Liebe, Emotion, echtes Gefühl: Für Max Herre sind diese Schlagworte keine Floskeln. Wenn der 39-Jährige davon spricht, wie wichtig es ihm ist, dass sich seine Musik für ihn ehrlich und glaubwürdig anfühlt, dann meint er es ernst. Insofern darf man sein letztes Album, das eher introspektive Songwriterwerk „Ein geschenkter Tag“ (2009), durchaus als persönliche Aufarbeitung verstehen. Damals lebte der dreifache Vater in Trennung von seiner langjährigen Partnerin, der Soul-Sängerin Joy Denalane. Inzwischen ist das einstige Traumpaar des deutschen HipHop, deren Romanze einst beim Videodreh zur Freundeskreis-Single „Mit Dir“ begann, glücklich wiedervereint. Und Max Herre meldet sich mit „Hallo Welt!“, einem vielseitigen Rap-Album mit Stargästen wie Cro, Samy Deluxe, Philipp Poisel und Soulsänger Aloe Blacc, eindrucksvoll und lautstark zurück. Er präsentiert seinen gewohnt ehrlichen Blick auf private Dinge – aber auch auf die gesellschaftlichen Ungereimtheiten der Gegenwart. Stefan Weber hat mit dem Musiker gesprochen.

chilli: Sie haben viele Stargäste auf Ihrem neuen Album, eigentlich fehlt nur ein Duett mit Ihrer Partnerin, Joy Denalane, wie damals bei „Mit dir“ …
Max Herre: Joy hatte ihre Auftritte, sie sang viele Backingvocals ein. Und es existierte tatsächlich ein Song, der in Arbeit war. Aber es gab wahnsinnig viel zu tun, deswegen sagten wir: Lass uns diesen Song lieber aufheben, er ist noch nicht da, wo wir ihn gern hätten. Insofern: Den Song hätte es geben können – und wird es irgendwann noch geben.


chilli: Ansonsten herrscht wieder strikte Arbeitsteilung wie früher? Wenn Sie ein Album aufnehmen, kümmert sich Joy um die Kinder?
Herre: Momentan ist es so. Aber es wird auch wieder die Phase kommen, in der es umgekehrt sein wird. Joy war ja letztes Jahr noch auf Tournee. Da halte ich ihr dann den Rücken frei und schaukele die Kinder.

chilli: Brauchen Sie einen Rückzugsraum, auch mal ihre Ruhe, wenn Sie an einem Album arbeiten?
Herre: Das brauche ich, ja. Für die Platte zog ich mich zurück und fuhr ein paar Mal ins Allgäu. Denn es geht schon mal, während der Produktion in Berlin Sachen fertigzuschreiben. Aber diesen Stamm, das Fundament, das man braucht, das entsteht in einer Woche, zehn Tagen – im Block. Ich mache dann auch nichts anderes: Frühstücken, schreiben. Mittagessen, schreiben. Abendessen, schreiben.

chilli: Und können Sie Ihre Söhne mit dem Ergebnis dieser Klausur jetzt begeistern?
Herre: Ja, denen gefällt das. Sie mögen Rapmusik. Mein kleiner Sohn ist neun – und er liebt Nas, er mag seine Stimme. Sein größerer Bruder mag Marteria, bei den englischsprachigen Rappern liebt er Sachen wie Jay-Z und Wiz Khalifa. Und es zeichnet sich auch schon mehr ab: Der Große probiert sich auch mit dem Rappen und schreibt schon mal einen Reim. Aber, bevor ein falscher Eindruck entsteht: Wir sind keine Tennis-Eltern! (lacht)

chilli: Aber eben schon Vorbilder …
Herre: Bei uns läuft natürlich Musik. Und natürlich sind auch wir Eltern, die irgendwann an den Punkt kommen, zu überlegen: Jetzt hören die beiden also Nas. Der Große hat Englisch seit ein paar Jahren, der Kleine lernt es auch bereits seit der ersten Klasse, ist aber noch nicht soweit, dass er alles versteht. Und diese Texte sind natürlich nicht immer jugendfrei …

chilli: Das neue Nas-Album ist sogar ziemlich explizit hinsichtlich seiner Trennung …
Herre: Naja, Rapper fluchen ja immer – und meine Söhne kriegen nicht alles mit. Aber es gibt die N-Wörter, die F-Wörter, die „bitches“. Außerdem geht es viel ums Kiffen in dieser Musik. Und da kommen schon Fragen. Aber wir haben entschieden, dass es eine Doppelmoral wäre, ihnen diese Musik vorzuenthalten, wenn sie das hören wollen. Man muss diese Dinge einfach besprechen. Und sie hören ja, wie Joy und ich diese Musik machen, und dass es für uns explizit nicht in Frage kam, uns in dieser Sprache auszudrücken.

chilli: Wenn Ihre Söhne Rap so sehr lieben, finden die beiden dann die soulige Musik ihrer Mutter eher ein bisschen lahm?
Herre: Nein, sie lieben Soulmusik. Michael Jackson ist für sie der Allergrößte. Und das ist eine Liebe, die die Familie eint. Sie mögen bestimmt nicht jedes Stück von Joy, aber langweilig finden sie das nicht. Klar, sie sind auch Kinder, die ihre Eltern peinlich finden. Aber eher dann, wenn man am Fußballplatz am Rand steht und reinschreit. (lacht)


chilli: Ihr letztes Album „Ein geschenkter Tag“ war eher ein zurückgenommenes Songwriter-Album. Mussten Sie jetzt auch musikalisch wieder aufschreien, laut werden?
Herre: Ja. Aber ob ich es musste? Ich wollte das. Ich denke, dass das eine Pendelbewegung ist – sowohl inhaltlich als auch musikalisch. Wenn man etwas ganz Großes gemacht hat, mit Orchester etwa, dann will man etwas Kleines machen – und umgekehrt. Und ich hatte nun eben auch wieder mehr Lust, mich wieder auf die Bühnenkante zu stellen und etwas rauszuschreien. Ich wollte die Leute wieder mehr mitnehmen und auch wieder Entertainer und MC sein, den Spaß an Rapmusik vermitteln.

chilli: Nichtsdestotrotz finden sich auf „Hallo Welt!“ auch wieder intime und persönliche Songs, „Berlin – Tel Aviv“ etwa beschreibt eine Flucht aus der Sicht eines Kindes – und ist von ihrer eigenen Familiengeschichte inspiriert.
Herre: Genauer gesagt spiele ich mit Versatzstücken. Es gibt eine Geschichte von einer Tante von mir, eine weitere von einer Großtante. Diese zwei Biografien habe ich mit Berichten verwoben, die ich gelesen hatte. Daraus entwickelte ich dann eine fiktive Story. Aber viel wichtiger als die konkrete Geschichte ist die Emotion. Zu zeigen, wie Menschen sich fühlen, die ihre Heimat zurücklassen und flüchten müssen und eine Umwelt kommen, die sie erst mal nicht als ihr Zuhause betrachten. Und ich denke, dass dieses Flüchtlingsthema momentan sehr aktuell ist. Dass es eine Geschichte ist, die sich auf alle möglichen Flüchtlingsbiografien übertragen lässt – ob’s eine jüdische ist, eine afrikanische – oder gar eine palästinensische.

chilli: Persönliche Geschichten erzählen, ohne sein Privatleben preiszugeben – ist das für Sie schwierig? Mit „Vida“ haben Sie auch einen Song für Ihre Tochter geschrieben …
Herre: Ich glaube, dass es trotzdem, auch wenn er jemanden beschreibt, ein Song über das Leben ist. „Vida“ heißt Leben. Für mich ist das eine Ode an das Leben. Wenn man sich die Strophen anhört, dann glaube ich, dass man ihn sehr persönlich lesen kann, klar. Aber eigentlich ist es ein Song über die Liebe, die Liebe zu einem Kind, die Dinge, die man sich als Eltern für sein Kind wünscht. Es geht um die Auseinandersetzung, wie man einem Kind dieses Fundament, diese Flügel gibt, dass es seinen Weg gehen kann. Und damit ist es für mich ein ganz persönlicher, aber eben auch ein allgemeingültiger Song. Ich glaube, in diesem Spannungsfeld finden viele meiner Sachen statt.


chilli: Also ein Gefühl zu transportieren, in dem sich Leute auf unterschiedlichste Weise wiederfinden können?
Herre: Ja, das ist es auch, was mich bei anderen Songwritern immer am meisten interessiert hat. Die Emotion nachzuspüren, aber eben auch die eigene Involviertheit. Das sind die besten Songs von Stevie Wonder, Bob Marley, Bob Dylan oder James Taylor. Egal, ob Soul, Folk oder Blues: Es geht immer darum, das eigene Herz in die Musik zu bringen. Das macht Musik ja so berührend.

chilli: Auf „Hallo Welt!“ finden sich aber nicht nur rührende, sondern auch gegenwartskritische Songs, es geht um den Arabischen Frühling, Umweltzerstörung, Gerechtigkeit. Was brennt Ihnen denn am meisten auf der Seele?
Herre: Ich glaube, dass diese Themen nicht voneinander zu trennen sind, deswegen finden sie sich auch alle auf dem Album wieder. Alles läuft an einem Punkt zusammen. Und das merkte man letztes Jahr auch, dass die Leute das spüren. Es gibt wenig Antworten, aber so ein diffuses Gefühl, dass es so nicht geht – auch bei Leuten, die nicht unbedingt politisch waren. Irgendetwas hat sie bewegt, sich etwa in Frankfurt hinzustellen und mit in eine Bank reinzulaufen.

chilli: Also doch die bösen Bänker?
Herre: Nein, das kann man nicht sagen oder so vereinfachen. Ich finde, man kann zum Beispiel keine Nachhaltigkeitsdebatte führen, ohne über Gerechtigkeit zu reden. Nachhaltigkeit spielt für viele Leute schlicht keine Rolle, weil sie sich gewisse Dinge nicht leisten können. Sie sehen dann vielleicht: Das ist ein toller Öko-Schuh! Aber er ist 40 Euro teurer, als ich es mir leisten kann. Diese Dinge sind alle verknüpft.

chilli: Und welche Rolle bleibt dann dem Musiker? Kann man diese Dinge erklären?
Herre: Ich sehe mich einfach als jemanden, der versucht, diese Dinge zu beschreiben. Ein Mensch, der Zeitung liest, der Fernsehen guckt und mit Leuten spricht – und das spiegelt, was da passiert, ohne es vordergründig zu bewerten. Ohne zu sagen: Ich weiß, wie es ist! Ich hab die Antwort parat! Alle mir nach! Ich sage immer wieder, ich sehe mich eher als Chronisten, als jemand, der das beschreibt, was er sieht und in Poesie fasst. Und sich aber trotzdem dazu in Bezug setzt, aber nicht in der Weise, dass ich versuche, die eigenen Widersprüche zu kaschieren. Es ist so wie in „Aufruhr“: Ich sitze in Berlin, und hier kommt der Frühling eben spät, deswegen mache ich das Fenster noch mal zu. Diese existenzielle Bedrohung habe ich nicht, mir geht’s besser. Ich bin nicht auf den Barrikaden, aber ich finde es unterstützenswert. Aber ich will auch kein Revolutionsromantiker sein.

chilli:Man könnte auch am Romantiker Max Herre zweifeln: „Wir suchen nach Liebe und rennen davon, wenn sie dann kommt“, heißt es in „Dududu“. Sprechen Sie da aus eigener Erfahrung?
Herre: Ich sehe das bei vielen Leuten um mich herum. Wenn das erste Verliebtsein vorüber ist, fängt man abzugleichen. Was hat sie oder er? Was nicht? Was bietet jemand anderes? Es ist ein bisschen wie mit unseren Gadgets: Wenn sie veraltet sind, dann holen wir uns ein Update.

chilli: Glauben Sie denn an so etwas wie die ewige Liebe?
Herre: Ja, jeder, der Kinder hat, wird diese Frage bejahen. Und was die Liebe zwischen zwei Menschen angeht: Ich finde, man muss, wenn die Zeit der Schmetterlinge im Bauch vorbei ist, erkennen, worum es bei der Liebe wirklich geht. Liebe ist commitment. Wenn man erst einmal versteht, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit ist, dann kann es funktionieren. Denn Hingabe ist die wahre Form von Liebe.

Fotos: Ronald Dick / Nesola
Quelle: teleschau – der mediendiens
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Max Herre auf Deutschland-Tournee:

14.10., München, Muffathalle
16.10., Bremen, Modernes
17.10., Köln, E-Werk
20.10., Ulm, Roxy
21.10., Offenbach, Capitol
22.10., Hamburg, Große Freiheit
24.10., Münster, Skater’s Palace
25.10., Dresden, Reithalle
28.10., Nürnberg, Hirsch
29.10., Stuttgart, Theaterhaus