Mit dem letzten, ihrem dritten Album „American Slang“ (2010) feierten The Gaslight Anthem den kommerziellen Durchbruch: Die US-Band heimste weltweit Top-20-Chartsnotierungen ein, in Deutschland schaffte es das Album sogar auf Platz acht. Seitdem zählt das Quartett aus New Jersey zu den großen Rockhoffnungen der USA. Ihr klassisch amerikanischer Gitarrensound und die wilde, Punk-nahe Gesangsart von Frontmann Brian Fallon haben der Band aus New Jersey viele Fans eingebracht. Der wohl prominenteste: Bruce Springsteen. Der „Boss“ ließ es sich auch nicht nehmen, zusammen mit The Gaslight Anthem aufzutreten. Jetzt erscheint mit „Handwritten“ Album Nummer vier. Sänger Brian Fallon und Gitarrist Alex Rosamilia machen im Interview mit Erik Brandt-Höge mehr als deutlich, dass ihr Weg noch weiter nach oben führen soll.


chilli: Es heißt, mit „Handwritten“ wollten Sie einen Neustart wagen und alle zuvor aufgenommenen Alben vergessen. Konnten Sie auch den Erfolg vergessen, den Sie damit hatten?
Fallon: Absolut! Wobei man ja vor jeder Veröffentlichung auf eine Weise neu anfängt. Man weiß nie, ob ein Album erfolgreich sein wird oder nicht. Und wenn man sich dann noch klanglich verändert, kann man erst recht nicht sicher sein, ob einem die Leute noch folgen werden. Unser Ziel war auch dieses Mal: keine Wiederholungen. Wir wollen immer auf der Suche nach Neuem sein.

chilli: Dieses Neue haben Sie in Nashville gesucht, dort wurde „Handwritten“ aufgenommen. Warum gerade Nashville?
Rosamilia: Wir wollten einfach mal raus. Das letzte Album nahmen wir in New York auf. Und da wir alle in der Gegend wohnten, kamen immer mal wieder Freunde rum, wir hatten regelmäßig Besuch, und abends ging dann jeder für sich nach Hause. Das alles hat unsere Musik extrem beeinflusst. Deshalb wollten wir jetzt weg von allen, die wir kennen, raus aus unserem gewohnten Umfeld. Wir wollten uns nur auf dieses Album konzentrieren.

chilli: Insgesamt waren Sie fünf Wochen in Nashville. Wie muss man sich Ihr Zusammensein dort vorstellen?
Rosamilia: Wir mieteten uns ein Haus, in dem wir alle zusammen wohnten. In Nashville waren wir eigentlich immer zusammen, was einiges einfacher machte. Morgens gingen wir zusammen ins Studio, abends wieder zusammen zurück, und dann haben wir uns noch lange über das Erarbeitete unterhalten, Dinge überdacht, herumgedreht.

chilli: Keine nächtlichen Ausflüge in die alten Whiskeybars der Stadt?
Rosamilia: (lacht) Nein, wir sind einfach nur tagsüber ins Studio und abends zurück ins Haus, das war’s. Wirklich!
Fallon: Wir haben einfach nur gearbeitet, so ziemlich rund um die Uhr.


chilli: Konzentrierten Sie sich dieses Mal sehr darauf, nicht nach Bruce Springsteen zu klingen? Kritiker haben sich an dem Vergleich ja schon lange festgebissen …
Fallon: Ich glaube, wenn man eine Platte mit dem Ziel aufnimmt, bloß nicht wie jemand anderes zu klingen, bewegt man sich auf gefährlichem Terrain.

chilli: Die ständigen Vergleiche störten Sie also nicht?
Fallon: Wenn jemand findet, dass wir uns anhören wie der oder der, finde ich das vollkommen okay. Wir werden nicht anfangen und uns verändern, nur um diese Vergleiche zu umgehen. Es ist doch so: Jede Band fragt sich zu Beginn ihrer Karriere, wie sie klingen will. Und dann gibt sich jeder in der Band Mühe, dieses Ziel auch zu erreichen. Wenn man dann aber ein paar Alben aufgenommen hat, fängt man ganz automatisch an, einen anderen, eigenen Sound zu entwickeln. Das passiert einfach – das war auch bei Bruce Springsteen so! Seine ersten beiden Alben klingen durchgehend wie Van Morrison und Bob Dylan. Und ich kann das wirklich behaupten – ich kenne seine Platten besser als jeder andere.

chilli: Eines hat Ihr neues Album dennoch mit den Vorgängern gemein: Es gibt eine sehr euphorische, rockige Seite und eine sanfte, melancholische. Versuchen Sie immer, dass sich beide Stimmungen die Waage halten?
Fallon: Auch das passiert ganz natürlich und entspricht unserem Lebensstil. Es ist spannend, seine Songs live vor einem Publikum spielen zu können, das immer größer wird. Aber wenn wir berühmter werden, bedeutet das auch, dass wir öfter weg von zu Hause und getrennt von unseren Familien sind. Das alles ist Genuss und Schmerz zugleich, geradezu bittersüß. So wie früher. Wir sind alle mit unseren Familien aufgewachsen – aber alle waren arm. So ist das Leben, und so sind auch diese Songs. Traurig und glücklich zugleich.


chilli: Haben Sie im Zuge des Berühmterwerdens bewusst den Albumtitel „Handwritten“ gewählt? Etwas Bodenständiges?
Fallon: Während wir ja momentan wirklich immer größer werden, wollen wir doch auch gleichzeitig näher an unser Publikum herankommen. Wir wollen so persönlich wie möglich sein – und was könnte persönlicher sein, als jemandem einen Brief zu schreiben oder ein Tagebuch zu führen? Ich habe alle Songs in ein Notizbuch geschrieben. Texte, Fehler, Änderungen – alles ist in diesem einen Buch. Dieses Album hat sich am Ende fast von selbst betitelt.

chilli: Sie gelten als besonders ambitioniert. Ist Ihr Hunger nach Erfolg mit den Jahren noch größer geworden?
Fallon: Ich habe von Anfang an nach den Sternen gegriffen! Ich stehe auf The Who und die Rolling Stones – ich will auch nach ganz oben. Meine Ambitionen richten sich aber immer nach dem, was in meinen Augen auch möglich ist.

chilli: Es heißt, Ihr Ziel sei es, eines Tages auf dem Cover des amerikanischen „Time“-Magazins zu sein …
Fallon: Klar – warum auch nicht! Ich würde gerne auf allen Coverseiten sein! Ich wäre auch sofort dabei, wenn Sie es mir anbieten würden – wir könnten direkt die Fotos machen. Und mal ehrlich: Es wäre doch cool, wenn man zu seiner Mutter gehen und sagen könnte: Check it out, Mum! Ich bin auf dem Titel des „Time“-Magazins!

chilli: Woher denken Sie kommt dieser Ehrgeiz?
Fallon: Ich kümmere mich nicht darum, ob die Leute sagen, wir seien der neue Bruce Springsteen. Wen interessiert’s? Ich will einfach nur etwas tun, das die Leute großartig finden. Etwas, das besser ist als der Durchschnitt. Durchschnitt ist das Schlimmste! Lieber möchte ich, dass die Leute mich lieben oder hassen.

Fotos: Ashley Maile / Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst


Info:
The Gaslight Anthem auf Deutschland-Tournee:


18.08., Lüdinghausen, Area 4
19.08., Leipzig, Highfield Festival
22.08., Chiemsee, Chiemsee Rock
25.10., Köln, E-Werk
27.10., Frankfurt, Jahrhunderthalle
28.10., München, Zenith
31.10., Stuttgart, LKA Longhorn
01.11., Hamburg, Sporthalle
02.11., Berlin, Columbiahalle
03.11., Saarbrücken, Garage