Es war 1981, als der gebürtige Däne Lars Ulrich (49) zusammen mit dem amerikanischen Sänger James Hetfield (50) Metallica gründete. Seitdem verkaufte die Band 110 Millionen Alben, erhielt neun Grammys und schrieb nicht zuletzt mit ihren Alben „Kill ‘Em All“ und „Master Of Puppets“ Metal-Geschichte. Jüngst erklommen die Musiker die nächste Stufe auf dem Weg zur Legende: Ab 3. Oktober sind Metallica in 3D im Kino zu bewundern – mit einem Konzert, das es so noch nie gegeben hat und einer Bühne, die bombastischer nicht sein könnte. 36 Kameras hielten fest, was die Gitarren-Männer dort alles anstellen. Doch die 32 Millionen Dollar teure Produktion „Through The Never“ ist nicht nur ein mitreißender Konzertfilm. Verwoben damit ist die fiktive Geschichte um den Roadie Trip (Dane DeHaan), der eine geheimnisvolle Tasche für Metallica besorgen muss und diese Aktion fast mit seinem Leben bezahlt. Anlässlich der Premiere von „Through The Never“ in Berlin und dem dazu veröffentlichten, gleichnamigen Live-Doppelalbum stand Schlagzeugheld Lars Ulrich Rede und Antwort.

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chilli: Ist es für Sie als Rockmusiker nun sonderbar, von Filmpremiere zu Filmpremiere zu reisen?
Lars Ulrich: Ach nein. Es ist nicht sonderlich anders, als eine Platte vorzustellen. Das Einzige, was wirklich auffällig ist, sind die vielen Menschen, die in der Filmwelt um dich herum sind. In der Rock’n’Roll-Welt kenne ich jeden mit Vornamen – das ist nun anders. Egal, ob wir den Film beim Toronto Filmfestival, in Cannes oder bei der Comic-Con vorgestellt haben: Auf dem Flur vor meinem Hotelzimmer standen 25 Leute, und ich habe keine Ahnung, wer die alle sind, und warum sie da sind. Ich glaube nicht, dass man so viele Leute braucht, um einen Journalisten zum Interview vor mich zu setzen – das ist etwas sonderbar. Aber ich will mich nicht beschweren, es ist einfach nur eine Beobachtung. Die verschiedenen Premieren zu besuchen, macht echt Spaß. Wann immer wir mit Metallica die Möglichkeit haben, unsere Bequemlichkeitszone zu verlassen, tun wir es.

chilli: Wenn da 25 Leute vor Ihrer Hoteltür stehen, heißt das wohl auch, dass sich mit Filmen noch Geld verdienen lässt.
Ulrich: Haha, ja, da könnte in der Tat ein Zusammenhang bestehen. Aber selbst in den Neunzigern, als die Plattenfirmen noch in voller Blüte standen, standen keine 25 Leute vor meiner Hoteltür.

chilli: „Through The Never“ ist selbst für Metallica-Verhältnisse ziemlich harte Kost …
Ulrich: Ja, der Film ist hart. Als Zuschauer ist man so nah dran am Geschehen, man wird quasi Teil von dieser verrückten Energie auf der Bühne. Da ist viel aufzunehmen auf visueller und akustischer Ebene. Es war aber auch unser Anliegen, einen extrem intensiven Konzertfilm zu machen, der den Zuschauer wegbläst.

chilli: Aber spezielle Tricks, die man in so einem 3D-Film erwarten könnte, haben Sie trotzdem nicht einstudiert, oder?
Ulrich: Sie meinen, ich hätte meinen Drumstick in Ihr Gesicht bohren sollen, damit der 3D-Effekt voll ausgereizt wird? Haha, nein, so was haben wir wirklich nicht gemacht. Es ging uns eher darum, den Menschen das Gefühl zu geben, selbst mit Metallica auf der Bühne zu sein. Das ist ähnlich wie bei „Avatar“ oder einigen Pixar-Movies, wo man in den Film reingezogen wird und es sich gar nicht anfühlt, als würde man nur zusehen.

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chilli: Neben den Konzertaufnahmen gibt es eine apokalyptische Begleitstory um den Metallica-Roadie Trip, der einen Albtraum erlebt, während Sie auf der Bühne stehen. Soll das irgendwas symbolisieren?
Ulrich: Nein. Die Story ist keine Reflektion über Metallicas Leben on the road – dann wären unsere Tourneen ja die Hölle und wir schon tot! Wir wollten einfach nur eine getrennte Geschichte haben, die sich immer mehr mit dem Konzert verknüpft. Es ist eine Parallelgeschichte aus einem anderen Universum ohne metaphorische Verbindung zu Metallica. Der Autor und Regisseur Nimrod Antal trug die Idee an uns heran, und sie gefiel uns.

chilli: Wodurch wurde die Horror-Geschichte um Trip inspiriert?
Ulrich: Vom Roman „Der Alchimist“ des brasilianischen Schriftstellers Paulo Coelho. Auch dort geht es um eine lange Reise, die dort endet, wo sie begonnen hat. Alles wirkt wie ein Traum. Während Nimrod Antal am Drehbuch schrieb, passierte gerade die Occupy-Bewegung. Die Krawallszenen des Films sind davon inspiriert.

chilli: Sie selbst sollen große Angst vorm Tod haben. Da gibt es einen mordenden, kopflosen Reiter im Film. Ist das quasi Selbst-Therapie?
Ulrich: Oh, es bräuchte mehr als das, um mich von meinen Ängsten zu therapieren. Aber es ist sowieso so, dass ich bis vor drei Wochen noch an dem Film gearbeitet habe. Ich habe noch keine wirkliche Perspektive. Wenn die nächste Metallica-Platte kommt in zwei, drei Jahren, dann habe ich vermutlich mehr Antworten darauf. Im Moment sehe ich den Film eher als ein verschwommenes Etwas.

chilli: Sie brachten für „Through the Never“ viele ikonenhafte Requisiten von vergangenen Metallica-Tourneen in hochtechnitisierter Form wieder auf die Bühne: Da ist Doris – die Lady Justice, die „Metal Up Your Arse“-Toilette sowie Särge, die aus dem Boden kommen. Was davon ist Ihr Favorit?
Ulrich: Hm, natürlich ist Lady Justice eine Ikone für sich. Aber ich entscheide mich für die Särge, die mein Kumpel David designt hat. Ich bin happy, dass alles funktionierte. Wir brauchten eineinhalb Jahre, um die perfekte Bühne für den Film zu kreieren, investierten viel Geld und Zeit. Wir wollten ein paar Dinge aus der Vergangenheit hervorholen, ohne nostalgisch zu werden. Die Idee der kollabierenden Bühne stammt von der „Load“-Tour, mit der wir von 1996 bis 1998 unterwegs waren.

chilli: Wie war es, das erste Mal diese Monster-Bühne zu bespielen?
Ulrich: Als wir das erste Mal auf der fertigen Bühne probten, klappte überhaupt nichts – es ist alles so hochtechnisiert und verrückt. Wir machten es ja anders, als es normalerweise bei Konzert-DVDs üblich ist. Unsere Showaufnahmen sind nicht bei den Konzerten 151 bis 153 einer langen Tour entstanden. Es waren die ersten Shows überhaupt, die wir auf besagter Bühne spielten. Die Bühne war also nicht tourerprobt. Alles wurde extra für den Film gemacht.

chilli: Wie gefährlich war denn das Ganze?
Ulrich: Unser Leadsänger James spricht ja gern davon, dass wir fast gezweiteilt worden wären. Aber das ist etwas übertrieben. Es hat keine Toten gegeben, nur kleinere Unfälle mit dem Kamerakran und der Pyrotechnik. Wir mussten immer genau wissen, wo wir sicher stehen können, während uns die Bühne um die Ohren fliegt. Man musste konzentriert sein auf das, was als Nächstes passiert. Als wir filmten, waren wir noch nicht auf Autopilot, was die Show betraf – wir waren immer noch dabei, uns an all das zu gewöhnen. Ich denke, dieses Gefühl von Chaos haben die Kameras gut eingefangen.

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chilli: Wollen Sie nun Rammstein und Kiss Konkurrenz machen?
Ulrich: Ach nein, Rammstein und Kiss spielen absolut in ihrer eigenen Liga. Und Metallica stehen nur noch mit sich selbst in Konkurrenz. Wir vergleichen uns nicht mit anderen Bands, wir kümmern uns lieber um unseren eigenen Scheiß. Konkurrenzkampf ist doch so Achtziger!

chilli: Aber übernehmen Metallica nun deren Einstellung „The bigger, the better“?
Ulrich: Nein, so groß müssen wir es nicht immer haben. Bei der Comic-Con vor ein paar Wochen gaben wir ein kleines Konzert vor 1.500 Leuten. Wir spielten eine Tour in Japan, Indonesien und China, ganz ohne Pyrotechnik und viel Brimborium. Wir würden nie sagen, dass wir eine Show nicht spielen können, weil irgendetwas an der Bühne fehlt. Es bringt uns ab und zu nur einfach großen Spaß, etwas in die Luft zu jagen. Wir wollen ja auch immer etwas Neues erleben, etwas anderes als beim letzten Mal. Das heißt aber nicht, dass größer gleich besser ist. Manchmal gibt es Metallica in intimem Rahmen, manchmal in Stadien. Wir sind die Band für alle Fälle!

chilli: Dane DeHaan spielt im Film den Roadie Trip. Haben Metallica in Wirklichkeit auch Roadies, die Fans sind?
Ulrich: Ich würde Trip eher als Runner bezeichnen. Das Lustige ist, dass ich nie darüber nachgedacht habe, wie viel wir unseren Roadies bedeuten könnten oder ob sie Fans sind. Erst seit dem Film mache ich mir über so was Gedanken. Aber es ist definitiv so, dass die Leute, die mit Rockbands zu tun haben, meistens als Fans anfangen. Wenn sie dann lange genug dabei sind, gehören sie irgendwann zum inneren Zirkel. Aber es ist bei uns keine Einstellungsvoraussetzung, Fan von Metallica zu sein.

chilli: Führen Sie die Vorstellungsgespräche denn noch selber?
Ulrich: Kommt drauf an. Wenn es um Leute geht, die unmittelbar mit der Musik zu tun haben, dann schon. Es ist aber nicht so, dass ich mit dem Runner gar nicht rede. Das passiert dann so beiläufig. Man fragt dann schon mal: Kannst du Hammetts Shirt in den Trockner tun? Klappt immer.

chilli: Wann fangen Sie an, ein neues Metallica-Studioalbum aufzunehmen?
Ulrich: Für 2014 steht das ganz oben auf der Liste! Wir haben noch keine Ahnung, was genau wir machen wollen. Aber auch das wird harte Kost werden, so viel ist sicher.

Text: Katja Schwemmers / Fotos: Universal / 2013 Ascot Elite Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst