Ein endloser Gewaltexzess in „Funny Games“ (1997), krasse Sadomasoszenen in „Die Klavierspielerin“ (2001), eine Missbrauchsgeschichte in „Das weiße Band“ (2009) – Michael Haneke setzt seinem Publikum radikale und unbequeme Filme vor. Doch dank seines Feingefühls und der emotionalen Wucht, die seine Werke entwickeln, feiert er Erfolge bei Kritikern und Publikum. „Liebe“ heißt sein neuer Film, der eigentlich vom Sterben erzählt: Ein Rentner (Jean-Louis Trintignant) muss langsam Abschied von seiner geliebten Frau nehmen, die seit einem Schlaganfall immer stärker abbaut. Bei den letzten Filmfestspielen von Cannes erhielt Michael Haneke für „Liebe“ (Start: 20.09.) die Goldene Palme – die zweite nach der für „Das weiße Band“. Ernsthaft, aber voll positiver Energie und auch mit Humor stellt er sich den Interviewfragen von Diemuth Schmidt zu seinem neuen Film über ein unausweichliches Thema, den Tod.


chilli: Das Drehbuch zu „Liebe“ haben Sie geschrieben, weil Sie mit Jean-Luis Trintignant zusammenarbeiten wollten. Worin liegt der Vorteil, wenn man Schauspielern eine Rolle auf den Leib schneidert?
Michael Haneke: Damit ein Film funktioniert, braucht es zwei Dinge: das richtige Drehbuch und tolle Schauspieler – in der für sie richtigen Rolle. Das ist das Geheimnis. Vieles kann man nicht inszenieren und herstellen, wie beispielsweise die Wärme, die Jean-Louis ausstrahlt. Da kann ich nicht sagen: „Sei jetzt mal warmherzig“, das muss ein Schauspieler ausstrahlen. Und wenn man diesen Schauspieler nicht hat, sollte man den Film lieber nicht machen.

chilli: Schreiben oder drehen Sie lieber?
Haneke: Filmen ist furchtbarer Stress, Schreiben und Postproduktion sind angenehm. Das Einzige, was beim Drehen Spaß macht, ist die Arbeit mit den Schauspielern. Ich komme aus einer Schauspielerfamilie, darum liebe ich Schauspieler.

chilli: Trotzdem sagt Jean-Louis Trintignant, dass Sie viel verlangen.
Haneke: Bestimmt mit einem Augenzwinkern. Ich insistiere zwar, bis ich das bekomme, was für die Geschichte notwendig ist. Aber ich glaube nicht, dass er sehr gelitten hat. Manchmal war es körperlich für ihn schwierig, weil er schon ein bisschen klapprig ist. Aber im Allgemeinen werden Schauspieler bei mir nett behandelt – im Gegensatz zum Team.


chilli: Warum denn das?
Haneke: Da fallen mir immer nur die Dinge auf, die nicht gut sind. Wenn ein Dekor nicht fertig oder ein Buch blau ist, das weiß sein sollte. Das macht mich furchtbar nervös. Im besten Fall funktioniert alles so, wie ich es mir vorgestellt habe. Aber Kamera und Deko können mich nicht positiv überraschen, Schauspieler schon. Sie sind mein Trost beim Drehen.

chilli: Die Pflege-Geschichte „Liebe“ basiert auch auf einem Fall aus Ihrer Familie. Haben Sie damit eine neue Grenze für sich überschritten?
Haneke: Immer wenn ich schreibe, hat mich etwas persönlich berührt oder schockiert. Aber es wäre sehr schlecht, die eigene Geschichte eins zu eins zu erzählen, das würde kitschig oder peinlich werden, weil man nicht objektiv genug ist. Ich nehme die Erfahrung und verwandle sie in etwas, das dem Thema gerecht wird. Grundsätzlich gibt es keine Grenzen. Man muss sich etwas trauen. Je anspruchsvoller das Thema, umso größer das Risiko, damit auf die Nase zu fallen. Aber wenn man nichts wagt, braucht man gar nichts mehr machen.

chilli: Welche Einstellung haben Sie zum Tod?
Haneke: Eine zwiespältige. Es gibt da das schöne Lied von Johannes Brahms „O Tod, wie bitter bist du“, das meine Sichtweise gut wiedergibt. Es ist bitter für jemand, der mitten aus dem Leben gerissen wird und süß für jemanden, der sehr leidet. Die Einstellung zum Tod hängt immer von der Position ab, in der man ist – heute möchte ich nicht sterben.


chilli: Wen man Ihre Filme und die Ihres Cannes-Konkurrenten Ulrich Seidl sieht, gewinnt man schnell den Eindruck, dass österreichische Filmemacher offenbar besonders gerne in Bereiche vordringen, in denen es weh tut …
Haneke: Das habe ich schon oft gehört, bin aber die schlechteste Adresse, um das erklären zu können: Ich mache keine österreichischen Filme, keine deutschen und keine französischen – ich mache Haneke-Filme. Ich weiß nur, dass die österreichische Literatur einen Hang zur Revolte hat, mehr als die deutsche. Es gab in jedem Land hochgeschätzte Hofpoeten, nur in Österreich nie. Die Dichter des ersten Rangs wurden von den Autoritäten immer eher kritisch betrachtet.

chilli: Mit Zumutungen fürs Publikum kennen Sie sich aus: Die Gewaltorgie „Funny Games“ haben Sie sogar zweimal gedreht.
Haneke: Die Produktion des amerikanischen Remakes meines Films war eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte, aber auch nicht wiederholen. Der Grundgedanke war, dass die Neuverfilmung das englischsprachige Actionpublikum erreichen sollte. Hat leider nicht funktioniert, weil die Leute immer klüger sind, als man denkt: Sie merkten sofort, dass er nicht das ist, was sie sonst so lieben, nämlich verherrlichte Gewalt. Es wurde ein Riesenflop.

chilli: Schadet Ihnen ein Flop?
Haneke: Ich kann mich nicht beklagen, ich werde schon lange gut wahrgenommen. Große Preise wie die Goldene Palme helfen da natürlich. Auszeichnungen und Erfolge an der Kinokasse sind wichtig für die Arbeitsbedingungen des nächsten Films. Aber: Man ist immer nur so gut wie der letzte Film. Der Marktwert ändert sich sehr schnell, nach zwei Flops in Folge wird das Leben schwierig.

Fotos: X Verleih / Denis Manin
Quelle: teleschau – der mediendienst