1993, vor 20 Jahren, schlossen sich in Hamburg drei Studenten zu einer Band namens Tocotronic zusammen. Vom Underground-Phänomen der „Hamburger Schule“ wurde man zur Stimme einer gewissen studentischen Jugendkultur. Später dann eine fast schon solitäre Institution erratischer Pop-Intelligenz. So in etwa lassen sich die Stationen der mittlerweile Forty-Something-Band benennen. Passend zu diesem fast schon unglaublichen Weg: „Schall und Wahn“, das letzte Album der schon lange zum Quartett angewachsenen Band, landete im Januar 2010 auf Platz eins der deutschen Albumcharts. Nun erscheint der Nachfolger „Wie wir leben wollen“. Ein Album, das mit der Technik der Beatles oder Beach Boys aufgenommen wurde und vom Körper und dessen Befreiung erzählt, wie Sänger und Texter Dirk von Lowtzow im Interview erklärt.


chilli: Sie singen auf dem neuen Album viel vom verfallenden Körper. Ist „Wie wir leben wollen“ das erste offizielle Ü-40-Album von Tocotronic?
Dirk von Lowtzow: Das erste Stück „Im Keller“ fängt mit den Worten an: „Hey, ich bin jetzt alt. Bald bin ich kalt“. Das ist ja zunächst mal eine Tatsache. Im Rockkontext ist man mit über 40 verhältnismäßig alt. Zumindest glaubt man es zu sein, denn mittlerweile hat sich das alles ein wenig verändert. Durch die Kanonisierung der Rockmusik gibt es jetzt ja ganz viele Rocker über 60 und 70 (lacht).


chilli: Trotzdem heißt in dem Stück auch, dass im Keller schon die Version heranreift, die einen ersetzt. Klingt schon ein wenig nach Abgesang auf die eigene Rolle als ehemaliges Sprachrohr einer Jugendbewegung …
von Lowtzow: Ich finde die Idee, ersetzt zu werden, ganz tröstlich. Wir wollten mit dem Verfall spielerisch umgehen und dachten uns: Hm, vielleicht wächst ja im Keller eine Pflanze heran, in deren Hülle oder Schote eine Version von einem wächst (lacht). Ich finde die Idee super. Auf dem Album geht es auch darum, dass es vielfältige Identitäten gibt. Vielleicht haben wir ja auch nicht nur diesen einen Körper, sondern mehrere. Vielleicht ist der Körper auch nur eine Durchgangsstation.


chilli: Handeln die 17 Stücke von „Wie wir leben wollen“ von dieser These?
von Lowtzow: Es gibt auf dem Album zwei große Themen: Körper und Befreiung. Ich hatte keine Lust mehr, über Widerstand zu singen, was ja lange Zeit ein großes Thema bei uns war. Von Liedern wie „Freiburg“ bis „Aber hier leben, nein danke“. Ich fand die Haltung des Widerständlers irgendwann durchaus problematisch, weil das ja auch eine sehr reaktionäre Haltung sein kann. Heute interessiere ich mich mehr für solche unpopulär gewordenen Begriffe wie Emanzipation.


chilli: Können Sie sich an Ihre erste Textzeile erinnern, die alt klang?
von Lowtzow: Die Frage verstehe ich nicht.


chilli: Tocotronic galten immer als junge Band. Als Stimme einer bestimmten Jugendkultur. Lässt sich ein Moment benennen, an dem das aufhörte?
von Lowtzow: Ich sehe das anders. Ich finde gerade unsere frühen Texte gar nicht so schrecklich jung. Passend dazu wurde uns damals eine gewisse Altklugheit attestiert. Dieses ewige Meckern und Nörgeln hatte ja auch etwas Frühvergreistes. Eine unserer ersten Platten hieß „Wir kommen um uns zu beschweren“. Das ist eigentlich schon eine Persiflage auf Rebellion und Protestkultur. Beschweren tut sich normalerweise der grantelige Nachbar und nicht der jugendliche Rebell. Nein, so richtig jung waren unsere Texte nie. Ich habe eher das Gefühl, wir werden immer jünger, ja fast kindlich.



chilli: Welche kindlichen Momente gibt es auf „Wie wir leben wollen“?
von Lowtzow: Im Lied „Abschaffen“ geht es darum, den Tod abzuschaffen. „Chloroform“ hat in seinem Plädoyer gegen Verantwortung auch etwas sehr Kinderliedhaftes. Oder auch unsere Hinwendung zum Plüsch im Lied „Neue Zonen“, in dem wir uns zu unserer sexuellen Orientierung als Plüschophile bekennen. Das finde ich alles nicht sonderlich männlich oder erwachsen.


chilli: Tocotronic existieren nun seit 20 Jahren. Was war in der Erinnerung besser – die ersten oder die zweiten zehn Jahre?
von Lowtzow: Zunächst mal muss man sagen, dass jede langlebige Band irgendwie schematisch in Phasen stilisiert wird. Erst bist du der ewige Newcomer und dann ganz plötzlich ein „Elder Statesman“. Dazwischen gibt es nichts. Ich persönlich finde die zweiten zehn Jahre angenehmer. Weil es schöner ist, als Institution wahrgenommen zu werden, auch wenn das Wort schrecklich klingt. Früher wurden wir immer so rein phänomenologisch gelesen. Es hat irgendwann genervt – das „Phänomen Tocotronic“. Angefangen von den Klamotten bis hin zu einer bestimmten Art Sprache. Zu Beginn hat uns das amüsiert, weil wir diese Ebene als Band ja auch immer mitgedacht haben. Wir stilisierten uns anfangs sogar als eine Art Fake-Band. Irgendwann war es gut damit. Die „Stimme einer Generation“ zu sein, hat aber schon immer genervt. Da waren wir sehr froh, als das vorbei war.


chilli: Vor Kurzem veröffentlichte Bryan Ferry ein Album, das klingt, als wäre es in den 20-ern aufgenommen worden. „Wie wir leben wollen“ ist auf einer Vierspur-Bandmaschine aus dem Jahr 1958 entstanden. Klang früher alles besser?
von Lowtzow: Zunächst mal ehrt uns jeder Vergleich mit Bryan Ferry. Er ist schließlich für die Original-Tocotronic-Frisur verantwortlich, und wir sind alle Fans von ihm. Unser Ansatz ist jedoch ganz anders. Wir wollten kein Retro-Album machen, sondern mit Hilfe dieser Technik ein zeitgemäßes, wenn nicht sogar futuristisches Werk erschaffen.


chilli: Das müssen Sie erklären.
von Lowtzow: Nun, diese alten Ein-Zoll-Bänder, auf denen man damals aufgenommen hat, sind in der Art, wie sie Sound wiedergeben, immer noch unübertroffen. Für uns ist das die bestmögliche Qualität. Wir haben in einem Studio in Berlin so ein altes Telefunken-T9-Bandgerät gefunden, von denen es nur noch ganz wenige auf der Welt gibt. Dass diese Bandmaschine gut klingt, sozusagen eine tolle Auflösung hat, ist in Tontechniker-Kreisen eigentlich bekannt. Das hat also nichts mit gewollter Patina zu tun, wie vielleicht bei Bryan Ferry. Die Beatles oder Beach Boys nahmen ihre großen, späteren Alben auch auf diesem oder einem vergleichbaren Gerät auf. Und es wird wohl niemand behaupten, dass diese Musik schlecht klang.



chilli: Vor 20 Jahren veröffentlichten Tocotronic ihr erstes Album „Digital ist besser“. Würden Sie jetzt widersprechen? Ist also eigentlich analog besser?
von Lowtzow (lacht): Ja, das kann man sagen. Da haben wir doch immerhin über die 20 Jahre etwas gelernt. Der Spruch „Digital ist besser“ war damals eher als Witz gemeint. Einfach etwas raushauen, das Anfang der 90-er jeder so unbedacht daher sagte oder dachte. Ohne Bescheid zu wissen. Weil es bei unserem alten Indie-Label Lado nicht genug Geld gab, um gleichzeitig eine Vinylplatte und eine CD zu machen, haben wir uns wir die neue, hochgelobte CD entscheiden. Der Albumtitel war ein Gag, der auf diesen Umstand anspielte.


chilli: Können Sie sich vorstellen, dass Tocotronic noch weitere 20 Jahre existieren?
von Lowtzow: Wenn es der Rücken mitmacht (lacht). Nein, uns bringt es Spaß – warum sollen wir also Schluss machen? Mein Gott, das klingt jetzt natürlich auch sehr alt. Tatsächlich hatten wir in der Bandgeschichte oft das Gefühl, dass das gerade aktuelle Album auch das letzte ist. Aber dann vermissen wir uns total und wollen wieder etwas zusammen auf die Beine stellen. Wir haben einfach eine ganz tolle, intensive Freundschaft. Dazu kommt, dass wir nicht sonderlich egofixiert sind. Vielleicht ist dies das Geheimnis, warum es die Band schon so lange gibt und die meisten anderen um uns herum sich aufgelöst haben.


Tocotronic auf Deutschland-Tournee:


27.01., Berlin, Lido
28.01., Hamburg, Thalia Theater
01.02., Dortmund, FZW Visons Party
06.03., Bremen, Modernes
07.03., Düsseldorf, Zakk
08.03., Heidelberg, Halle 02
10.03., Freiburg, Haus der Jugend
12.03., Stuttgart, LKA
13.03., Offenbach, Capitol
14.03., Münster, Jovel Music Hall
15.03., Hamburg, Große Freiheit
03.04., Hannover, Capitol
04.04., Köln, E Werk
05.04., Würzburg, Posthalle
06.04., München, Tonhalle
11.04., Erlangen, E Werk
12.04., Leipzig, Haus Auensee
13.04., Dresden, Schlachthof
14.04., Berlin, Columbiahalle


Fotos: Sabine Reitmaier / Michael Petersohn / Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst