Als Jürgen Vogel einst in die SAT.1-Bühnencomedy „Schillerstraße“ einstieg, nannte er es reizvoll, „Sachen mögen zu dürfen, die in die Hose gehen können“. Risikofreude zeichnet den Schauspieler schon seit einigen Jahren aus. Er spielt die Rollen, die er spielen möchte, oft jenseits vom Mainstream. Besonders, wenn Matthias Glasner hinter der Kamera steht, wie bei „Der freie Wille“, „This Is Love“ oder jetzt bei „Gnade“ (Kinostart: 18.10.). Im Norden von Norwegen entstand ein beinahe surreales Kammerspiel über große Gefühle, über Schuld und über Gnade. Doch was ist das, Gnade? Welche Bedeutung steckt dahinter? Vogel hat sich darüber Gedanken gemacht und erzählt beim Interview mit Claudia Nitsche in einem Münchner Hotel, was er damit verbindet. Während er spricht, denkt er noch mal neu nach, nimmt Bedenken und Einwände auf. Vorgefertigt ist bei dem 44-Jährigen nichts. Aber er ist entschlossen, dem Zuschauer und an dieser Stelle dem Leser, eine neue Einstellung mit auf den Weg zu geben, die der Film illustriert.


chilli: Es ist kein häufig gebrauchter Begriff. Könnten Sie deshalb zunächst „Gnade“ definieren?
Jürgen Vogel: Wenn wir von gnädig sein oder von Vergebung sprechen, rutschen wir schnell ins Religiöse. Ich meine aber nicht, dass sich jemand rechtfertigt, und dann wird ihm von oben herab vergeben. Da will ich nicht hin. Die Frage ist: Ist jemand gnädig mit dir? Und: Gnade ist eine interessante Option für schwierige Lebenssituationen. Es geht um den Versuch zu verzeihen.

chilli: Wieso plädieren Sie dafür, gnädig zu sein?
Vogel: Man gerät schnell in eine Situation, in der man darauf angewiesen ist. Der Mensch macht sich doch permanent schuldig, egal ob er das will oder nicht. Wir glauben, wir tun das Richtige, können die Folgen aber nicht absehen. Vielleicht ist es für den anderen dramatisch und komplett falsch. Auch beim Umgang mit Kindern gibt es keine festen Regeln, was ihnen guttut. Es reagiert nicht eins wie das andere. Wenn etwas schiefläuft, kannst du nur sagen, es tut mir leid. Dann wären wir dankbar, wenn jemand gnädig mit uns ist.

chilli: Das ist kein Hinweisschild, dem der Betroffene besonders euphorisch folgt.
Vogel: Sicher denkt man oft, ich kann dies und jenes keinesfalls verzeihen. Aber es gibt gar nicht so viele Varianten. Im Grunde kommt man sogar besser klar, wenn man genau das tut. Menschen, die sich als Opfer fühlen, haben nur zwei Möglichkeiten: sich daran reiben, dagegen ankämpfen und viel Energie aufwenden – oder dem Menschen vergeben. Damit tritt man in eine neue Art der Kommunikation.

chilli: Verlagern Sie den Blickwinkel oder brechen Sie eine Lanze für eine ungewohnte Güte?
Vogel: Etwas falsch machen ist menschlich. Wir wollen immer so fehlerlos sein, alles richtig machen. Es klingt vielleicht komisch, aber ein Stück näher an der Fehlerhaftigkeit des Menschen dran zu sein, beruhigt mich irgendwie. Es ist nur wichtig, die Eier zu haben sich einer Sache zu stellen und ehrlich zu sein. Hört man damit auf, hat man keine Berechtigung mehr, Filme zu machen.

chilli: Ihre letzten Kinoproduktionen mit Matthias Glasner, das Vergewaltiger-Drama „Der freie Wille“ und die drastische Liebesgeschichte „This Is Love“, gehen dem Zuschauer an die Substanz …
Vogel: Das sind Filme, die sind wie ein Schlag ins Gesicht. „Gnade“ entlässt einen anders, ist unser erwachsenster Film – und der versöhnlichste, den wir zusammen gedreht haben. Viele Kinoproduktionen machen es dem Zuschauer einfach. Diese nicht. Jeder muss einen Schritt auf den Film zugehen, sonst erreicht er einen nicht.


chilli: Gehört es zum Konzept, dass die beiden Hauptfiguren keine Sympathieträger sind?
Vogel: Ob man die mag, ist nicht wichtig. Film zieht dich in Sachen rein. Er zieht dich in einen Raum, in dem du ausgeliefert bist. Dadurch entsteht etwas Neues, das man vielleicht nicht wollte. Darauf hoffe ich, wenn ich solche Arbeiten mache. Eine andere Offenheit wäre ein guter Effekt. Es ist kein Indiz für eine Meinung, ob man jemanden mag oder nicht.

chilli: Warum?
Vogel: Weil es viele Menschen gibt, die wir nicht mögen. Wenn wir Zeit miteinander verbringen, ändert sich das, besonders wenn man dazu gezwungen ist. Durch Nähe entwickelt sich ein anderer Blick auf den Unsympath. Den Zustand erreichen wir im Privatleben nicht so oft, weil wir sagen: Ich geh woanders längs.

chilli: Stimmt der Eindruck, dass Matthias Glasner in jedem Film immer noch weitergehen will?
Vogel: Ja, er ist schon derjenige, der treibt und herausfordert. Ich mag das, besonders in den Momenten, wo wir Pingpong spielen. Manchmal wird es mir auch zu viel.

chilli: Dann müssen Sie ihn bremsen?
Vogel: Nicht direkt. Während wir drehen, wissen wir noch nicht, wo es hinführt, sondern erleben einen aktiven Prozess. Es wird im Vorfeld nicht alles durchgekaut, Matthias schafft Räume, in denen ich mich bewegen darf. Wie weit ich gehe, ist meine Verantwortung. Das entscheidet die Tagesform, aber prinzipiell bin ich bereit sehr weit zu gehen und jegliche Anbiederung an den Blick von außen auf mich zu vermeiden.

chilli: Ein Kampf gegen die Eitelkeit?
Vogel: Den Gedanken, wie die Menschen das finden, hasse ich an mir. Das ist ein Schauspielerproblem. Deswegen bleiben viele dort hängen, wo sie gut abschneiden, geliebt werden. Anerkennung ist ein elementarer Beweggrund für unseren Beruf. Also steht immer die Frage im Raum, ob etwas geht. Kann man das machen? Mag das Publikum ihn dann noch? Man kann sich natürlich dafür entscheiden, sich anzubiedern, um die Masse, die man zu kennen glaubt, zu erreichen.


chilli: Neben der schauspielerischen Herausforderung haben Ihnen auch die Dreharbeiten in Norwegen einiges abverlangt.
Vogel: Bei 30 Grad minus sterben dir nach zehn Minuten ohne Handschuhe die Finger ab. Du bist mit der Brutalität der Natur konfrontiert – im krassen Gegensatz zu ihrer Schönheit. Wer das noch nicht erlebt hat, weiß nicht, wie einen das auf das eigene Befinden reduziert. Du bist raus aus deiner Welt, verbringst viel Zeit alleine in deinem Zimmer und ab 3 Uhr nachmittags ist es dunkel. Draußen versuchst du trotz dieser Kälte zu spielen. Trotzdem mochte ich dieses Abenteuer.

chilli: Sagen Sie, ist es vorstellbar, dass Sie mit Matthias Glasner eine Komödie drehen?
Vogel: Hm, vielleicht. Obwohl: Matthias hat da noch was in der Schublade …

Fotos: Alamode Film / Jakub Bejnarowicz / ZDF / Sandra Hoever
Quelle: teleschau – der mediendienst