Es ist eine märchenhafte Geschichte: Der Erfolg ist auf Lena Meyer-Landrut eingeprasselt wie die Silbermünzen im Sterntaler-Märchen der Gebrüder Grimm. Damals, im Jahr 2010, als ihr Aufstieg begann – und wenige Monate nach ihrem ersten TV-Auftritt bereits mit dem Sieg beim „Eurovision Song Contest“ endete. Nach zwei aufreibenden Jahren musste Lena erst einmal durchatmen, sich durch den aufgewirbelten Sternenstaub des Erfolges wühlen, nach dem sie nun ihr neues Album „Stardust“ benannt hat. Im Interview mit Daniel Schieferdecker spricht die 21-Jährige über unerfüllte Wünsche, ihren Traumprinzen und den sagenhaften Verlauf ihrer Karriere.


chilli: In den ersten zwei Jahren Ihrer Karriere ist wahnsinnig viel passiert. Haben Sie im Vorfeld der Produktion Ihres neuen Albums „Stardust“ Zeit gehabt, alles mal sacken zu lassen?
Lena: Ja, und das war auch wichtig. Als letztes Jahr im Mai meine zweite Teilnahme am Eurovision Song Contest vorbei war, war ich wirklich froh, mal durchatmen zu können. Da nahm ich mir eine kleine Auszeit, habe nur herumgegammelt und die Zeit Revue passieren lassen. Und den Entschluss gefasst: Ich will weitermachen.

chilli: Das heißt, Sie haben übers Aufhören nachgedacht?
Lena: Das kam vor. Ich bin ein sehr impulsiver Mensch, manchmal ändert sich auch der Berufswunsch für mein weiteres Leben. Man könnte auch sagen, ich bin ein bisschen sprunghaft. Bei der neuen Platte hat mich aber der Ehrgeiz erfasst.

chilli: Bei Ihrem bisherigen Karriereverlauf müssen Sie aber vorher bereits ehrgeizig gewesen sein.
Lena: Ja, natürlich. Aber am Anfang musste noch nicht so viel aus Eigeninitiative passieren. Es gab vorbestimmte Ziele und genügend Leute, die mir dabei geholfen haben, diese Ziele zu erreichen. Mittlerweile arbeite ich viel selbstverantwortlicher. Und das ist eine gute Entwicklung.

chilli: Sie sagten mal, dass Sie gerne viele Dinge ausprobieren wollten, mit der Gesangskarriere dann aber das erste sofort geklappt hat. Bereuen Sie das manchmal?
Lena: Nein, gar nicht. Ich wäre verrückt, wenn ich das täte und bin wahnsinnig froh darüber, dass es mit dem Singen auf Anhieb funktioniert hat. Nicht ohne Grund trage ich auf meinem linken Fuß ein „Je ne regrette rien“-Tattoo. Aber ich bin ja auch erst 21. Mein Leben ist noch lange nicht vorbei. Insofern kann ich noch alles machen und habe nicht das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben.

chilli: Ihr Studium der Philosophie sowie der Sprachen und Kulturen Afrikas haben Sie aber nicht zu Ende gebracht, oder?
Lena: Ich habe noch nicht mal angefangen, sondern mich ein- und wieder ausgeschrieben. Ich wollte dann doch lieber ein Album machen.


chilli: Wäre das überhaupt möglich gewesen? Vermutlich jede Wortmeldung, jedes Referat wäre unter ganz anderen Voraussetzungen gesehen und bewertet worden als bei Ihren Kommilitonen, oder?
Lena: Mag sein, aber eigentlich glaube ich das nicht. Ich fühle mich bloß nicht wohl damit, zwei Sachen gleichzeitig zu machen. Es kann aber gut sein, dass ich irgendwann noch mal Bock habe auf die Uni. Meine Oma würde sich jedenfalls darüber freuen.

