Alecia Moore sollte es eigentlich gut gehen. Möchte man zumindest annehmen. Sie ist stolze Mutter einer eineinhalbjährigen Tocher mit Namen Willow. Ihr neues Album „The Truth About Love“ (VÖ: 14.09.) ist auf dem Markt, sie geht demnächst auf Tour, und ihre Ehe mit Motocross-Fahrer Carey Hart läuft bestens. Aber die Frau, die sich Pink nennt, wäre nicht sie selbst, wenn sie mit allem zufrieden wäre. Seit Beginn ihrer Solo-Karriere vor über zwölf Jahren trägt sie eine gewisse Grundwut in sich. Ihr Entdecker L.A. Reid wollte sie verbiegen, das ließ sie nicht zu. Amerikanische Lokalpolitiker wollten ihr den Mund verbieten, dann schrie sie eben lauter. Ja, sie ist entspannter geworden – Töchterchen Willow sei Dank. Und doch erwacht die Rebellin in der 33-Jährigen immer wieder aufs Neue. Im Gespräch in einem Hotel am Strand von Santa Monica, Kalifornien, redet sie mit Ben Hiltrop unverblümt über die Nachrichten-Landschaft, über ungewöhnliche Wege des Frustabbaus und über den amerikanischen Hang zur Waffe.


chilli: Mrs. Moore, Sie sind nun seit einem Jahr Mutter eines Mädchens. Junge Mütter gelten eigentlich immer als die glücklichsten Menschen auf der Welt. Sind Sie glücklich?
Pink: So glücklich wie jetzt war ich noch nie. Aber keine Sorge, ich kann immer noch verdammt schnell wütend werden (lacht). Diese ganzen Hormone, die mein Körper durch die Schwangerschaft ausgeschüttet hat, kanalisieren meinen Ärger nun viel schneller. Oder um es so zu sagen: Jetzt habe ich immer einen Grund sauer zu sein.

chilli: Auf was sind Sie jetzt gerade wütend?
Pink: Auf jeden Fall auf die Nachrichten. Da ist immer etwas dabei, was mich tierisch aufregt. Mein Vorteil ist, dass ich prominent bin und mich nicht mit Problemen auseinandersetzen muss, mit denen sich „normale“ oder eben nicht-prominente Familien noch rumschlagen müssen. Aber im Prinzip ist es unmöglich, in dieser Welt da draußen glücklich zu werden.

chilli: Welche Nachrichten bereiten Ihnen die größten Sorgen?
Pink: Ich kann mir keine Berichte über misshandelte oder tote Kinder anschauen. Das zieht mich seit Willow noch mehr runter als vorher. Oder diese ganzen Schießereien, die es bei uns in den USA gerade gab: Das Kino-Attentat beim aktuellen Batman-Film in Aurora, der Amokläufer im Sikh-Tempel in Wisconsin, dann der menschenverachtende Bürgerkrieg in Syrien. Von Afrika gar nicht zu reden, mit den Dürreperioden und Hungersnöten. Und das geht schon seit Jahren so, es hört einfach nicht mehr auf. Dann warten wir nur noch auf die nächste Klimakatastrophe und haben alles zusammen. Schalten sie doch nur mal den Fernseher ein: Immer nur eine Tragödie nach der anderen.

chilli: Tragödien verkaufen sich besser als die guten Nachrichten …
Pink: Ist das nicht grauenhaft? Eine schlimme News reiht sich an die nächste. Himmel, wieso kann man nicht ab und an mal eine nette Nachricht durchgeben, damit alle sich wieder ein bisschen besser fühlen? Ich möchte eine Nachricht über den Kerl, der seiner alten Nachbarin über die Straße hilft. Ich möchte etwas über die geretteten Hundewelpen lesen. Warum interessiert sich dafür niemand mehr?

chilli: Je mehr Tote, desto mehr Quote. Was hilft Ihnen, um ihre Wut loszuwerden?
Pink: Schreiben. Nicht nur Songs, richtiges Schreiben meine ich. Ich führe über alle Ereignisse Tagebuch. Ob die jetzt gut oder schlecht sind. Wenn einen etwas beschäftigt: aufschreiben! Das ist eine der besten Methoden, um seine Gefühle zu kontrollieren. Mein Rat an alle, die auf jemanden wütend sind: Schreibt dem einen Brief! Der muss nicht abgesendet werden, er muss nur geschrieben werden. Schreiben hilft enorm.

chilli: Sie schreiben noch Briefe mit der Hand? Mailen Sie nicht?
Pink: Mir sind ein paar kleine Missgeschicke mit E-Mails passiert: Ich kam manchmal zu vorschnell auf den Sende-Button und habe Dinge geschrieben und verschickt, die ich beim zweiten Überlegen nicht unbedingt an die Personen geschickt hätte. Deswegen schreibe ich wieder Briefe. Ich bewege mich in der technischen Evolution rückwärts.


chilli: Bei wem müssen Sie sich für das Geschriebene vor allem entschuldigen?
Pink: Ich habe so viele schlimme Dinge zu so vielen Personen gesagt, ich wüsste gar nicht, wo ich da anfangen sollte. Das Dumme daran ist, dass ich in dem Moment immer davon ausgehe, dass meine Meinung die einzig richtige ist und ich das alles jetzt und auf der Stelle loswerden muss. Ich habe nie gelogen, das kann mir keiner vorwerfen. Aber vielleicht hätte ich einige Sachen anders oder netter formulieren können. Hey, aber ich versuche mich in der Hinsicht echt zu bessern.

chilli: In Zeiten von Youtube und der Streaming-Dienste: Wie planen Sie heutzutage ein Album? Setzen Sie sich bewusst hin und sagen: „So, das ist meine neue Single, und der Song wird als zweiter ausgekoppelt“?
Pink: Mittlerweile ja. Ich bin ja schon etwas länger im Showgeschäft und weiß einfach, wie ich wann am besten klinge. Ich weiß ganz genau, welche Lieder die Radiosender haben und hören wollen. Ich kenne das Spiel nur zu gut, und ich kann es auch spielen. Aber: Ich mache ein Album immer komplett und immer für diejenigen, die es sich am Stück anhören wollen und auch werden. Ich weiß, das klingt etwas platt, aber meine Fans werden sich mein Album von Anfang bis Ende anhören. Und sie hören sich wirklich meine Songs immer und immer wieder an. Ich sehe das immer wieder auf meinen Konzerten, wenn ich kurz mal eine Textpassage vergesse. Ich muss nur in die erste Reihe schauen und von den Lippen ablesen.

chilli: Welche News würden Sie morgen früh in der Zeitung lesen wollen?
Pink: Außer, dass ich die beste und tollste Mutter der Welt bin (lacht)? „Alle Waffen sind auf mysteriöse Art und Weise und ganz plötzlich von der Erde verschwunden und keiner weiß, wo sie abgeblieben sind. Und jetzt sind alle gezwungen, sich in der Not nur mit ihren eigenen Händen zu verteidigen.“

chilli: Die Waffenkultur gehört doch zur amerikanischen Mentalität dazu. Wie kann man es schaffen, diese Mentalität aus den Köpfen der Bürger herauszubekommen?
Pink: Vermutlich gar nicht. Meine ganze Familie hatte schon immer irgendetwas mit dem Militär zu tun. Mein Vater, meine Stiefmutter, mein Bruder. Ich habe von klein auf gelernt, wie ich eine Waffe abfeuere. Ich bin zu Hause als Kind mit Waffen aufgewachsen. Ich weiß, wie ich sie benutzen kann und auch muss. Die Mentalität in den USA hat auf jeden Fall mit der Zeit während des Unabhängigkeitskrieges zu tun, als man noch gegen die britische Kolonialherrschaft anging. Oder es ist die uramerikanische Hollywood-Angst vor einer Alien-Invasion. Dann muss man irgendwie seine Familie schützen (lacht).

chilli: Sie haben normalerweise Leibwächter um sich. Aber was machen Sie, wenn Sie mit ihrer Familie alleine zu Hause sind? Haben Sie eine Waffe zu Hause?
Pink: Ja, habe ich. Ich fühle mich um einiges besser und sicherer, weil ich zu Hause eine Waffe rumliegen habe. Wenn irgendjemand bei mir einbrechen sollte … keiner nimmt mir meine Tochter weg. Demjenigen werde ich weh tun. Und das gibt mir das gewisse Gefühl von Sicherheit. Aber andererseits mag ich dieses Gefühl auch wieder nicht. Ich habe eine gesunde Angst vor Waffen. Und ich denke, dass sich viele Waffen in den falschen Händen befinden. Waffen, wenn man sie falsch benutzt, können einfach einen ungeheuren Schaden anrichten. Voll- und halbautomatische Waffen sollten unter gar keinen Umständen verkauft werden dürfen. Ich habe aber leider keine Ahnung, wie man die Kontrolle hinbekommen sollte, wenn man die Mentalität nicht aus den Köpfen rausbekommt. Es ist die Aufgabe der Politiker, das zu regeln.


chilli: Wäre das nichts für Sie? Pink in die Politik?
Pink: Nein, bloß nicht. Das würde hinten und vorne nicht funktionieren.

chilli: Warum? Sie sind doch mit Herzblut bei der Sache?
Pink: Das schon, aber Politiker müssen lügen, um etwas zu erreichen. Und das kann ich nicht, ich sage immer die Wahrheit. Ich würde mit meinen Ansichten einfach nicht sehr weit kommen.

chilli: Sie haben sich bei der letzten Präsidentschaftswahl stark engagiert und mit „Dear Mr. President“ einen offenen „Song-Brief“ an den damals amtierenden Amtsinhaber George W. Bush geschrieben. Setzen Sie sich wieder ein?
Pink: Ich würde eigentlich schon gerne, nur dieses Mal bin ich etwas skeptisch, was das anbelangt. Aber ich unterstütze den amtierenden Präsidenten Barack Obama. Er braucht einfach mehr Zeit. Er musste von der letzten Regierung unter George W. Bush den ganzen Mist wieder aufräumen und versuchen, es halbwegs wiedergutzumachen. Diese ganzen Spinner, die ihm jetzt unterstellen, dass er nichts kann, sollten einfach alle mal die Klappe halten und ihm verdammt nochmal helfen.

Fotos: Andrew McPherson / Sony
Quelle: teleschau – der mediendienst