Der professionell schrullige Regisseur Tim Burton meldet sich mit dem Stop-Motion-Puppenfilm „Frankenweenie“ (Start: 24.1.) zurück. Doch das ist nicht alles: Er drehte den animierten Disney-Spaß in Schwarz-Weiß und 3D. Das visuell überwältigende Ergebnis ist ein Horrorfilm für Kinder und erzählt die Geschichte des jungen Victor Frankenstein, der mit einem wissenschaftlichen Experiment seinen geliebten Hund Sparky wieder zum Leben erweckt. Dadurch zieht er nicht nur den Neid seiner mobbenden Mitschüler auf sich, sondern sorgt auch für monströse Konsequenzen. Tim Burton, 1958 in Kalifornien geboren, realisierte die Geschichte bereits 1984 als Kurzfilm mit echten Darstellern. Beim Interviewtermin mit Peter Fuchs in London verriet er die Gründe für sein erneutes Interesse an diesem Stoff, sprach über seine Ähnlichkeiten mit Victor und über die Dinge, die ihn besonders inspirieren.


chilli: Warum beschäftigen Sie sich so lange mit dem Stoff zu „Frankenweenie“?
Tim Burton: Er ist für mich einer der interessantesten. Mit einer Beziehung zu einem Lieblingshaustier erfährt ein Kind zum ersten Mal, was bedingungslose Liebe bedeuten kann. Das Kind geht aus dem Haus, kommt wieder heim und wird so begrüßt, als wäre es drei Jahre lang weg gewesen. Und weil Tiere in der Regel nicht so lange leben, ist es auch die erste Erfahrung mit dem Tod.

chilli: Hatten Sie einen Hund?
Burton: Ja. Das ist etwas anderes, als wenn man einen Goldfisch hat, oder? Hätte ich diese bedingungslose Liebe mit einem Goldfisch erfahren, dann hätte ich als Kind vielleicht Hilfe benötigt (lacht). Ich war fünf als ich den Hund bekam. Er sah zwar nicht aus wie Sparky, ich hatte aber die gleichen Gefühle für ihn. Er starb, als ich neun Jahre alt war. Dieses emotionale Trauma, das geliebte Tier zu verlieren, verband sich für mich dann ganz einfach mit dem Frankenstein-Motiv. Diese Story zeigt ja auch ein Art von Liebe. Sie ist nur etwas schräger gelagert.

chilli: Hat der Film also eine stark biografische Komponente?
Burton: Durchaus. Es machte Spaß, ihn aus echten Erinnerungen entstehen zu lassen. Ich zitiere darin Filme, die ich mochte, als ich noch klein war. Es geht sogar soweit, dass ich das Aussehen meines damaligen Klassenzimmers imitiere. Ich hatte auch Lehrer, bei denen ich kein Wort verstand. Die selbstgedrehten Super-8-Filme von Victor liegen ja auf der Hand, aber ich hatte auch den Berufswunsch „Verrückter Wissenschafter“.

chilli: Waren Victors Gefühle auch die Ihren zu dieser Zeit?
Burton: Ich wuchs ebenfalls mit dem Gefühl auf, dass ich einsam bin – eine Grundstimmung, die wohl viele Kids haben. Keiner versteht dich, du bist anders und all das. Gleichzeitig fühlte ich mich auch normal, was immer ‘normal’ auch heißen mag. Mir war nur unverständlich, warum mich die anderen so behandelten. Genau das versuchte ich in Victor zu reflektieren. Er ist zwar ein Einzelgänger, aber auch das normalste Kid in dieser Schule.


chilli: Rächen Sie sich mit Frankenweenie auch an Mitschülern, die vielleicht nicht so nett zu Ihnen waren?
Burton: Natürlich nicht, so etwas kann man doch nicht zugeben (lacht). Aber wer weiß, wenn man vielleicht ganz tief unten mal nachschaut … Also, ich würde es nicht laut sagen, aber es ist sicherlich möglich (grinst).

chilli: Die fiese Charakterisierung der unterschiedlichen Typen ist Ihnen aber sehr gut gelungen.
Burton: Danke. Für eines der Kids stand Peter Lorre Pate, ein anderes ist ein wenig wie Boris Karloff. Ein Mitschüler sieht wie aus einem japanischem Science-Fiction-Film aus. Das war das eine Element, aber alle Kids basieren auch auf realen Typen oder einer Kombination aus zweien. Ich kann mich definitiv an ein ziemlich seltsames Mädchen erinnern. Eigentlich waren es sogar mehrere. (lacht)

chilli: Kommt Ihre Inspiration immer aus Ihrer Kindheit oder erhalten Sie auch Impulse von aktuellen Ereignissen?
Burton: Die ersten Inspirationen ereilen einen ganz früh im Leben und diese frühen Eindrücke verlassen einen nie mehr. Die ersten Erfahrungen sind meistens die intensivsten, man erinnert sich auch am besten daran. Klar, ich zehre davon, aber ich versuche auch, mich jeden Tag aufs Neue inspirieren zu lassen. Es ist wichtig, für Überraschungen offen zu sein.

chilli: „Frankenweenie“ spart auch keine gruseligen oder sehr traurigen Szenen aus. Glauben Sie, dass Kinder damit gut klar kommen?
Burton: Ja, schon. Ich bin mir sicher, dass einige Szenen für Erwachsene und vielleicht auch für Disney ein wenig unbequem sind. Aber es sind nur wenige. Am Ende des Tages ist „Frankenweenie“ dann doch wieder ein Disneyfilm. Viele Leute haben vergessen, wie sie als Kinder „Bambi“ gesehen haben. Dort geht es auch ganz schön zur Sache. Für mich ist es wichtig, dass alle durch ein paar Emotionen durchmüssen, um dorthin zu kommen, wo wir mit unserem Film hinwollten.


chilli: Im Gegensatz zu anderen Filmen des Genres ist die Wissenschaft bei Ihnen positiv besetzt. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Burton: Wissenschaft und Technik können immer sowohl für das Gute als auch für das Böse eingesetzt werden. Für mich ist Wissenschaft mehr ein Symbol dafür, über etwas kreativ und leidenschaftlich nachzudenken, quasi außerhalb der Norm zu denken.

chilli: Nach „The Nightmare Before Christmas“ und „Corpse Bride“ drehten sie wieder einen Stop-Motion-Film. Profitierten Sie von der Weiterentwicklung der Technologie?
Burton: Die Technologie mag sich weiter entwickelt haben, aber im Grunde ist die Technik gleich geblieben, und das liebe ich daran. Es ist wie eine Rückkehr zu den Wurzeln des Kinos. Ein Puppenspieler bewegt eine Puppe in 24 Frames pro Sekunde. Auch wenn man das Rundherum mittels Technologie neu und besser machen kann, bleibt es im Kern das Gleiche. Sobald die Puppe zum Leben erweckt wird, sind alle aufgeregt. Es ist wie Zauberei, und deshalb komme ich immer wieder gerne darauf zurück.

Fotos: 2012 Disney Enterprises / Alberto E. Rodriguez / Leah Gallo
Quelle: teleschau – der mediendienst