chilli: Die ersten beiden Alben sind in enger Zusammenarbeit mit Stefan Raab entstanden. Wie schwierig war die musikalische Emanzipation von ihm und das Einstellen auf neue Mitstreiter?
Lena: Das war ein schleichender Prozess. Ich fing irgendwann an, mit verschiedenen Leuten eigene Sachen zu schreiben, und die Ergebnisse fanden bei meiner Plattenfirma großen Anklang. Ich habe mich eben musikalisch weiterentwickelt, wollte mich ein bisschen ausprobieren, und das war für Stefan vollkommen okay. Er ist aber nach wie vor jemand, auf dessen Meinung ich großen Wert lege.

chilli:Hat er die Platte schon gehört?
Lena: Ja, und er findet sie gut – manche Songs hätte er als Produzent vielleicht anders abgemischt. Aber für mich klingt alles genau richtig, und das ist das Wichtigste.

chilli: Sie haben mal gesagt, dass Sie sich in den letzten Jahren manchmal jemanden gewünscht hätten, der Ihnen schwierige Entscheidungen abnimmt.
Lena: Eigentlich geht es weniger um Entscheidungen, sondern darum, dass ich mich manchmal in Situationen befunden habe, die ich gerne besser erklärt bekommen hätte. Als ich für den ESC in Oslo war, habe ich zwei Wochen bloß gefühlte drei Stunden pro Nacht geschlafen, ansonsten nur gearbeitet. Da ist so unfassbar viel auf mich eingebrochen, das konnte ich gar nicht alles greifen, auch wenn es noch so spannend war.

chilli: Sind Sie ein entscheidungsfreudiger Mensch?
Lena: Nein. Ich hasse Entscheidungen. Obwohl: Wichtige Entscheidungen kann ich recht gut treffen, ich tue mir vor allem schwer mit den Details.

chilli: Wie muss man sich das vorstellen?
Lena: Ich wusste zum Beispiel, dass ich mir von meinem ersten eigenen Geld einen Computer kaufen will. Bis ich den allerdings hatte, sind drei Monate ins Land gegangen, weil ich mich erst überwinden musste, auf einen Schlag so viel Geld auszugeben. Ich halte mich ständig mit unwichtigen Dingen auf wie der Frage danach, was ich abends essen soll.

chilli: Wie viele Leute in Ihrem Umfeld treibt das zur Weißglut?
Lena: Annähernd 100 Prozent (lacht).


chilli: Bei dem Stück „To The Moon“ handelt es sich um ein Liebeslied für Ihren Freund. In welchem Rahmen haben Sie ihm den Song präsentiert?
Lena: Ich habe selbstverständlich eine Kapelle gemietet und ihm das Stück in einem roséfarbenen Kleid präsentiert (lacht).

chilli: Und im Ernst …
Lena: … habe ich es ihm zu Hause vorgespielt. Aber er ist vor Rührung in einzelne Würfel auseinandergefallen. In mühevoller Kleinarbeit musste ich ihn dann erst wieder zusammensetzen. Aber das habe ich natürlich sehr gerne getan, weil ich ihn schließlich liebe.

chilli: Zusammengefasst: Er hat sich gefreut.
Lena: Genau (grinst).

chilli: Ist es einfacher, ein Liebeslied zu schreiben, wenn man gerade glücklich in einer Beziehung steckt oder klappt das besser mit gebrochenem Herzen?
Lena: Ich brauche keine Melancholie, um Liebeslieder schreiben zu können. Meine Songs entsprechen meist der Gemütslage, in der ich mich beim Schreiben befinde. Bei „Goosebumps“ war ich zum Beispiel gerade in Schweden, hatte total Heimweh – und das hört man in dem Stück.

chilli: Wie schwierig ist es, in einem Job wie Ihrem, in dem Sie viel unterwegs sind, eine Beziehung zu führen?
Lena: Ich tue mich sehr schwer damit. Aber das gilt für Freundschaften genauso. Das geht anderen Menschen aber auch so. Nach dem Abi ist es für alle eine Herausforderung, die Beziehung zu seinen Freunden aufrechtzuerhalten, weil man sich eben plötzlich nicht mehr jeden Tag sieht und seinen kompletten Alltag miteinander teilt. Mein Alltag besteht zur Zeit jedoch zu einem großen Teil aus Arbeit, und wenn ich nach einem langen Tag nach Hause komme, fehlt mir manchmal einfach die Kraft, mich noch um meine Freunde zu kümmern.

