Erfolg ist ein zartes Pflänzchen, das regelmäßig gegossen werden möchte. Culcha-Candela-Sänger Mateo weiß um die Floskel, der Weg vom unbekannten Musiker zum Superstar war auch für ihn und seine Band lang und steinig. Nun möchte er anderen helfen, ihren Traum vom Musikerdasein zu erfüllen. Neben Dieter Bohlen und den Kaulitz-Zwillingen Tom und Bill von Tokio Hotel sitzt der Sänger in der zehnten Staffel „Deutschland sucht den Superstar“ (ab Samstag 5. Januar 2013, RTL) mit am Jurytisch der berühmtesten Castingshow Deutschlands. Im Gespräch mit Ben Hiltrop berichtet der Mann, der sich mal Itchyban, mal Mateo nennt und sich über sein Alter beharrlich ausschweigt, von der Zusammenarbeit mit Dieter Bohlen, wie man seine Träume verfolgt und wie man am besten über Nazis lacht.


chilli: 2011 wirkten Sie in der RTL-II-Show „Sing wenn Du kannst“ mit. Half Ihnen die TV-Erfahrung am Jurypult bei „DSDS“?
Mateo: Man muss eine Rampensau sein, das natürliche Gefühl für die Bühne, das Publikum und die Kameras haben. Für mich war es kein Problem, diese Rolle auch bei „DSDS“ einzunehmen. Ich bin zwar auch nicht mit allen Wassern gewaschen und muss sicher noch viel lernen, aber diese Arbeit bereitet mir keine Schwierigkeiten und macht mir außerdem viel Spaß.

chilli: Sie gelten als großer Perfektionist und als Planer. Ihr Jurypartner Dieter Bohlen ebenso. Sind da Ego-Kämpfe zu befürchten?
Mateo: Perfektionismus ist meine größte Stärke, aber auch meine größte Schwäche. Ich habe immer Respekt vor Menschen, die schon viel erlebt, erfahren und mehr erreicht haben als ich. Und genauso sehe ich meine Rolle in dieser Jury. Bei „DSDS“ vermittle ich zwischen den jungen Kaulitz-Brüdern und dem älteren, erfahreneren und erfolgreicheren Dieter Bohlen.

chilli: Was kann Dieter Bohlen von seinen jüngeren Jurykollegen lernen?
Mateo: Dieter Bohlen kennt sich super mit der jüngeren Generation aus, weiß immer, was gerade angesagt ist. Er kennt die Musikszene und ist immer auf dem neuesten Stand. Natürlich stößt er bei einigen Songs oder trendigen Stylings, von denen er noch nichts gehört oder gesehen hat, an seine Grenzen. Da wird er im Verlauf dieser „DSDS“-Staffel sicher noch einiges Interessantes erfahren. Aber generell ist Dieter Bohlen so ein Typ, dem muss man nicht sagen, was er noch zu lernen hat. Das macht der schon jeden Tag freiwillig von sich aus. Als Team unterhalten wir uns viel und tauschen uns aus. In erster Linie sollen aber die jungen „DSDS“-Kandidaten von uns lernen.

chilli: Was können sich Castingkandidaten von Ihnen abschauen?
Mateo: Die Kandidaten werden von null auf hundert katapultiert, da muss man natürlich mental gefestigt sein. Wenn mich jemand nach Tipps fragt, gebe ich die gerne weiter. Ich kann von meiner Erfahrung aus zehn Jahren Showgeschäft profitieren und sehe es auch als meine Aufgabe, die Teilnehmer in dieser Hinsicht zu unterstützen. Ich sehe mich als eine Art älterer Bruder, der mit Rat und Tat zur Seite steht. Von den vier Jurymitgliedern habe ich sicherlich die meisten Liveshows gespielt und gebe auch diese Erfahrungen gerne an Jugendliche weiter.

chilli: Sind das nicht ganz andere Erfahrungen, als die Kandidaten einer TV-Show sie machen?
Mateo: Mit Culcha Candela sind wir einen ganz anderen Weg als die Kids bei „DSDS“ gegangen. Unser Weg wäre nicht jedermanns Sache, das stimmt. Die jungen Erwachsenen in der Show träumen davon, Superstar zu werden, sie wollen auf Teufel komm’ raus in das Musikbusiness.

chilli: Ist das naiv?
Mateo: Das ist völlig legitim. Jeder, der bei „DSDS“ mitmacht weiß, worauf sie oder er sich einlässt. Jeder macht freiwillig mit. Man kann eine Stange Geld verdienen, man kann auf Jahre hinaus berühmt werden. Das sind gute Argumente, um hier mitzumachen.


chilli: Seit über zehn Jahren stehen Sie als Musiker auf der Bühne. Wie veränderte sich die Musiklandschaft im Laufe dieser Zeit?
Mateo: Es ist eine ganze Menge passiert. Heute ist es noch wichtiger als früher, sich als Liveband stark aufzustellen. Disziplin gehört dazu, an seinen Traum zu glauben und hart dafür zu arbeiten. Die Internetarbeit hat einen höheren Stellenwert, gerade in Hinblick auf illegale Downloads. Sex, Drugs and Rock’n’Roll funktioniert nicht mehr, man muss immer auf der Höhe der Zeit und auf Zack sein. Die Produktivität hat sich im Laufe der Jahre extrem gesteigert, ohne dass allerdings die Qualität abgenommen hat. Nehmen Sie eine Künstlerin wie Rihanna: Hinter der Sängerin stehen 20 Komponisten, Produzenten und Songwriter, jedes gefühlte halbe Jahr bringt sie ein neues Album heraus. Sie ist permanent präsent, damit man sie im Musikgeschäft nicht vergisst und nicht verdrängt. Ganz früher reichte es großen Künstlern wie Michael Jackson oder Udo Lindenberg alle fünf Jahre eine neue Platte aufzunehmen, das waren dann schon Weltereignisse. Heute läuft alles viel schneller, man muss immer Präsenz zeigen.

chilli: Sie sind selbst relativ präsent in den Medien: Sie machen Musik, sind Jurymitglied und synchronisieren sogar Filme. Wie kriegen Sie das unter einen Hut?
Mateo: Ich mag kein Schubladendenken. Das spiegelt sich auch in unserer Musik mit Culcha Candela wieder, wir mischen ja ganz viele Stile zusammen. Ich bin der Meinung, dass man so viel in seinem Leben erreichen sollte, wie man sich wünscht. Einer meiner Träume war schon immer, im Fernsehen stattzufinden – und das abseits meiner Musikertätigkeit. Für mich ist „DSDS“ nun der perfekte Einstieg in eine Welt, die mir richtig viel Spaß macht.

chilli: Leidet unter Ihrem vollen Terminkalender die Musik?
Mateo: Auf keinen Fall, meine Musik gebe ich nicht auf. Mit Disziplin, einem guten Timing und dem richtigen Team kann ich all die Sachen schaffen, die ich möchte.

chilli: Was ist Ihr Antrieb?
Mateo: Ich hoffe, dass mir immer etwas fehlen wird. Das ist mein Antrieb, dieses Unperfekte und Unerreichte zu verfolgen. Sollte ich irgendwann alle Träume erreicht haben, dann kann ich mich ja gleich begraben.

chilli: Bei „DSDS“ sitzen Sie in einer Jury, die kritisieren und urteilen muss, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Dadurch zerplatzen auch viele Superstar-Traumblasen. Ist die Rolle des Kritikers für Sie ungewohnt?
Mateo: Ich sehe mich nicht als Kritiker. Meine Aufgabe ist es nicht, die Kandidaten fertigzumachen. Ich bin ehrlich zu den Teilnehmern und sage denen gegebenenfalls auch, dass es mit ihnen als Star einfach nichts wird. Das meine ich gar nicht böse, ich belege meine Entscheidungen argumentativ. Viele, die zu „DSDS“ kommen, überschätzen sich maßlos. Dazwischen gibt es aber so viele, die unheimlich talentiert sind. Und die fördern wir. Teilweise müssen wir Kandidaten nicht nur vor der Öffentlichkeit, sondern vor allem vor sich selbst schützen.


chilli: Mit Culcha Candela verfolgen Sie viele Projekte, die Kinder und Jugendliche unterstützen und schützen sollen. Sehen Sie „DSDS“ vielleicht auch als eine Art Plattform, um auf bestimmte Dinge in der Gesellschaft aufmerksam zu machen?
Mateo: Man muss darauf achten, wann und wo man für eine gute Sache wirbt. Die Zuschauer sollen auch nicht überfordert werden, sondern zuhören und bestenfalls auch mitmachen. Jeder kann helfen, man muss nicht reich und berühmt sein, um etwas zu bewegen. Unsere Projekte für Kinder und Jugendliche in Deutschland sind, nicht nur für uns, sehr wichtig. Das ist unsere Zukunft, an der müssen alle gemeinsam arbeiten. Wir unterstützen zum Beispiel die „Klinik-Clowns“, die sich um schwer oder gar nicht heilbare Kinder kümmern, um ihnen noch ein paar schöne Momente zu schenken. Wir helfen diesen wunderbaren Menschen ehrenamtlich, bezahlen ihre Reisen, damit sie zu den Krankenhäusern fahren können, um den Kindern zu helfen. Jeder kann da was machen.

chilli: Hat man da als Künstler nicht leicht reden?
Mateo: Das hat nichts mit der eigenen Berühmtheit oder Geld zu tun. Man kann auch, ohne viel Geld zu spenden, etwas bewegen. Als junger und mittelloser Musiker unterstützte ich mit meiner kleinen Gage „Greenpeace“. Einer älteren Dame beim Tütentragen helfen, kann auch schon etwas bewegen. Alte Kleidung an Obdachlosenstiftungen spenden, mit wenig Geld lässt sich viel erreichen. Aber natürlich hat das Künstlerdasein den Vorteil, dass die Menschen einem eher zuhören, ganz klar.

chilli: In der Vergangenheit mit ihrer Band Culcha Candela sahen Sie sich oft rassistischen Kommentaren im Internet ausgesetzt. Wie laut muss man gegen rechtes Gedankengut angehen?
Mateo: Das Internet ist ein Tummelbecken von rechten und anderen extremen Vollidioten. Das sind alles arme Kreaturen, die das auch nur schreiben, weil sie sich hinter ihrer Tastatur verstecken können. In der Öffentlichkeit würden die sich niemals trauen, ihre Meinung zu sagen. Natürlich ist das ernst zu nehmen, dennoch lassen wir uns davon nicht ärgern. Zum Glück denkt nur eine kleine Minderheit so, die Mehrheit nicht. Ich glaube an das Gute im Menschen. Da wären wir wieder bei dem Thema, dass Menschen zuhören müssen. Als Beispiel nenne ich die Zeitzeugen des Dritten Reiches: Die sterben alle leider weg, es gibt fast keine Menschen mehr, die diese grausame Zeit miterlebten, und davon berichten können. Es ist unsere Pflicht, diese Erfahrungsberichte weiterzutragen, weiterzuerzählen und weiterzugeben. Es ist nötig, ein Gewissen für bestimmte Themen zu entwickeln. Darüber zu sprechen, darf einfach niemals sterben.

chilli: Darf man über Nazis auch lachen?
Mateo: Was heißt, darf man? Man muss über Nazis lachen! Traurigere idiotischere Gestalten existieren kaum in der deutschen Gesellschaft. Die müssen parodiert werden. Humor ist eine starke Waffe, um Nazis in ihrer Lächerlichkeit überspitzt darzustellen. Diese Waffe nutze ich auch gerne in unseren Songs – als Stilmittel und Kritik gleichermaßen.

Fotos: RTL / Stephan Pick / Andreas Friese
Quelle: teleschau – der mediendienst