Regisseur Walter Salles hatte vor Jahren eine unbekannte 16-jährige Schauspielerin für die Rolle der experimentierfreudigen Marylou in „On The Road – Unterwegs“ (Start: 4. Oktober) nach dem Kultbuch von Jack Kerouac verpflichtet. Bis es dann aber zum Dreh kam, war der Name dieser jungen Frau – „Twilight“ sei Dank – längst in aller Munde: Kristen Stewart. Das neue Dasein als Teen-Idol hinderte die heute 22-Jährige nicht daran, in der Independent-Produktion eine überzeugende Performance als Geliebte des Freigeists Dean zu geben. Auf dem wilden Trip im Auto durch die USA macht sie im Film weder vor Drogen, Alkohol und sexuellen Eskapaden halt. Was Kristen Stewart so nachhaltig an dieser Frau beeindruckt hat und warum die Tochter eines Fernsehproduzenten und einer Script Supervisorin gerne mit Journalisten spricht – außer wenn es um ihre turbulent gewordene Beziehung mit Robert Pattinson geht – erzählt sie im Interview mit Diemuth Schmidt.


chilli: „On The Road“ ist in Amerika das Kultbuch einer ganzen Generation. Wann haben Sie es gelesen?
Kristen Stewart: Mit etwa 14 Jahren und es war mein erstes Lieblingsbuch! Es zeigt, dass es völlig in Ordnung ist, wenn man nicht die gleichen Prioritäten im Leben hat wie die Masse. Ich wollte sofort solche Leute treffen, die mir dabei helfen, so cool und smart zu werden, wie ich nur werden kann. Leute, die mich einfach herausfordern. Allerdings bin ich nicht die Person, die selbst einen solchen Prozess vorantreibt. Ich brauche Menschen, denen ich folgen kann.

chilli: Und, haben Sie solche Aufrüttler gefunden?
Stewart: Ja, Sam Riley, Garrett Hedlund und Walter Salles. Aber auch privat habe ich keine Müßiggänger als Freunde. Es sind Menschen, die viel wollen, aber auch viel geben. So wie Louann, das reale Vorbild für meine Figur Marylou.

chilli: Was fasziniert Sie an dieser Frau besonders?
Stewart: Sie ist wie ein Fass ohne Boden, einfach unerschöpflich, in dem was sie gibt. Aber sie erwartet genauso viel zurück. Zum Glück konnte ich Louann kennenlernen, sonst hätte ich sie nie richtig verstehen können. Man neigt dazu, sie zu fragen: Warum tust du dir das alles an? Aber sie liebte es zu lieben und konnte mit den Folgen umgehen. Sie war ihrer Zeit auf jeden Fall voraus. Aber auch wenn sie heute jung wäre, bliebe sie einzigartig und hervorstechend.


chilli: Sie ist die einzige Überlebende aus diesem besonderen Trio der Beat Generation …
Stewart: Das Tragische an diesem Leben war, dass die Männer nicht aufhören konnten zu suchen, und auch mal das, was sie hatten, zu genießen. Louann kann das. Das habe ich in den zwei Tagen mit ihr gelernt.

chilli: Walter Salles veranstaltete vor dem Dreh ein einmonatiges „beatnik bootcamp“ für seine Hauptdarsteller in Montreal. Was hat das gebracht?
Stewart: Wir sollten möglichst viel über unsere Figuren erfahren und dann die Kontrolle verlieren. Ich finde, das ist uns gelungen. Solche Gefühle wie an diesem Set habe ich nie wieder erlebt. Ich bin ich kein offenherziger Typ und behalte Dinge lieber für mich. Ich lache mal lieber leise in mich hinein, als wie Marylou damit auch in unpassenden Situationen laut herauszubrechen. Aber bei diesem Dreh konnte ich völlig loslassen.

chilli: Wie ging es Ihnen, als plötzlich „Twilight“-Fans in diese andere Welt eingedrungen sind und an die Drehorte kamen?
Stewart: Grundsätzlich finde ich es sehr schön, wenn ich die Begeisterung für einen Film wie „Twilight“ mit vielen Leuten teilen kann. Das macht es wertvoll, und wen die Begeisterung kalt lässt, der ist ein Soziopath. Sicher gibt es immer Leute, die es übertreiben, aber wir haben uns so schnell vorwärts bewegt, dass die Fans gar nicht hinterherkamen.


chilli:Fühlen Sie sich durch Ihre Berühmtheit eingeschränkt?
Stewart: Das sieht von außen vielleicht verrückter aus, als es ist. Ich fühle mich frei genug, um alles zu tun, was ich will. Mir ist es nur wichtig, nicht Teil der Unterhaltungsindustrie zu sein und mich als Person zu vermarkten – so interessant bin ich nicht.

chilli: Aber schon ganz schön weise für Ihr Alter …
Stewart: Ich lerne ständig dazu, dabei helfen mir die Interviews. Über manche Dinge denke ich erst nach, wenn mir Fragen dazu gestellt werden. Seit ich 17 bin spreche ich ständig mit anderen über mich. Da hat man Zeit, Gedanken zum Beruf zu entwickeln und darüber, wer man eigentlich ist.

chilli: Sie haben mit acht Jahren angefangen zu schauspielern – wie kamen Sie zum Film?
Stewart: Ich bin ein echtes L.A.-Girl, dort geboren und aufgewachsen. Aufgrund der Berufe meiner Eltern habe ich das Kino schon immer glorifiziert und sehr zu ihnen aufgeschaut. Ich wollte mit Erwachsenen zusammen sein, nicht mehr nur mit Kindern, die mich langweilten.

Fotos: 2012 Concorde Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst