„Iron Man 3“ (Kinostart: 1. Mai) sei eine tragische Komödie, und „die ist besser als bei Shakespeare“, stellt Robert Downey Jr. bei der Pressetour in München aufgeräumt fest. Zum vierten Mal, „The Avengers“ eingerechnet, zog sich der 48-jährige New Yorker den rot-goldenen Anzug an, um als Superheld durchs Kino zu fliegen. „Der Film erzählt von einer Reise, bei der Tony Stark nicht immer alles hat, was er braucht. Er muss verzichten lernen.“ Was auch für ihn selbst gelte, wie Downey Jr. unterstrich. Im Interview mit Claas Nielsen gab sich Hollywoods Superstar erstaunlich ernsthaft. Hatte er doch kurz zuvor bei der Pressekonferenz in standesgemäßer Tracht und mit größtmöglicher Schnoddrigkeit noch den großen Entertainer gegeben.

Robert Downey Jr.
chilli: Sie haben sich umgezogen. Wo sind die Lederhosen?
Robert Downey Jr.: Natürlich! Ich kann doch nicht dasselbe Outfit bei zwei Terminen tragen.

chilli: Im Film tragen Sie ein sehr spezielles Outfit: einen Anzug, der Sie schützen soll. Wie schützen Sie sich denn privat?
Downey Jr.: Mental diszipliniert zu bleiben, ist keine schlechte Idee. Wir haben als Abendländer ein merkwürdiges Verhältnis zur Sicherheit. Ein Beispiel: Im Westen ist man immer darauf bedacht, das neueste, sicherste Auto zu fahren und Kleinkinder in die besten Kindersitze zu setzen. Dann fährt man aber mal nach Bali und sieht: Die Leute fahren zu zwölft auf einem Moped an Dir vorbei, mit einem Baby unter dem Arm. Und nichts passiert. Da fragt man sich, was Sicherheit eigentlich bedeutet.

chilli: Wann mussten Sie zuletzt ihre private Schutzzone verlassen?
Downey Jr.: Jeden Morgen versuche ich, einen Weg zu finden, alle Termine abzusagen, um in meiner Schutzzone bleiben zu können! Und jeden Morgen muss ich mich unter großer Kraftanstrengung überwinden, sie zu verlassen. Das sind harte Verhandlungen mit mir selbst, bei denen ich mich selbst überzeugen muss, dass es nicht schlecht ist, einen Kaffee zu trinken, ein wenig Sport zu treiben und irgendwann zu arbeiten. So wie heute früh, als ich um 4.45 Uhr von den Tauben auf dem Dach geweckt wurde.

chilli: Ist es als Star einfacher oder schwieriger, sich selbst zu schützen?
Downey Jr.: Weder noch. Wenn man berühmt ist, kann man gewisse Dinge von sich fernhalten und Freiräume errichten. Das ist aber ein langer Prozess. Die meisten Leute, mich eingeschlossen, kämpfen jahrelang, um sich diese Freiheiten zu schaffen. Ich habe lange Zeit vor allem Räume für andere geschaffen, bei der Arbeit, in Beziehungen. Aber: Wenn man nur an andere denkt, leidet man irgendwann.

Robert Downey Jr. und Gwyneth Paltrow.
chilli: Gwyneth Paltrow durfte zum ersten Mal den Iron-Man-Anzug tragen und war völlig überwältigt. Wie ist das nach insgesamt vier Filmen für Sie?
Downey Jr.: Ich lasse mich nicht völlig auf die Superkraft ein, die in diesem ikonischen Kostüm steckt. Vielleicht ist das eine Art Selbstschutz. Mein Schauspiellehrer trichterte mir ein, eine gewisse Distanz zu den Figuren zu wahren. Sonst würde ich keine Rolle spielen, sondern wäre nur jemand, der sich selbst spielt. Und wäre verloren. Glauben Sie mir, ich weiß wovon ich rede. Ich war selbst verloren. Jetzt schaue ich mir die Plakate an, erkenne mein Gesicht und bin froh, dass ich mich als Arbeiter unter lauter anderen Arbeitern begreifen kann.

chilli: Als Schauspieler müssen Sie aber trotzdem bis zu einem gewissen Grad selbstverliebt sein …
Downey Jr.: Das bin ich auch. Es kommt immer auf die Balance an.

chilli: Was ist die wahre Stärke eines Mannes, der kein Superheld ist?
Downey Jr.: Wort zu halten und zu schätzen, was man tut. Man muss Regeln akzeptieren, aber auch wissen, wenn es Zeit ist, sie zu brechen. Im Leben kommt es auf Flexibilität an.

chilli: Sie haben vor Ihrer Ankunft Pläne gemacht, was Sie in München sehen wollen. Wie helfen Ihnen „touristische“ Ausflüge, aus Ihrer Rolle als Filmstar auszubrechen?
Downey Jr.: Das mache ich noch nicht so lange. Früher blieb ich grundsätzlich im Arbeitsmodus. Jetzt bin ich älter und gelassener, und ich weiß, dass ich die Ausstellung im Haus der Kunst nie wieder sehen werde.

chilli: Sie haben bei der Pressekonferenz mit Ihrem Alter kokettiert: Sie werden bald 50 und müssten nun anfangen, Dinge loszuwerden …
Downey Jr.: Eine Bekannte hat uns oft nur mit einem Mini-Köfferchen besucht. Ich fragte mich immer, wie sie es anstellt, mit sehr wenig sehr gut auszukommen. Bis ich drauf kam, dass es wichtig ist, sich regelmäßig von unnützem Ballast zu befreien.

chilli: Auch wenn Filmstars niemals altern: Haben Sie trotzdem Angst vor dem Älterwerden?
Downey Jr.: Ach was. Ich will auf keinen Fall anfangen, mir irgendwelche Substanzen unter die Haut zu spritzen. Das wäre ein Ausdruck von Ängstlichkeit. Ich verdamme allerdings niemanden, der das macht. Mit Neurosen, Narzissmus, mit dem Ego kenne ich mich bestens aus. Aber ich finde es ermüdend, etwas aufhalten zu wollen, was unaufhaltbar ist. Auf der anderen Seite weckt das Alter auch ein bestimmtes Verlangen, noch einmal so viel wie möglich zu erleben. Auch das finde ich nicht richtig. Ich denke, ich werde es mit Fassung ertragen und mich benehmen.

Robert Downey Jr.
chilli: Was treibt Sie denn mehr an: Angst oder Begierde?
Downey Jr.: Wer sich von Begierde treiben lässt, liefert sich einem Leiden aus, das erst gestillt ist, wenn das Verlangen erfüllt wurde. Schrecklich. Angst ist aber genauso schlimm: Da fehlt der Glaube an die eigene Stärke. Was mich antreibt, ist vielmehr Vertrauen.

chilli: In Sie selbst?
Downey Jr.: Eigentlich nicht. Ich bin ja nur ein Teil dieses großen Experiments, das wir Leben nennen. Ich vertraue aber dem Experiment. Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut es im Prinzip läuft, wie viele gute, ehrliche Menschen es gibt und wie vergleichsweise wenig schreckliche Dinge auf dieser unübersichtlich großen Welt geschehen.

chilli: Sie sind als „Iron Man“ und „Sherlock Holmes“ der Star in zwei sehr erfolgreichen Filmreihen, werden von Kritikern bejubelt und vom Publikum geliebt. Wie bleiben Sie da auf dem Boden? Vor allem wenn man bedenkt, dass Sie vor 20 Jahren Probleme hatten, mit Erfolg umzugehen …
Downey Jr.: Großer Erfolg und großer Misserfolg sind nur Illusionen. Ihre Wichtigkeit ist zeitlich stark begrenzt. Jetzt gerade hört mir jeder zu, vor einiger Zeit interessiert es niemanden, dass mein Leben den Bach runterging. So schnell kann das gehen.

chilli: Was hat Ihnen geholfen, sich von den Rückschlägen als junger Mann zu erholen?
Downey Jr.: Das Leben. Es passiert einfach. Rückblickend scheint es immer einfach, gewisse Fixpunkte auszumachen. Aber das ist Blödsinn. Dinge geschehen, ohne dass man sie erklären kann oder sollte. Warum man sich verliebt, zum Beispiel. Oder wie Babys entstehen. Damit meine ich nicht den Zeugungsakt, sondern das Wunder Leben. Was für mich gut war, weiß ich also nicht. Es ist auch nicht wichtig, weil es ohnehin kein allgemeingültiges Rezept gibt. Was ich weiß, ist nur: Wenn man die Welt nicht als potenziell gefährlichen, dreckigen Ort begreift, geht’s einem viel besser.

Quelle: teleschau – der mediendienst
Fotos: Concorde Filmverleih / Kurt Krieger 2013