Seit zwölf Jahren erfindet sich Grammy-Preisträgerin Nelly Furtado mit jedem Album und jeder Kollaboration neu. Folk, Pop, fette Beats oder ganz auf Spanisch: Immer klang die 33-jährige Kanadierin anders. Das ist auf ihrem fünften Album „The Spirit Indestructible“ nicht anders: Es entstand mit den Top-Produzenten Salaam Remi (Amy Winehouse), Bob Rock (Metallica), Fraser T. Smith (Adele) und Rodney Jerkins (Lady Gaga, Beyoncé) und steht für einen futuristischen Sound gepaart mit Weltmusikeinflüssen. Nelly Furtado im Gespräch mit Katja Schwemmers über ihre Arbeit bei einer Kinderrechtsorganisation, Nervenzusammenbrüche auf der Bühne und Musizieren im hohen Alter …


chilli: Mrs. Furtado, in einem Video auf Ihrer Webseite sieht man Sie ungeschminkt und mit Brille durchs Studio tanzen. Sie haben offenbar kein Bedürfnis, sich hinter einer Künstlerfassade zu verstecken?
Furtado: Wer die echte Nelly mit verwuseltem Haar sehen will, der kann das auf meiner Webseite tun. Ich finde es sogar wichtig, eine Vielzahl von Facetten von mir zu zeigen und nicht alles davon in einer Gemütsverfassung und der gleichen Geschwindigkeit. Dass alles auf Hochglanz poliert ist, wollen die Leute doch gar nicht mehr. Sie erwarten heute Authentizität.

chilli: Ihr letztes englischsprachiges Album „Loose“ ist sechs Jahre her. Wieso eigentlich?
Furtado: Ich brauchte Zeit für Freunde und Familie und musste mal eine langsamere Gangart einlegen. Ich musste lernen, nein zu sagen. Die zehn Jahre vor „Loose“ waren harte Arbeit. Ich merkte auch, dass ich Leben gelebt und mir die Hände dreckig gemacht haben muss, um als Künstlerin etwas ausdrücken zu können.

chilli: In welchem Moment wurde Ihnen alles zu viel?
Furtado: Auf der „Loose“-Tour sollte ich ein Konzert in Amsterdam geben. Ich war extrem müde. Ich war emotional einfach nicht bereit für die Show. Ich musste auf die Bühne und konnte während der ersten zwei Songs nicht mehr aufhören zu weinen. Ich war nie zuvor an einem Punkt, wo mein Kopf den Stress für die Dauer des Auftritts nicht überwinden konnte. Ich realisierte an dem Tag: Egal, was du im Leben erreichst, du musst eine Balance schaffen.

chilli: Sie sind seit 2008 mit dem kubanischen Toningenieur Demacio Castellón verheiratet. Hat die Ehe Sie verändert?
Furtado: Ich glaube schon. Die Ehe hat mir einen Platz gegeben, an den ich zurückkommen kann – auch für die Psyche. Sie ist ein Anker, der mir die Freiheit und Wildheit für mein kreatives Leben ermöglicht. Deshalb habe ich 2009 ein spanischsprachiges Album aufgenommen mit Songs, die wie Liebesbriefe sind.


chilli: Im neuen Song „High Life“ singen Sie davon, als Sängerin Erfolg zu haben, dann aber doch zu merken, dass der Erfolg nicht der Goldklumpen ist, für den man ihn gehalten hat. Jammern Sie da nicht auf hohem Niveau?
Furtado: Nein. Ich denke, wir Menschen sind zu besessen von Erfolg. Ich bin aufgewachsen in einer wunderschönen Kleinstadt namens Vancouver Island, British Columbia. Spätestens, wenn du 14 wirst, sagst du dir: „Eines Tages werde ich berühmt sein und hier herauskommen.“ Dann fängst du an, dem Erfolg hinterherzujagen – du jagst und jagst. Aber Erfolg sollte eher wie eine Reise sein, die man genießt, während sie passiert.

chilli: Es sollen reale Reisen nach Kenia gewesen sein, die Sie für Ihr neues Album inspiriert haben.
Furtado: Das stimmt. Ich wurde vor zwei Jahren von „Free The Children“ dorthin eingeladen. Das ist eine Organisation, die Kinder ermutigen will, Spenden für andere Schulen zu sammeln. Ich habe in einer Mädchen-Highschool eine Dokumentation gedreht, die gerade eröffnet hatte. Ich erlebte zum ersten Mal den Spaß in der Gemeinschaft. Die Leute kamen zusammen, sangen, tanzten und fühlten das Leben! Es erinnerte mich daran, wer ich bin. Dass ich immer noch das Mädchen bin, das vor zwölf Jahren ihr Debüt „Whoa, Nelly“ geschrieben hat.

chilli: Und deshalb heißt die Platte nun „The Spirit Indestructible“?
Furtado: Genau. Jeder von uns hat diesen unverwüstlichen Spirit in sich. Manchmal vergessen wir es. Wir vergessen, wer wir sind. Dann müssen wir den Stecker ziehen, um uns selbst wieder zu entdecken.

chilli: Hat die Platte deshalb so einen positiven Vibe?
Furtado: Als ich die Platte aufnahm, passierten viele gute Dinge in der Welt, bei denen die Menschheit sich unter Beweis stellen musste. Das Überwinden von Natur-Katastrophen – wenn man an das Erdbeben in Japan denkt. Der arabische Frühling. Die Occupy-Bewegung. Und auch die Finanzkrise. Das waren Tests für die Menschheit. Ich hatte das Gefühl, dass da viel Energie in der Luft lag, von der ich zehren konnte. Ich habe dadurch einen großen Glauben und sehr viel Hoffnung für die Zukunft gewonnen.


chilli: Und das hatten Sie vorher nicht?
Furtado: Früher habe ich mir meine Inspiration immer aus der Vergangenheit geholt. Man neigt dazu, zu idealisieren. So nach dem Motto: „Oh, wäre es nicht schön, in den Sechzigern oder Siebzigern gelebt zu haben?!“ Aber nun blicke ich in die Zukunft. Auch das hat mit meinen Reisen nach Kenia zu tun. Dort traf ich so viele junge Menschen, die voller Träume waren. Sie wollten Pilot werden, Arzt, Krankenschwester oder Lehrer. Das hat mich angesteckt. Ich bin selbst Mutter einer achtjährigen Tochter, da befasst man sich auch mit den Träumen seines Kindes.

chilli: Können Sie sich vorstellen, Ihren Job noch im hohen Alter zu machen?
Furtado: Ich hatte das Vergnügen, Cesária Évora live zu erleben, bevor sie im letzten Dezember verstarb. Sie war die bekannteste Sängerin des Kap Verde und galt mit 70 als barfüßige Königin der Morna. Vielleicht werde ich ja diese Art von Künstlerin. Ich will mich mehr in anderen Sprachen und anderen Genres ausprobieren. Vielleicht ein Jazz-Album aufnehmen und eines in portugiesischer Sprache. Popmusik ist für mich definitiv nicht alles.

Fotos: Mary Rozzi / Richard Bernardin / Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst