Für Fans der Band Rosenstolz stehen schwere Zeiten an. Denn Peter Plate und AnNa R. haben eine Pause ungewisser Länge angekündigt. Das hat allerdings auch sein Gutes: Denn beide sind nun mit eigenen Projekten unterwegs. Während AnNa R. mit ihrer neuen Band Gleis 8 erst Ende Juni ihre Livepremiere in Berlin feiern wird, stellt Plate schon jetzt sein Solo-Projekt vor. „Schüchtern ist mein Glück“ heißt sein Album, auf dem er mit Chanson und Pop flirtet. Im Interview erzählt der 45-Jährige, wie er seine Burnout bedingte Krise überwand, warum er heute so glücklich ist und was das alles mit dem Singen zu tun hat.

Peter Plate von Rosenstolz
chilli: Herr Plate, das Cover-Artwork Ihrer Single „Wir beide sind Musik“ ziert ein Hund …
Peter Plate: Das ist mein Beagle Jam. Aber es ist eine Fotomontage, Jam hatte nie Kopfhörer auf. Ich fand aber, mein Hund passte bestens zur Stimmung der Single.

chilli: Weil er genauso munter ist?
Plate: Genau! Er hat immer gute Laune. Der ist morgens gut drauf, der ist selbst mit einer Erkältung gut drauf. Zwischen mittelgut drauf und sehr gut drauf gibt es natürlich Unterschiede. Aber Jam ist einfach Optimist. Hunde leben herrlich im Moment. Es ist so wunderbar, man kann von ihnen nur lernen.

chilli: Wie sind Sie denn auf den Hund gekommen?
Plate: Mein neuer Freund und ich überlegten lange hin und her. Schließlich haben wir uns dann an eine Züchterin gewendet. Er hat uns ausgesucht! Jam kam gleich beim ersten Besuch auf mich und meinen Freund zugerannt. Erst beim dritten Mal durften wir ihn mitnehmen, da war er neun Wochen alt. Mein Freund brachte auch noch seine Katze Lucky aus England mit in den Haushalt. Es dauerte ein paar Wochen, bis Jam merkte, dass Lucky kein Hund ist, sondern eine Katze, und dass er ihn anders behandeln muss. Nun sind die beiden ganz friedlich miteinander. Aber Jam ist immer noch kein Schoßhund. Ich mag an ihm, dass er seinen eigenen Kopf hat. Er ist ein wildes, süßes Tier, das ich ganz doll liebe.

chilli: Werden Sie beim Spazierengehen oft angesprochen?
Plate: Oh ja. Mein Freund und ich sind beide introvertiert und schüchtern. Wir hatten uns auf alles vorbereitet, aber nicht darauf, dass jeder Zweite bei einem Welpen stehen bleibt und sagt: „Oh, ist der süß!“ Das war ein absoluter Albtraum am Anfang! Und das hat nichts mit Peter Plate, dem Musiker zu tun. Dieses ständig in Gespräche verwickelt zu sein, nervt mit der Zeit. Ich ging also in den ersten Monaten mit gesenktem Blick spazieren. Beim Beagle musst du eh immer auf der Hut sein, was er gerade wieder frisst. Aber nun ist er ja nicht mehr so klein, es bleibt also auch nicht mehr jeder stehen.

Peter Plate von Rosenstolz
chilli: Nach einem Rosenstolz-Konzert im Januar 2009 in Hamburg wurde ein Burnout bei Ihnen diagnostiziert. Hilft Ihnen der Hund heute, den Stress abzubauen?
Plate: Absolut. Jam fragt dich nämlich nicht, ob es regnet oder schneit, ob du gerade Zeit hast oder du gestresst bist. Der will raus! So wie heute Morgen. Da hatte ich erst gar keine Lust dazu. Aber beim Laufen steigt die Laune. Außerdem beruhigt mich Jam auch, wenn ich nervös bin.

chilli: Wie machte sich der Burnout bei Ihnen damals denn bemerkbar?
Plate: Als fürchterlicher Albtraum! Ich sagte noch auf der Bühne, dass ich nicht wüsste, ob ich eine Magenverstimmung oder eine Panikattacke habe. Dann ging ich nach hinten, wo eine liebe Ärztin war, die mich fit spritzte, weil ich unbedingt noch das Konzert schaffen wollte. Alles war für den Moment wieder super – aber am nächsten Morgen ging gar nichts mehr. Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen.

chilli: Fiel es Ihnen schwer, sich einzugestehen, überfordert zu sein?
Plate: Das hat mir mein Körper mitgeteilt! Ich hätte gar nicht mehr weitergekonnt. Mir war klar, dass ich ganz viel ändern muss in meinem Leben. Ich habe das dann Stück für Stück für mich umgesetzt und erarbeitet. Eine Konsequenz ist, dass ich nur noch drei Tage die Woche arbeite – Dienstag, Mittwoch und Donnerstag. Das ziehe ich nun schon seit drei Jahren durch.

chilli: Können Sie denn auf Knopfdruck kreativ sein?
Plate: Ich schreibe ja schon Lieder, seitdem ich 14 bin. Mit 20 oder 30 denkt man vielleicht noch, dass man am besten in der Nacht ist – aber das ist Quatsch. Talent sind nur zehn Prozent, 90 Prozent sind Fleiß und ein Handwerk, das sich über die Jahre entwickelt. Du musst dich vor das Klavier, das Keyboard oder vor die Gitarre setzen und warten, bis eine gute Melodie vorbeikommt. Das Gefährliche in meinem Beruf ist, dass das Liederschreiben, Aufnehmen und Produzieren wahnsinnigen Spaß macht.

chilli: Sie konnten also nicht mehr aufhören?
Plate: Ich kann keinem die Schuld dafür in die Schuhe schieben, denn ich war es selber, der zu allem ja gesagt hat. Da war keine Plattenfirma oder ein Manager, der mich zu irgendwas gezwungen hat. Das waren schon wir, Rosenstolz. Erfolg kann auch gefährlich sein, man muss Verlockungen widerstehen können.

chilli: Wie schaffen Sie das heute?
Plate: Ich musste lernen, nein zu sagen. Ich habe mich gefragt. Was will ich vom Leben? Ich bin jetzt 45, ich hatte beruflich ganz viel Glück. Das waren tolle Zeiten mit Rosenstolz. Jetzt aber habe ich auch privat ein ganz tolles Leben. Ich bin sehr glücklich, lebe zurückgezogen mit meinem Partner in Berlin. Darauf will ich jetzt auch aufpassen.

chilli: Kommt es Ihnen vielleicht auch ganz entgegen, als Solist nun wieder klein anzufangen?
Plate: Ja, mir tut das total gut. Natürlich kann man die Uhr nicht zurückdrehen. Aber ich weiß, dass der Anfang von Rosenstolz, also die ersten zehn Jahre, ein Traum waren. Es war so anarchistisch und lustig, so nach dem Motto „Wir gegen den Rest der Welt“. Die anderen zehn Jahre haben zwar auch Spaß gemacht, aber sie waren ernst und hatten so was Offizielles. Meine Soloplatte ist für mich nun wie ein Abenteuer. Da ist kein Druck, ich mache alles aus Spaß!

Peter Plate von Rosenstolz
chilli: Wirklich gar kein Druck? Immerhin sind Sie der Musiker von Rosenstolz, der die Nummer-Eins-Hits geschrieben hat und sich als Solist erst bewähren muss!
Plate: Es ist die Frage, was ich daraus mache und was für einen Druck ich mir antue. Wenn ich versuchen würde, mit mir selbst und meiner Vergangenheit in Konkurrenz zu treten, wäre das doch total bekloppt! Also versuche ich das gar nicht erst.

chilli: Einerseits haben Sie immer noch Ängste, wie Bühnenangst zum Beispiel, andererseits machen Sie es nun noch schlimmer, indem Sie als Solist selber vors Mikro treten! Können Sie sich diesen Widerspruch erklären?
Plate: Das ist wirklich ganz schön bescheuert! Ich kann es mir nur dadurch erklären, dass ich weiß, dass es vielen anderen Künstlern auch so geht. Vor ein paar Monaten hatte der „Spiegel“ eine Titelgeschichte über introvertierte Menschen, darin habe ich mich sehr wiedergefunden. Ich bin einerseits sehr in mich gekehrt und zurückgezogen, andererseits sitze ich irgendwo im Konzert und denke: „Oh, ich will auch da vorne stehen!“ So bin ich nun mal.

chilli: Heißt Ihre Platte deshalb „Schüchtern ist mein Glück“?
Plate: Es ist auf jeden Fall das Schlüssellied des Albums – eigentlich ist es ein Liebeslied für meinen englischen Freund. Ich lernte ihn auf Ibiza kennen und zog in der Zeit, als ich Abstand brauchte, zu ihm in seine Wohngemeinschaft nach London. Er hat zum Glück nichts mit der Musikbranche zu tun.

chilli: War es eigentlich komisch, diesmal selbst in der Gesangskabine im Studio zu stehen?
Plate: Schon, aber ich liebe das Singen wirklich! Immer wenn ich versuchte, schön zu singen, sagten meine langjährigen Wegbegleiter Ulf Sommer und Daniel Faust: „Hör auf, versuch’s gar nicht erst.“ Das war gut, denn das Wichtigste ist, dass diese Songs glaubhaft sind.

chilli: Aber mit AnNa R., Ihrer vormals besseren Hälfe bei Rosenstolz, sind Sie noch befreundet?
Plate: Wir haben unsere Beziehung immer als geschwisterlich bezeichnet, und an dem Begriff halte ich auch fest. Es fühlt sich nach so vielen Jahren ganz toll an, dass mal jeder sein eigenes Zeug macht. Wir lassen uns total in Ruhe bei unseren Abenteuern.

Autor: Katja Schwemmers / Fotos: Ferran Casanova / Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst