Seit einem Jahr ist Matthias Schweighöfer getrennt. Irgendwie hofft der 31-Jährige noch auf eine Versöhnung mit seiner Freundin Anni, weil er – die beiden haben eine dreijährige Tochter – lieber eine Familie wäre. So gesehen hat seine Komödie „Schlussmacher“ (Start: 10. Januar) das falsche Thema. Die Komödie provoziert, haut zu Beginn prägnante Thesen übers Zwischenmenschliche raus. Glauben Scheidungskinder noch an die große Liebe, zum Beispiel. Und was ist das eigentlich, die große Liebe? Schweighöfer hat Antworten. Weiß man um die Situation des erfolgreichen Schauspielers und Regisseurs, jagt das Gespräch über die Liebe einem manchmal einen Schauer über den Rücken. Seine Arbeit würde er nie vernachlässigen. Im Gegenteil, Schweighöfer hat einen in Deutschland ungewöhnlichen Schritt in die Zukunft unternommen – und erklärt im Gespräch mit Claudia Nitsche warum.


chilli: „Wie viele von Ihnen glauben noch an die große Liebe?“, fragt der Film zu Beginn …
Matthias Schweighöfer: Ist eine gute Frage am Anfang, oder? Danach kommt: „Wie viele von Ihnen sind Scheidungskinder?“ Ich fand, diese Rede am Anfang musste sein. Ich bin ja Scheidungskind und fand, das muss man fragen.

chilli: Und, glauben Sie noch an die große Liebe?
Schweighöfer: Ich glaube immer an die große Liebe! So viel Märchen muss es im Leben schon geben. Drunter geht nichts.

chilli:Wo wäre das Drunter?
Schweighöfer: Bei halben Sachen: Auf ein paar Monate Verliebtheit könnte ich verzichten. Lieber keine Affäre, sondern eine richtige Frau.

chilli: Was ist denn die „große Liebe“?
Schweighöfer: Große Liebe gibt es nicht am Anfang, auch wenn man manchmal das Gefühl hat. Aber große Liebe geht nicht nach zwei Jahren. Sie braucht langen Atem und Hürden. In zwei Jahren hat man noch nicht so viele Probleme durch. Milan und seine Frau sind seit 15 Jahren zusammen. Er sagte neulich, er liebt sie jetzt so doll, viel mehr als am Anfang – und genau daran glaube ich. Dass einer da ist, wenn man scheitert. Was immer du in deinem Leben machst, da ist ein starker Partner, der dich aufbaut.

chilli: Also ist das Zusammenwachsen der Unterschied zur Verliebtheit?
Schweighöfer: Verliebtheit … Das Verliebtheitsgefühl ist für mich immer ein bisschen Betrug. Ich bin kein großer Fan davon. Man kennt sich ja noch nicht. Das ist viel Körperlichkeit: Jeder Mensch kann mit einem anderen, wenn es im Bett gut läuft, fünf Monate im Bett verbringen. Aber es geht ums richtige Leben, den Moment, wo man sich dort trifft. Dann kommt die Frage, ob man den Alltag zusammen stemmen kann.

chilli: Im Bett muss man nämlich nicht abspülen.
Schweighöfer: Eben. Wir haben gerade ein Schlussmacher-Buch geschrieben, da kommt das Thema auch vor: Wäscht der andere so ab, dass da immer noch zwei Reiskörner am Teller hängen und ich selbst noch mal abspülen muss? Das erfährt man zunächst nicht. Man möchte jemanden, der da ist: Tür zu, und ich bin sicher. Aber der Weg dorthin ist weit, denn die Leute scheitern am Alltag. Bist du ordentlich? Was magst du eigentlich? Und dann kommen die ganzen Phasen: das erste Mal Ikea, das erste Mal die Freunde, die Eltern …

chilli: Meinen Sie wirklich, es gibt doppelt so viele Gründe, sich wieder zu entlieben?
Schweighöfer: Ich glaube schon. Zuerst merkst du nicht, dass dir das Geräusch des Kaugummikauens beim anderen eigentlich total auf den Sack geht. Wenn du es registriert hast, ist das ein Riesending. Am Anfang schläfst du mit offenem Fenster, obwohl du das nicht magst. Nach einer Weile wird dir klar, dass es schon besser wäre, wenn es richtig dunkel wäre und du Schlafmaske und Ohrenstöpsel hättest wie früher. Der andere denkt dann: Was ist das jetzt? Wieso ist das Fenster zu?


chilli: Dieses Beispiel klingt, als hätte man noch die Chance, das Ganze Richtung Komödie zu lenken, am Drama vorbei?
Schweighöfer: Aber für eine Seite ist es scheiße! Es gibt tausend Gründe, warum man sich wieder entliebt. Ich würde sagen: Tut mir leid, dann müssen wir getrennt schlafen, weil ich gerne rausschauen würde. Der Kompromiss wäre, die Vorhänge zuzuziehen, dafür nimmt sie die Schlafmaske und die Ohrenstöpsel weg. Kann sie das? Wenn nicht, haben wir jetzt ein Problem. Man müsste sich irgendwo in der Mitte treffen.

chilli: Manchmal gibt es keine Mitte.
Schweighöfer: Dann würde ich sagen, ist es scheiterungswürdig. Wenn man da schon keine Lösung hinbekommt, wird man es bei anderen Dingen auch nicht schaffen. Oder du findest jemanden, der sagt: Alles super!

chilli: Haben Sie sich schon mal einen Schlussmacher gewünscht?
Schweighöfer: Für diese unkomplizierteste Variante muss man rotzecool sein und schon etliche Schritte weit weg vom anderen.

chilli: Jemanden vorzuschicken ist feige. Wie ist das: Sind Sie ein Feigling?
Schweighöfer: Nein, ich bin kein Feigling, ich tu’ immer alles, bis es nicht mehr geht, und eigentlich auch noch weiter. Ich springe auf jeden Fall gerne mal von Klippen.

chilli: Schon mal hart aufgekommen?
Schweighöfer: Immer, die Landung ist nie wirklich weich. So lass ich das mal stehen. Aber ich könnte mir diese Dienstleistung in anderen Bereichen vorstellen: Ich trenn’ mich von meinem Chef, mach Schluss mit schlechten Freunden.

chilli: Ihr Filmpartner Milan Peschel gehört da sicher nicht dazu, oder?
Schweighöfer: Wir sind wirklich gut befreundet. Da werden 38 gemeinsame Drehtage zum Geschenk. Es ist schön, sich darauf verlassen zu können, dass sein Humor meiner ist. Da viel Lebenszeit für Filme drauf geht, ist es toll, wenn du dann Familie mithast.

chilli: Wie definieren Sie Familie?
Schweighöfer: Milan ist eindeutig Familie: Patenonkel meiner Tochter, einer der engsten Freunde meines Vaters. Wir wohnen in Berlin, ich kann mich da jederzeit an den Küchentisch setzen, und dann gibt es was zu essen. Da sind die Kinder, es ist immer was los. Er ist, wenn gebraucht, Zufluchtsstätte.


chilli: Beruflich sind Sie einen ungewöhnlichen Schritt gegangen: Sie haben sich für vier Produktionen bei einem großen Verleih verpflichtet. Diese gehört allerdings nicht dazu.
Schweighöfer: Stimmt, aber die erste ist trotzdem schon abgedreht: „Frau Ella“, zusammen mit August Diehl von Markus Goller („Friendship!“). Für Ende nächsten Jahres ist ein Film geplant über einen Typen in meinem Alter, der keine Kinder mehr kriegen kann, sich aber welche wünscht.

chilli: Ist so ein Vier-Jahres-Plan nicht anti-kreativ?
Schweighöfer: Nein, das ist super, wir haben Zeit, in den nächsten Jahren vier Filme zu machen, Zeit, kreativ zu sein. Und dazu das beste Netz, das man sich wünschen kann. Das ist die größte Freiheit, die ich in meinem Leben bisher hatte. Sonst entwickelst du Stoffe, die du selbst bezahlst und weißt nicht, was mit ihnen wird.

chilli: Und Sie fühlen sich nicht in Ihrer Freiheit eingeschränkt?
Schweighöfer: Kein bisschen. Ich habe diese Entscheidung bewusst getroffen, weil es gar nicht mehr so viele Leute gibt, mit denen ich gern einen Film machen würde: Fatih Akin, Tom Tykwer – und Detlev Buck immer wieder. Aber das war es schon.

chilli:Das heißt, Sie werden bei den geplanten Filmen auch wieder selbst Regie führen?
Schweighöfer: Wahrscheinlich. Es geht schon darum, ob Sachen so aussehen, wie ich das möchte, ob die Musik gewählt wird, die ich drinhaben will. Es ist toll, Komponisten anzurufen, mit Clueso oder Philipp Poisel zu überlegen. Das geht nur mit der eigenen Firma und einem Verleih, der dich lässt. Aber eigentlich reicht es nicht, Regisseur zu sein.

chilli: Warum nicht?
Schweighöfer: Die schwierige Sache ist nicht, einen Film zu drehen, sondern ihn richtig zu vermarkten. Man kann vieles noch richtig verkacken, obwohl der Film gelungen ist.

Fotos: 2012 Twentieth Century Fox
Quelle: teleschau – der mediendienst