Zurück in Berlin – das gefällt Quentin Tarantino (49) sichtlich. Hier hatte der Filmemacher zuletzt „Inglourious Basterds“ (2009) gedreht: „Eine Zeit, die mich stark beeinflusste“, wie er im Interview mit Andreas Fischer versicherte. In der Tat: In seinem neuen Film „Django Unchained“ (Kinostart: 17. Januar) lässt Tarantino nicht nur einen deutschen Kopfgeldjäger (Christoph Waltz) auftreten, sondern macht aus einem ehemaligen Sklaven eine Art Siegfried der Südstaaten. Django (Jamie Foxx) will auf dem Kreuzzug gegen die Sklaverei vor allem eins: seine Broomhilda (Kerry Washington) retten. Ein unterhaltsamer Spaghetti-Western als Unterrichtsstunde über ein düsteres Kapitel der US-Geschichte: Das brachte Quentin Tarantino eine Menge Kritik ein. Was ihn jedoch kalt lässt: Er ärgert sich allerdings über die Ignoranz, mit der die Amerikaner seiner Meinung ihre eigene Geschichte verharmlosen.


chilli: Willkommen zurück in Berlin: Es ist ja irgendwie ein Heimkehr, oder?
Quentin Tarantino: Das stimmt. Und: Es ist schön, zurück zu sein. Leider habe ich nur Zeit für einen Kurzbesuch. Dabei würde ich doch gerne länger hierbleiben, um durch die Kneipen und Bars zu ziehen und um Freunde zu besuchen. Durch die Arbeiten an „Inglourious Basterds“ lebte ich hier ja längere Zeit. Eine wichtige Zeit, die sich natürlich auch in „Django“ widerspiegelt. Ich lebte damals in Kreuzberg, das ist immer noch mein Kiez.

chilli: Stimmt es, dass sie eine Menge Gewalt aus „Django“ rausgeschnitten haben, um den Film etwas zugänglicher für die Oscar-Jury zu machen?
Tarantino: Das habe ich nicht für die Academy gemacht, sondern fürs Publikum. Bei den ersten Testvorführungen waren die ohnehin drastischen Gewaltszenen noch plastischer, noch unerträglicher: Ich traumatisierte die Zuschauer. Also habe ich den Film ihren Reaktionen angepasst: Ich will, dass das Publikum den Film genießt und Beifall spendet, wenn das Haus am Ende in die Luft fliegt, Django lässig über die Schulter blickt und Broomhilda vorsichtig lächelt. Egal ob sie dafür tatsächlich in die Hände klatschen oder im Herzen applaudieren.

chilli: Wie sind denn Ihre Vorhersagen für die Oscars, wie viele Trophäen bekommt „Django“?
Tarantino: Ich erwarte zwar nichts, aber natürlich hoffe ich, dass es sehr viele sein werden, dass wir die meisten bekommen … Aber egal: Worauf ich bei diesem Film sehr stolz bin, ist die Achterbahn der Gefühle, auf die er das Publikum mitnimmt. Im Minutentakt gibt’s neue Emotionen. Darauf lege ich sehr viel Wert. Für den Preis einer Eintrittskarte sollte man den Zuschauern auch etwas bieten. Ich finde, „Django“ ist sehr, sehr witzig, aber auch brutal und rau mit an Grässlichkeit grenzenden Gewaltszenen. Es gibt romantische Szenen, Spannung und einfach unterhaltsame Übertreibungen.


chilli: Erneut spielt Christoph Waltz eine Hauptrolle: Wann haben Sie sich eigentlich in ihn „verliebt“?
Tarantino: Verliebt habe ich mich in ihn, als er zum Vorsprechen für die Rolle des Hans Landa in „Inglourious Basterds“ kam. Ganz einfach, weil es ohne ihn den Film nicht gegeben hätte: Hans Landa ist vielleicht die beste Figur, die ich jemals geschrieben habe. Im Casting-Prozess stellte ich jedoch fest, dass die Rolle vielleicht unspielbar war. Es gab niemanden, der sie ausfüllen konnte. Ich dachte sogar daran, den Film abzublasen. Ohne einen perfekten Hans Landa machte er einfach keinen Sinn. Doch dann kam Christoph, und ich wusste, dass ich den Film machen kann. Er gab mir sozusagen meine Figur zurück. Von da an war es einfach eine wundervolle Beziehung.

chilli: So, dass Sie ihm den Dr. Schultz in „Django“ auf den Leib schrieben?
Tarantino: Definitiv: Diese Rolle war von Anfang an für Christoph gedacht.

chilli: Sie vergleichen die Unterwerfung der indigenen Völker Nordamerikas und die Sklaverei mit dem Holocaust der Nazis an den Juden …
Tarantino: Und das ist es auch: Das ist meine felsenfeste Überzeugung. Sklaverei war ein Holocaust, der 245 Jahre andauerte. Auch die Ausrottung der indianischen Völker war ein Holocaust. Beides ist genauso schlimm wie der jüdische Holocaust oder Holocaust, den die Türken an den Armeniern verübten. Alle diese Gräueltaten haben ihre speziellen Charakteristiken, ihre speziellen Begleitumstände, sind in einer speziellen Zeit und unter speziellen gesellschaftlichen Voraussetzungen geschehen – aber sie waren einfach gigantische Verbrechen an der Menschlichkeit.

chilli: Sie beschwerten sich, dass sich in Amerika niemand mit den dunklen Kapiteln in der eigenen Geschichte beschäftigt: Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Tarantino: Die Menschen haben sich schon mit der indianischen Geschichte beschäftigt, auch weil es irgendwann kluge Filme darüber gab. Mittlerweile hat sich die Eigen-Wahrnehmung geändert, US-Amerika hat die Rolle, die es bei der Ausrottung der Indianer spielte, akzeptiert. Das war aber nicht immer so. Schauen Sie sich doch mal John Fords „Trommeln am Mohawk“ an – ein Pamphlet gegen „fucking“ Indianer, die das kriegen, was sie verdienen.


chilli: Wann hat das Umdenken begonnen?
Tarantino: Vorsichtige Anfänge gab es in den 50er-Jahren, richtig ernst wurde es aber erst während des Vietnam-Krieges: Damals entstanden Western wie „Little Big Man“, den ich in gewisser Weise als Schwesterfilm von „Django Unchained“ sehe. Das Kino hatte großen Einfluss darauf, dass sich der Blickwinkel der Amerikaner veränderte. Allerdings blieb keine Zeit, sich mit der Sklaverei zu beschäftigen. Ich glaube aber, dass Amerika, sowohl das weiße als auch das schwarze, die Sklaverei in 30 Jahren in einem komplett anderen Licht sehen.

chilli: Ihre Art, dieses Kapitel der US-Geschichte darzustellen, hat auf jeden Fall schon mal für heftige Diskussionen und Anfeindungen gesorgt …
Tarantino: Das ist mir völlig egal. Mein Film kann Debatten auslösen und kontrovers sein – das kümmert mich überhaupt nicht. Ich beschäftige mich mit Kritik, die den Film an sich betrifft: positive wie negative. Vielleicht kann ich mir da ja Anregungen holen. Aber Gesellschaftskritik ignoriere ich völlig: Nicht ein Vorwurf, der je gegen meine Filme vorgebracht wurde, hat auch nur ein Wort, nur ein Iota daran geändert, was ich in meine Drehbücher schreibe. Ich bin von dem, was ich tue und wie ich es tue, von ganzem Herzen überzeugt.

chilli: Wenn Sklaverei die größte Sünde der Vergangenheit ist, was ist die größte Sünde der Gegenwart?
Tarantino: Für mich sind das die Drogengesetze der Vereinigten Staaten: Die richten sich gegen Afroamerikaner, um sie einzukerkern. Sie sind der Grund dafür, dass es dem schwarzen Amerika auch nach den Erfolgen der Bürgerrechtsbewegung in den 60-ern bislang nicht möglich war, sein Potenzial auszuschöpfen. Wenn Amerika zu den Drogengesetzen der 70er-Jahre zurückkehren würde, kämen drei von vier Häftlingen aus dem Knast frei. Die Drogengesetze sind ein moderne Form der Sklaverei: Privatisierte und staatliche Gefängnisse tauschen Gefangene aus, um den Profit zu maximieren.


chilli: Zurzeit erfährt auch die Waffenlobby NRA wieder starken Zuspruch: Ist Amerika auf dem Weg zurück in Wild-West-Zeiten?
Tarantino: Nein, das glaube ich nicht. Dass jeder Amerikaner eine Waffe besitzen darf, finde ich persönlich auch richtig. Ich besitze selber eine: Weil ich alleine in einem Haus wohne und mich schützen will. Was ich allerdings äußerst gefährlich finde, sind automatische Waffen. Die Dinger sind doch ganz klar für militärische Zwecke bestimmt. Es gibt absolut keinen Grund, warum ein normaler Bürger ein Automatikgewehr besitzen muss, mit dem sich 40 Schuss in ein paar Sekunden abfeuern lassen.

chilli: Sie drohten damit, Ihren Job als Filmemacher wegen der zunehmenden Digitalisierung der Kinoindustrie an den Nagel zu hängen. Das meinen Sie doch hoffentlich nicht ernst?
Tarantino: Als Filmemacher habe ich keine Ehefrau, habe ich keine Kinder. Okay, manchmal war ich kurz davor. Aber im Endeffekt machte mir mein Beruf, meine Berufung einen Strich durch die Rechnung. Das ist überhaupt nicht schlimm, es war immer meine Entscheidung. Ich hätte sonst viele Sachen wohl nicht so gemacht, wie ich es im Endeffekt tat. Es ist eine Art Vereinbarung, die ich mit mir selbst traf – und damit habe ich niemals ein Problem gehabt. Das war es wert. Aber ich machte es für Film! Digitales Kino allerdings ist es nicht wert, auf Frau und Kinder zu verzichten! Digitales Kino ist nichts weiter als überproportioniertes Fernsehen – und dafür habe ich das alles nicht gemacht.

Fotos: 2013 Sony Pictures Releasing GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst