Ist man glücklich genug, um zu heiraten? Diese Frage treibt in der sehr gelungenen Kinokomödie „Fast verheiratet“ ein von Emily Blunt und Jason Segel verkörpertes Paar um. Segel, der den von Komödie-Guru Judd Apatow produzierten Film auch geschrieben hat, schickt das scheinbare Traumpaar der ersten Filmminuten auf eine fünfjährige Reise, die dem Film auch seinen Original-Titel „The Five Year Engagement“ verlieh. Im Gespräch erzählt der Star aus der Sitcom „How I Met Your Mother“ und Filmen wie „The Muppets“ oder „Nie wieder Sex mit der Ex“, wie sein persönliches Konzept erfüllter Liebe aussieht. Vor einigen Wochen wurde Segels Beziehung zu Kollegin Michelle Williams öffentlich. Darüber wollte der 32-Jährige nicht reden. Dafür sprach er mit Eric Leimann über seinen nackten Penis und die Zyklen amerikanischer Komödienkultur.


chilli: Was verspricht mehr Erfolg: Eine schnelle Liebesheirat oder langes gegenseitiges Prüfen?
Jason Segel: Den perfekten Moment zum Heiraten gibt’s nicht. Das ist auch der Fehler, den Tom und Violet im Film machen. Die meisten Menschen machen ihrem Partner dann einen Heiratsantrag, wenn der Himmel voller Geigen hängt. Besser wäre es, dann zu heiraten, wenn man einen besten Freund gefunden hat. Alles andere wird irgendwann nachlassen – die Attraktivität oder tolle Dynamik in einer Beziehung. Freundschaft hat dagegen die besten Überlebenschancen.

chilli: Suchten Sie niemals nach der Frau, die hundertprozentig richtig erscheint?
Segel: Egal, wer es wäre – sie würde bestimmt viel früher als ich feststellen, dass ich nicht hundertprozentig der Richtige bin (lacht). Menschen, die Perfektion anstreben, sind zum Scheitern verurteilt. Ich habe auch keine hundertprozentig perfekten Freunde, warum sollte ich Perfektion von meiner Braut erwarten?

chilli: Haben Sie ein Geheimrezept für eine gute Beziehung?
Segel: Nein. Ich suchte eigentlich immer jemanden, mit dem ich gut auskomme. Eine Frau anzuschauen und zu denken: ‘Wow, ich mag dich echt’ – das ist eine wichtige Facette von Liebe, die oft unterschätzt wird.

chilli: Ist es leichter, die Richtige zu finden, wenn man Hollywood-Star ist?
Segel: Man kann sich das einreden. Geld, Ruhm, Dinner-Partys, Events – diese Art zu leben schafft es sogar nicht selten zu verhindern, dass man jemanden kennenlernt. In Los Angeles kann man einen Menschen über Monate daten, ohne ihn kennenzulernen. Ich glaube nicht, dass es für jemanden wie mich, der reich und berühmt ist, leichter oder schwerer ist, als für jeden anderen Typen da draußen.

chilli: Eine Botschaft von „Fast verheiratet“ scheint zu sein, dass man seine Träume nicht für den Partner aufgeben sollte. Sehen Sie das auch so?
Segel: Kompromisse sind eine schöne Sache. Man darf aber nicht so viel für eine Partnerschaft opfern, dass man die eigene Identität verliert. Dann wird man zum Assistenten statt zum Geliebten. Dein Partner möchte, dass du aufregend bleibst. Wer sich aber für den anderen quält, ist eigentlich sehr egozentrisch. Es sieht so aus als wäre man selbstlos, eigentlich möchte man jedoch eine Belohnung für sein Opfer. Dies ist ein passiv-aggressiver Akt. Man wartet jahrelang auf einen Moment, dem anderen sagen zu können: „Ich habe alles für dich aufgegeben.“


chilli: Es heißt, Sie reden gern über Sex.
Segel: Man könnte es denken, weil ich in Filmen oft meinen Penis zeige. Das ist jedoch eigentlich das Gegenteil von sexy. Ich habe Nacktheit in meinen Filmen nie sexuell interpretiert. In der Regel hat sie bei mir stets etwas Peinliches. Mein nackter Körper – sei es im Film oder im wirklichen Leben – ist immer mit schallendem Gelächter verbunden.

chilli: Tatsächlich gibt es in vielen Ihrer Filme peinliche Sexszenen. Sind Sie besessen von solchen Situationen?
Segel: Ich liebe peinliche Sexszenen. Das Leben besteht aus peinlichen Sexszenen, weswegen es gut ist, dass sie in der Regel nur die beiden Beteiligten mitkriegen. Das Kino gaukelt uns vor, Sex käme einer schönen Choreografie gleich. Ich halte das für eine abstruse Lüge.

