Vor dem Berliner Ensemble glänzt Bert Brecht aus Bronze in der Sonne. Drinnen, im Theater, blickt Kurt Krömer missmutig durch seine schwarze Brille. Die Requisite hat ihm einen abgewetzten Teppich ausgerollt und einen alten Sessel hingestellt. Es soll ironisch wirken. Statt einen seiner knallbunten Anzüge trägt Krömer, der eigentlich Alexander Bojcan heißt, edlen Zwirn. „Flippig und bunt habe ich verbannt. Es geht jetzt ums gesprochene Wort“, sagt der 37-Jährige bei der Vorstellung seiner neuen „Late Night Show“. Ab 18. August, 23.15 Uhr, kommt sie achtmal aus dem berühmten BE, jeweils Samstagabend im Ersten, nach dem „Wort zum Sonntag“. Im Interview mit Tobias Köberlein macht sich Krömer dann doch noch locker und erklärt, warum er sich als Entertainer neu erfinden musste.


chilli: Mensch, Herr Krömer, jetzt kehren Sie doch schneller als gedacht ins Fernsehen zurück. Und seriös sind Sie in der Zwischenzeit offenbar auch geworden.
Kurt Krömer: Seriös? Nee, bin ich nicht. Auch nicht im schwarzen Anzug. Vielleicht bin ich ein bisschen erwachsener geworden.

chilli: Warum haben Sie vergangenes Jahr überhaupt mit der „Internationalen Show“ aufgehört? Für die haben Sie immerhin einen Grimme-Preis gewonnen?
Krömer: Ich wollte den Stecker ziehen, bevor die Leute sagen: „Mensch, jetzt wird es aber langsam langweilig.“ Klar, nach dem Grimme-Preis hätte ich noch 15 Jahre so weitermachen können. Ich wollte aber nicht irgendwann zu mir sagen müssen: Ich mach’ das bloß noch mit dem Blick auf den Scheck, ziehe die Shows durch und bin froh, wenn ich wieder nach Hause kann. Zuletzt war’s wie ein Beamtenjob. Was mir fehlte, war die Spannung, waren die Überraschungsmomente.

chilli: Klingt so, als wollten Sie unbedingt einreißen, was Sie sich aufgebaut hatten.
Krömer: Nach einer gewissen Zeit ist es gut, sich das Erreichte wieder kaputt zu machen, sonst fängt man an, sich auszuruhen. Meine Late Night Show ist jetzt wie mein Baby, um das ich mich kümmern muss. Das Konzept ist viel schärfer als bei der „Internationalen Show“. Da ist eine Entwicklung zu sehen. Es hat mir nicht mehr gereicht, Prominenten lustige Fragen zu stellen.

chilli: Stattdessen behandeln Sie jetzt brisante Themen wie Rassismus und Neonazis. Ein wiederkehrendes Element sind Ihre Erlebnisse in einem Bundeswehr-Camp in Afghanistan. So kennen wir Kurt Krömer gar nicht.
Krömer: Ich hatte einfach keine Lust mehr, die immer gleichen Komiker-Themen zu beackern. Ist doch langweilig, dauernd Witze über seine Freundin zu reißen, die ein bisschen doof ist. Die „Internationale Show“ war lustig, aber auch ziemlich sinnentleert. Jetzt wage ich mich an Themen ran, bei denen viele Leute sagen werden: „Hey, das macht man nicht, das gehört sich nicht.“ In einer Folge begleite ich einen dunkelhäutigen Mann aufs Amt und gucke zu, wie die Beamten mit ihm umgehen, wie sie ihn automatisch wie jemanden behandeln, der kein Deutsch kann. Oder ich bin mit einem Rollstuhlfahrer im Straßenverkehr unterwegs. Dabei kommt es zu absurden Szenen.


chilli: Sie haben also die Sozialkritik als Mittel des Humors entdeckt. Wollten Sie auch deshalb Ihre „Late Night Show“ nicht mehr in einem Fernsehstudio, sondern im von Bertolt Brecht gegründeten Berliner Ensemble aufzeichnen?
Krömer: Ich habe von jeher eine große Affinität zum Theater. Ich bin seit 17 Jahren Livekünstler, spiele nicht in Hallen oder Arenen, sondern am liebsten im Theater. Das ist quasi mein Zuhause. Für die neue Show wollte ich diese Live-Erfahrung mit Talk-Elementen verbinden. Der Talk soll aber eher im Hintergrund stehen. Ich will nicht mehr so sehr von Gästen abhängig sein, bei denen sich schließlich herausstellt, dass sie gar nichts zu erzählen haben.

chilli: Haben Sie keine Angst, dass Sie mit dem neuen Konzept Ihre Fans verschrecken?
Krömer: Der Kern bleibt ja erhalten. Es gibt weiter Stand-Up-Comedy, Einspielfilme und Talks. Was sich ändert, sind die Themen. Wir sind nicht mehr auf Kindergeburtstagsniveau, sondern ziehen ein bisschen an.

chilli: Wie kam es eigentlich zu Ihrem Afghanistan-Einsatz?
Krömer: Die Bundeswehr hat mich eingeladen. Das fand ich mutig, denn ich war ja Totalverweigerer, habe weder Bundeswehr noch Zivildienst gemacht. Die Offenheit der Soldaten war überwältigend. Ich musste die nur antippen und schon hätten sie über eine Dreiviertelstunde einen Monolog halten können. Vom Alltag da unten wusste ich bis dahin wenig. Man hört ja nur die Horror-Nachrichten über Anschläge und getötete Soldaten.

chilli: Gab es Auflagen, was Sie im Camp drehen dürfen?
Krömer: Bevor ich runtergefahren bin, habe ich damit gerechnet, dass ich total zensiert werden würde. Umso mehr war ich dann überrascht, was die Bundeswehr alles zugelassen hat. Natürlich war immer ein Presseoffizier dabei. Die amerikanischen Soldaten durften wir nicht filmen, die Wachposten auch nicht. Aus strategischen Gründen, hat mir der Offizier gesagt. Ansonsten konnte ich aber alles umsetzen, was ich mir vorgenommen hatte.

chilli: Afghanistan ist Kriegsgebiet, die Soldaten im Camp sind wahrscheinlich entweder von der Routine gelangweilt oder angespannt. Wie soll in einer solchen Situation Humor entstehen?
Krömer: Ich habe einfach versucht, den Soldaten Fragen zu stellen. Daraus entstanden automatisch komische Situationen. Ganz am Anfang bin ich in eine Schlafstube marschiert und habe gefragt, wie es denn so ist mit vier Männern in einem Zimmer, ohne Fernseher und ohne Minibar. Das wurde dann auch schnell lustig.


chilli: Kann Humor in einer solchen Situation nicht schnell geschmacklos werden?
Krömer: Humor steht umso höher im Kurs, je brenzliger es wird. Die Soldaten im Camp wollen auch mal abschalten, sie wollen lachen. Das habe ich bei meinen Auftritten schnell gemerkt. Manchmal werden die Leute auch zynisch und machen makabere Scherze, um sich abzulenken. Ich hatte großen Respekt vor der Situation vor Ort und den Soldaten. Die sind in der Regel sechs Monate dort stationiert, ich war fünf Tage da.

chilli: Gab es auch die Möglichkeit, das Camp zu verlassen?
Krömer: Nein, die Bundeswehr hätte niemals zugelassen, dass ich mich mit meinem Team außerhalb des Camps bewege. Wir sind aber ein paar Mal mit dem Dingo durch Kabul gefahren und durften das auch drehen. Am Ende hatten wir Material für einen 90-Minüter. Ich würde gerne noch mal zurückkommen und in Kabul weiter drehen, denn wir haben praktisch nur Soldaten gesehen, aber kaum Afghanen.

chilli: Wie bringen Sie diese nachdenkliche Seite mit ihrem flippigen Image zusammen. Ist das nicht ein Widerspruch?
Krömer: Wenn ich die Fernsehshows aufzeichne, fühle ich mich manchmal wie ein Alien. Ich werde für ein paar Tage ins Berliner Ensemble reingebeamt und bin dann wieder weg. Nach sollen Aufzeichnungen ziehe ich mich total zurück, gehe über keine roten Teppiche und nur ganz selten in Talkshows. Interviews gebe ich dann auch nicht, ganz einfach weil es außer belanglosem Zeug nicht zu erzählen gäbe.

chilli: Was erdet Sie?
Krömer: Ich komme aus einfachen Verhältnissen, habe eine Ausbildung zum Herrenausstatter abgebrochen und Aushilfsjobs gemacht, war Tellerwäscher und habe Zeitungen verkauft. Jetzt mache ich seit 17 Jahren diesen Job als Komiker. Ich weiß, was ich wert bin, aber ich weiß auch, wo ich herkomme. Das erdet. Ich drehe einfach nicht durch.

Fotos: rbb / Daniel Porsdorf
Quelle: teleschau – der mediendienst