maulheld, der partout das Erwachsenwerden verweigert. Es ist ein Thema, das mich immer schon fasziniert, nicht erst, seit ich selber Kinder habe: Wann und warum hören wir auf, Kinder zu sein – mit all ihren unendlichen Möglichkeiten? Jeder trägt dieses Wesen ja anfangs in sich. In seinem Herzen, der Phantasie, in seiner Begeisterungsfähigkeit. Da gibt es diesen festen Glauben an alles, was wir uns vorstellen können. Ich fahnde seit langem nach jenem Moment, wo wir aufhören, Kinder zu sein und langweilige Erwachsene werden. Münchhausen ist eine tolle Figur, weil er diese Entwicklung zum Erwachsenen ein Leben lang verweigerte – und so wollte ich ihn auch spielen.

chilli: In Ihrem Film hat man ein Mädchen hinzuerfunden, das Münchhausen als ihren Vater bezeichnet und das beschützt werden will. Darf man eine klassische Geschichte so massiv verändern?
Liefers: Natürlich – die Vorlage hat ohnehin wenig zu tun mit dem, was die verschiedenen Verfilmungen aus ihr gemacht haben. Es gab den Baron Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen zwar wirklich, doch es war ein ganz anderer Mann, als im Buch beschrieben. Die Lügengeschichten hat ihm unter anderem der Autor Gottfried August Bürger angedichtet. Zudem waren sie ziemlich militaristisch und brutal. Wir machen daraus einen Entwicklungsroman. Münchhausen trifft auf ein Mädchen, das an der Schwelle zum Erwachsenenleben steht und seine kindliche Welt von einem alten Kindskopf beschützt haben will. Diese Idee ist neu und hat mich bereits beim Lesen des Drehbuchs total bewegt.

chilli: Wohin entwickelt sich Münchhausen bei Ihnen?
Liefers: Münchhausen lernt bei uns, Verantwortung für einen anderen Menschen zu übernehmen – das macht es für mich zu einer herzerwärmenden Geschichte. Er verändert sich! Bei allen anderen Filmen ist Münchhausen, so weit ich weiß, am Ende genauso wie am Anfang.


chilli: Die Lügengeschichten von Baron Münchhausen wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts aufgeschrieben. Warum finden die Leute sie bis heute interessant?
Liefers: Menschen erzählen sich fantastische Geschichten seit sie um Lagerfeuer herumsitzen. Das ganze Entstehen einer spirituellen Welt hat damit zu tun, dass offenbar ein bestimmtes Gefühl in der DNA des Menschen verankert ist: Etwas lässt uns ahnen, dass das, was wir sehen und anfassen, nicht alles sein kann. Die Münchhausen-Geschichten spielen mit dem Bedürfnis des Menschen, ihr Leben irgendwo zwischen Realität und Fantasie verorten zu müssen. Auf den Extremen dieser beiden Pole wird ja kaum ein Mensch glücklich.

chilli: Ist der deutsche Fernsehzuschauer heute noch bereit, so viel Fantastisches auf sich einprasseln zu lassen – wo sich viele Zuschauer schon beschweren, wenn beispielsweise mal ein Krimi den Boden des trockenen TV-Realismus verlässt?
Liefers: Da bin ich ja nun Experte. Unser „Tatort“ aus Münster entzieht sich ja seit Jahren einer nachprüfbaren und stichhaltigen Realität. Beim Zuschauer ist er dennoch sehr beliebt. Natürlich gibt es immer noch diesen Kriminalfall – aber der weicht bei uns wohl am weitesten von der nackten Fernsehrealität ab. Ich glaube nicht, dass der Zuschauer des Fantastischen müde geworden ist. Schauen Sie in das Actionfilm-Genre, die sind ja auch eine maßlose Übertreibung der Realität. Wenn da ein Auto explodiert, ist das wie ein Vulkanausbruch – sofern man sich ihn vom Budget her leisten kann. Auch dort geht es ums Fantastische.

chilli: Wie haben Sie sich abseits des Filmstudiums auf diese Rolle vorbereitet?
Liefers: Zunächst mal muss man über die Beschäftigung mit einer Figur hinaus noch vor dem ersten Drehtag zu einer klaren Haltung gegenüber einer Figur kommen. Es gab aber auch ganz bodenständige Maßnahmen der Vorbereitung. Münchhausen reitet sehr viel, und für die Rolle ist es wichtig, ein Pferd sicher bewegen zu können. Auf allen Untergründen, bei jedem Manöver und eben auch auf einer Blue Screen-Leinwand – die ein normales Pferd noch nie im Leben gesehen hat. Ich konnte zwar reiten, aber ich musste hart trainieren, um all das glaubhaft spielen zu können. Zum Beispiel jene Szene, in der ich samt Pferd im später digital hinzugefügten Treibsand versinke. Das war durchaus anspruchsvoll.

chilli: Und war der Bart echt?
Liefers: Ja, ich ließ mir diesen Bart stehen. Und dann wurde kräftig daran gezwirbelt. Was natürlich zu merkwürdigen Reaktionen in der Öffentlichkeit führte. Die wusste ja nicht unbedingt, dass ich den Bart für eine Rolle brauchte. Da war dann in der Zeitung zu lesen: Mit einem extravaganten Bart – Herr Liefers (lacht).

Fotos: ARD / SWR / Stephanie Kulbach
Quelle: teleschau – der mediendienst