chilli: Für einen Hollywoodstar sieht Ihr Körper ziemlich normal aus. Andere Stars würden wohl erst mal sechs Monate ins Fitness-Studio gehen, bevor sie sich in eine Sexszene hineinbegeben. Fehlt Ihnen die Eitelkeit?
Segel: Ich wurde ohne jegliches Gefühl von Stolz oder Eitelkeit geboren. Dazu kommt, dass mir nichts peinlich ist. Ich kenne dieses Gefühl und seine ganzen Begleiterscheinungen einfach nicht. Ich werde nicht nervös oder rot, bei mir krampft sich nichts zusammen. Wenn mich andere Leute nackt sehen, löst es bei mir nichts aus. Wahrscheinlich spüre ich deshalb auch diesen Druck nicht, den andere empfinden, wenn sie sich in solche Situationen vor der Kamera begeben.

chilli: Sie sind nicht nur Star, sondern auch Drehbuchautor von „Fast verheiratet“. Haben Sie schreibende Vorbilder?
Segel: Der Drehbuchautor und Regisseur James L. Brooks („Simpsons“, „Besser geht’s nicht“, Anm. d. Red.) war eines meiner frühesten Idole. Schauen Sie sich seinen Film „Nachrichtenfieber – Broadcast News“ mal an. Man fragt sich die ganze Zeit: Ist das jetzt eine Komödie oder ein Drama? Die Antwort lautet: Es ist einfach die Melodie des Lebens. Für mich war das immer der Stil, in dem ich auch schreiben wollte. Hal-Ashby-Filme waren auch wichtig für mich. Sein Film „Willkommen Mr. Chance“ mit Peter Sellers transportierte ebenfalls diesen Ton. Dann muss ich natürlich Judd Apatow nennen – er war mein Mentor.

chilli: Was inspiriert Sie zum Schreiben von Filmen?
Segel: Zuhören und beobachten. Meistens bin ich der stillste Typ bei einer Dinner-Party. Irgendwann habe ich mal einen klugen Satz aufgeschnappt: Du lernst nie etwas durchs Reden. Weil du die Dinge, die du erzählst, bereits kennst. Lernen kann man nur durchs Zuhören und Beobachten.


chilli: Ihre bisherigen Filme mit Judd Apatow und seiner kreativen Film-Clique erzählten oft von Männern, die nicht erwachsen werden können oder wollen. Ihr neuer Film ist die relativ ernste Analyse einer Paarbeziehung in Form einer überdrehten Komödie. Ist es Zeit, erwachsen zu werden?
Segel: Ja, absolut – so sehe ich es auch. Ich werde zu alt für diese Kind-im-Mann-Geschichten. Das gilt für die Filme und auch für mein richtiges Leben. Ich war sehr lange Anfang zwanzig, vielleicht zehn Jahre lang. Es wird Zeit, weiterzuziehen. Ich mag keine Filme, in denen Teenager Anwälte spielen. Oder wenn irgendein Kid aus „Twilight“ den besten Chirurgen des Landes verkörpert. Man sollte aufpassen, mit seinen Rollen realistisch zu bleiben.

chilli: Die Gruppe um Judd Apatow dreht seit Jahren sehr erfolgreiche Komödien. Haben Sie den amerikanischen Geschmack in Sachen Humor verändert?
Segel: Der Komödien-Geschmack verändert sich ohnehin in Zyklen. In den 80-ern gab es schon mal eine Gruppe um den Regisseur Ivan Reitman, die mit Filmen wie „Ich glaub mich knutscht ein Elch“ und vor allem „Ghostbusters“ eine neue Art Humor im Kino kreierte. Dann kamen die Farelly-Brüder mit ihrem Ding. Schließlich landeten wir in einer Epoche, in der Komödien stets mit einem bestimmten Star oder Charakter verknüpft waren: Jim Carrey, Adam Sandler oder die Austin-Powers-Filme. In den 80-ern gab es jedoch auch schon mal eine Welle mit Filmen von John Hughes („Ferris macht blau“, Anm. d. Red.), die gar nicht so weit weg waren vom Ton der Judd-Apatow-Filme. Auch in seinen Filmen lag oft eine Art Drama unter der Oberfläche der Komödie. Doch ich bin mir sicher – auch unsere Filme werden irgendwann von einer neuen Komödienwelle abgelöst.

chilli: Wann haben Sie eigentlich Ihr komisches Talent entdeckt?
Segel: Ich weiß nicht, ob es den einen Moment gab. Als ich in der Highschool mit dem Spielen begann, konzentrierte ich mich voll aufs Drama. Ein wichtiger Moment war das Vorsprechen bei Judd Apatow für die Serie „Freaks and Geeks“, Ende der 90-er. Judd war damals schon einflussreich und sehr respektiert in der Comedy-Szene. Alle haben sehr gelacht über mich, das war natürlich ein Aha-Erlebnis. Viele Schauspieler, die Komödianten sein wollen, glauben, man müsse dafür lustig sein. Das stimmt aber nicht. Ich bin, wie gesagt, ein sehr ruhiger Typ in Gruppen. Es hilft, wenn man intelligent ist und ein bisschen gebildet, um Referenzen verstehen zu können. Ein Underdog zu sein, ist ebenfalls nützlich. Aber es geht bestimmt nicht ums Witzeerzählen. Ich kann mich nicht daran erinnern, in meinem Leben einen einzigen Witz erzählt zu haben.

Fotos: Universal Pictures
Quelle: teleschau – der mediendienst