chilli: Wie kommen die damit zurecht?
Lena: Ach, das geht schon. Freundschaften müssen einfach besser gemanagt werden als früher. Das Gute in meinem Beruf ist jedoch, dass ich manchmal zwar zwei Wochen unterwegs und dann auch nur schwer zu erreichen bin. Aber wenn ich dann in Köln eine Woche Bandprobe habe, bin ich total relaxt und habe massenhaft Zeit, meine Freunde zu sehen. Das ist cool.

chilli: Bekommen Sie denn auch manchmal Ärger, weil Sie sich zu selten bei Ihren Freunden melden?
Lena: Mit den meisten funktioniert das. Aber es ist schon mal vorgekommen, dass jemand ein so großes Problem damit hatte, dass wir das Problem nicht lösen konnten.

chilli: Wie beurteilen Sie das Knüpfen von Freundschaften im als oberflächlich geltenden Show-Business?
Lena: Das ist in meinem Job nicht schwieriger als anderswo, glaube ich. Es gibt im Musik-Geschäft zwar diese oberflächliche, berechnende Freundlichkeit. Aber ich habe nur selten den Eindruck, dass die Leute bloß deshalb freundlich zu mir sind, weil ich bekannt bin und sich nur deshalb mit mir treffen möchten.


chilli: Gibt es Unterschiede zwischen Ihren Freunden von früher und Freunden, die Sie über den Beruf kennengelernt haben?
Lena: Die Themen unterscheiden sich. Mit Leuten, die ich durch das Musikgeschäft kennengelernt habe, kann ich eben auch über Dinge wie Interviewtage sprechen, was mir das bedeutet und wie ich mich dabei fühle. Meine alten Freunde können das nicht so nachempfinden.

chilli: Wie schwer fällt es Ihnen an einem Tag, an dem es Ihnen nicht gut geht, trotzdem aus dem Bett zu kommen und beispielsweise einen anstrengenden Interviewtag zu überstehen?
Lena: Ach, diese Lustlosigkeit habe ich jeden zweiten Tag. Da gewöhnt man sich dran (lacht). Tage, an denen ich mich wirklich aus dem Bett quälen muss, habe ich glücklicherweise selten.

chilli:Im Stück „Day To Stay“ geht es um einen Sonntag, den man mit seinem Liebsten komplett im Bett verbringt. Wie häufig bekommen Sie so etwas hin?
Lena: Oft. Wie gesagt: Ich habe sehr arbeitsintensive Zeiten, aber eben auch Wochen, in denen ich gar nichts tue – und dann kann ich problemlos solche Gammeltage einschieben.

chilli: Wie sieht so ein Tag dann aus?
Lena: Jogginghose, Playstation, Glotze, Essen bestellen und ganz viel schlafen. Aber es gibt auch Tage, an denen man voller Tatendrang ist und man viel mehr Bock hat, ganz viel zu kochen, einkaufen zu gehen und zu putzen.

chilli: Kümmern sie sich dann auch um Ihre private Facebook-Seite?
Lena: Da bin ich nur ungefähr einmal im Monat. Ich bin kein Facebook-Typ und will gar nicht wissen, was die Leute alle für langweiliges Zeug machen. Das ist mir auch zu viel. Aber Instagram finde ich geil. Da braucht man sich nämlich bloß Bilder ankucken.

Lena auf Deutschland-Tournee:

02.04.2013, Stuttgart, Theaterhaus
03.04.2013, München, Theaterfabrik
04.04.2013, Nürnberg, Hirsch
06.04.2013, Dresden, Schlachthof
08.04.2013, Berlin, Postbahnhof
10.04.2013, Hamburg, Grünspan
11.04.2013, Kiel, Max
13.04.2013, Münster, Jovel
14.04.2013, Dortmund, FZW
16.04.2013, Köln, Essigfabrik
17.04.2013, Saarbrücken, Garage
19.04.2013, Hannover, Capitol
21.04.2013, Frankfurt, Gibson

Fotos: Sandra Ludewig / Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst