Gibt im Filmporträt “Messner” (Kinostart: 27.09.) Auskunft über sein Leben

Auch wenn er es selbst gar nicht wahrhaben will: Reinhold Messner, gerade 68 geworden (am 17. September), ist wahrscheinlich doch der Berühmteste unter den lebenden Bergsteigern. Seine Himalaya-Besteigungen sind legendär. Er revolutionierte die Kletterei, schnitt die alten, aus den 30er-Jahren stammenden Zöpfe ab. Er erfand die Ästhetik des Bergsteigens neu – Achttausender ohne Sauerstoff zu besteigen, möglichst schnell und, wenn möglich, allein. Die Fabel von Sisyphos, der den Felsblock immer wieder von Neuem den Berg hinauf zu rollen hat, der das aber in einer rebellischen Haltung und sogar mit dem Gefühl des Glücks tut, wird zum Leitmotiv in Andreas Nickels Dokufiktion „Messner“, die am 27. September in den Kinos startete. Wilfried Geldner hat mit ihm gesprochen.


chilli: Herr Messner, Sie haben alle Achttausender bestiegen, zu Fuß die Antarktis und Grönland durchquert und nicht weniger als 70 Bücher geschrieben. Von Ihnen stammen Sätze wie „Der Gipfel ist das Zurückkommen aus einer neuen Erfahrung.“ Welche Erfahrung machen Sie als Autor eigentlich mit dem Internet, das ja heutzutage fast alles sofort dokumentiert?
Reinhold Messner: Das Internet als solches ist schon informativ. Aber, Sie wissen ja, da brauchen nur zehn Leute eine Fehlinformation reinzuschmeißen, schon glauben es alle. Viele glauben ja, die Neuzeit der Kommunikation sei erst angebrochen. Ich halte sie für eher steril. Es gibt inzwischen die Möglichkeit, dass sich eine erfundene Figur A mit einer erfundenen Figur B unterhält, und es gibt sie beide nicht. Ich bin als Reinhold Messner achtmal bei Facebook vertreten, dabei bin ich selbst gar nicht drin.

chilli: Macht Ihnen das Internet als Buchautor Konkurrenz?
Messner: Autor sein ist ja heute etwas völlig anderes als vor 30 Jahren. Damals wusste man gar nicht, wo dieser Messner ist. Dann gab es eine Erfolgsmeldung bei einer erfolgreichen Besteigung oder eben das Gegenteil. Ein halbes Jahr später habe ich dann darüber ein Buch geschrieben. Heute müsste ich im Basislager ständig das Internet füttern. Ich werde weiter Bücher schreiben, schon um mein Gehirn zu trainieren, um Alzheimer vorzubeugen. Aber ich schreibe ja auch gern. Und meine Verleger sind immer noch interessiert.

chilli: Dem Film ist ein Sisyphos-Zitat von Camus vorangestellt, der Titelsong handelt vom Mann, der den Stein den Berg hinaufrollen muss, und den Grenzen, die er dabei überwinden will.
Messner: Ich habe das bei Camus früh gelesen, diese gegengebürstete Sisyphos-Version. Der Fels ist zu seiner Sache geworden: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Er fragt: „Was kümmert euch mein Fels?“, und: „Sagt nicht: Man darf dies und das nicht …! Lasst mir meinen Felsen, ich tu’ euch ja nichts.“ Das ist sehr nahe an meiner Lebenshaltung.

chilli: Lässt sich diese Sisyphosarbeit auch auf den frühen Tod Ihres Bruders Günther beziehen, der ja umkam, als Sie 1970 mit ihm gemeinsam den Gipfel des Nanga Parbat bestiegen?
Messner: Es ist eine Schlüsselstelle im Film und in meinem Leben. Vilsmaier hat ja in „Nanga Parbat“ schon die ganze Geschichte erzählt, so wie es damals wirklich war. Ich denke, dass das später ein Klassiker wird. Was den Tod des Bruders am Nanga Parbat betrifft: Das ist nicht das Schicksal des Sisyphos, aber es ist wie ein Rucksack, den ich mit mir trage, eine Verantwortung, die mir für immer bleibt.


chilli: Im Film zitiert einer Ihrer Brüder die verbreitete Meinung, Brüder müssten in großer Gefahr zusammenbleiben bis zuletzt, sie müssten angeseilt oder wenigstens nicht außer Rufweite sein. Trifft Sie dieser Vorwurf?
Messner: Das ist der Blick der Spießbürger auf das, was war. Die sagen: „Man hat ein Seil, man bleibt zusammen.“ Aber wenn es nicht möglich ist, dann ist es nicht möglich. Ein Seil hätte uns nichts genützt. Das ist Geschwätz, aber gut, Spießbürger dürfen das sagen. Es gibt ja an den Stammtischen auch Hunderttausende, die besser als Merkel wissen, wie man Griechenland und den Euro rettet.

chilli: Hat das Bergsteigen, wie Sie es betrieben, etwas mit Todesverachtung zu tun?
Messner: Nein. Ich versuche ja, dort wo man umkommen könnte, nicht umzukommen. Die Kunst besteht darin, nicht umzukommen. Gottfried Benn hat das Bergsteigen als „Widerstand gegen den herausgeforderten Tod“ bezeichnet.

chilli: In einer Archivaufnahme wirft Ihnen Luis Trenker unter anderem vor, nicht an „den Herrgott“ zu glauben. Wenn Sie ganz tief im Schlamassel steckten, haben Sie da schon einmal ein Stoßgebet verrichtet?
Messner: Wenn ich nicht mehr ein und aus wusste, dann habe ich mich relativ kühl verhalten und überlegt, was ich machen kann. Ich habe bisher immer einen Ausweg gefunden. Wobei ich das Jenseitige gar nicht ausschließen will. Ich bin kein Leugner einer jenseitigen Dimension. Aber wir können uns das Jenseitige nicht vorstellen, sonst wären wir Gott.

chilli: Sie sind der wohl berühmteste Bergsteiger unserer Zeit. Sehen Sie sich, sportiv gesprochen, auch als den besten?
Messner: Ich gehöre nicht zu den genialen Kletterern. Ich habe mich langsam nach oben trainiert und habe dabei meine Möglichkeiten voll ausgeschöpft. Die Verleger sprechen gerne mal vom „Erfolgreichsten“ oder vom „Berühmtesten“. Diese Superlative sind mir selbst aber fremd.

Fotos: Movienet
Quelle: teleschau – der mediendienst