Obwohl er sein Hauptrollendebüt auf der Kinoleinwand 2001 in dem Psychothriller „Das Experiment“ gab, galt Wotan Wilke Möhring lange Zeit als der coole Typ fürs Kalauerfach: Komödien wie „Lammbock“ (2001), „Goldene Zeiten“ (2006) und „Hardcover“ (2008) etablierten den heute 45-jährigen Schauspieler als smarten Sprücheklopfer. Dass Möhring auch anders kann, bewies er nachhaltig in Kino- und Fernsehproduktionen wie „Antikörper“, „Pandorum“ und besonders dem Drama „Das letzte Schweigen“, in dem er einen pädophilen Familienvater spielt. Möhring selbst wird bald zum dritten Mal Papa und lebt mit seiner Freundin in Köln. Die größte berufliche Aufgabe steht ihm aber noch bevor: Im Juli gab der NDR bekannt, dass Möhring nach Til Schweiger die zweite prominente Neubesetzung im norddeutschen „Tatort“ werden wird. Zuvor ist Wotan Wilke Möhring aber noch in der Liebeskomödie „Mann tut was Mann kann“ im Kino zu sehen. Fabian Soethof hat mit ihm gesprochen.

chilli: Herr Möhring, Ihr neuer Film „Mann tut was Mann kann“ ist eine Liebeskomödie. Wie gefällt er Ihnen?
Wotan Wilke Möhring: Es ist zugegeben schwierig, einen ungemischten Film zu sehen. Ich fand ihn aber gut, ja. Weil gerade meine Figur des Paul sehr moderat ist. Es hat mich persönlich herausgefordert, mal nicht „auf die Kacke zu hauen“ und mal nicht die Dinge so zu machen, wie ich sie als Wotan vielleicht anders machen würde. Wichtig war mir auch, nach den Dramen, wie zuletzt zum Beispiel „Der Letzte Schöne Tag“, mich in einer Leichtigkeit auszuprobieren, die ich lange nicht hatte.


chilli: Entsteht im Kino auch durch Filme wie diesen vielleicht gerade ein neues Männerbild?
Möhring: Ob neu oder alt, das weiß ich nicht. Mit „Männerherzen“ hatte ich schon meine Erfahrungen mit verschiedensten Charakteren von Männern, die sich zu „dem Mann“ summieren. Ein festes Männerbild habe ich aber nicht. Ich kann gar nicht sagen, was typisch männlich und weiblich ist. Vielleicht das Interesse an Schuhen, was bei dem einen ausgeprägter ist als beim anderen. Aber wir Menschen, Männer wie Frauen, sind zu unterschiedlich, als dass es da eine Standardtype gäbe.

chilli: Wie fanden Sie denn das Frauenbild in „Mann tut was Mann kann“? Darin scheint es für alle Frauen ein großes Ziel zu sein, irgendwie verheiratet zu werden.
Möhring: Das war eine der Geschichtsentwicklungen, auch bei Paul, der vom Jäger zum Gejagten mutierte. Dieses Eroberungselement, das Männer dann ja doch irgendwie für sich beanspruchen, ist in Wirklichkeit vielleicht anders. Wenn du die Frau eroberst, bist du vielleicht längst nur eine Karte im Spiel dieser Frau. Plötzlich bist du nicht der große Hengst, sondern wirst benutzt, um den anderen Mann eifersüchtig zu machen. Das war neu für mich, dass Frauen gewinnbringend aus so einer Situation rauskommen, weil sie den Mann benutzen, der nur von sich denkt, dass er die Frauen erobert.

chilli: Haben Sie schon mal kalte Füße gekriegt – wenn schon nicht am Altar, dann vielleicht bei einer Rolle?
Möhring: Nein, aber: Es gibt schon Charaktere, wie zum Beispiel in „Das letzte Schweigen“, die im positiven Sinne mehr Herausforderungen stellen oder Überwindung kosten als die Figur des Paul, weil sie einfach weiter weg sind von dir. Kalte Füße sind aber oft ein Zeichen davon, dass du etwas wagst, das dich entweder bereichert oder nicht. Und eine verpasste Chance finde ich fast immer schlimmer als zu sagen: „Zum Glück habe ich das nicht gemacht“.

chilli: Gerade stehen Sie für den „Tatort“ vor der Kamera. Ist Ihre Verpflichtung eine Ergänzung zu Til Schweiger oder eine Konkurrenz? Möchten Sie den Vorspann auch abschaffen?
Möhring: Den Vorspann will ich nicht abschaffen. Der „Tatort“ ist ein lebendiges Produkt. Der Vorspann muss sich nicht verändern, weil das unsere Fanfare ist, sich am Sonntag zu versammeln. Der Inhalt ist mitgewachsen, also kann der Vorspann bleiben. Und der Eindruck von Konkurrenz ist durch die Situation beim NDR so entstanden, aber es war niemals so gemeint und wird auch versucht jetzt zu sortieren: Til ist für Hamburg zuständig, ich für den Norden. Wobei Hamburg aber im Norden liegt (lacht)!

chilli: Grob kann man Ihre Karrieren ja durchaus vergleichen: Beide haben Sie im leichten Komödienfach angefangen, spielten dann ernstere Rollen, jetzt drehen Sie beide „Tatort“. Ist außerhalb dessen nicht eine Konkurrenzsituation entstanden?
Möhring: Überhaupt nicht. Til ist eindeutig ein Zuschauermagnet und eine Institution. Auch was die Bekanntheit angeht. Ich schlüpfe auch gerne in kleine Projekte. Gerade im deutschen Fernsehen habe ich viel teilhaben können an ein paar Fernsehperlen. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, „Der letzte schöne Tag“ und „Kuckuckszeit“ sind allesamt Filme, die mir auch persönlich sehr viel bedeutet haben. Das ist eine andere Herausforderung, als die Masse erreichen zu wollen. Was sicherlich Tils Spezialität ist.


chilli: Auch die „Tatort“-Kommissare können echte Charaktere sein. Da gibt es Ulrich Tukur mit Hirntumor, Axel Milberg, der in Therapie ist …
Möhring: Aber letztlich bist du trotzdem der, der fragt: „Wo waren Sie?“ – und nicht der, der wahnsinnig wird und die menschlichen Abgründe auslotet, in dem er alle Leute umbringt, die ihm über den Weg laufen. Die Faszination des Bösen, die man sich als Zuschauer auch gerne anschaut, gibt man für so eine Rolle erstmal auf. Die Festlegung für den „Tatort“ heißt: Plötzlich kannst du nicht mehr der Mörder sein. Der Ermittler ist das Auge des Betrachters, das möglichst viele hinter sich versammeln soll.

chilli: Gibt es Grenzen, an denen Sie sagen würden: bis hierhin und nicht weiter? Auch wenn der Regisseur das verlangt?
Möhring: Ich mag keine Schauspieler, die das Drehbuch gelesen und zugesagt haben und dann plötzlich keinen Bock mehr haben, sich nackt zu zeigen. Weil das doch im verdammten Drehbuch stand! Du weißt, worauf du dich einlässt. Dann einen Rückzieher zu machen, ist also feige, das gilt nicht. Es gibt also wenige Dinge, die ich nicht machen würde – zum Beispiel Dinge, die ich mir selbst nicht glauben würde.

chilli: Zum Beispiel?
Möhring: Viel mehr als einen Pädophilen zu spielen, der selbst zwei Kinder hat, wie in „Das letzte Schweigen“, ist moralisch eigentlich nicht drin. Moralische Bewertung hat da nicht viel verloren. Da geht es um deine Verantwortung vor einem Charakter, dessen Bewertung anmaßend wäre. Wenn du den nicht voll und ganz spielen willst, ihn dann verurteilst, dann bist du sowieso nicht er. Ich versuche ja zu zeigen: Wie kommt man an solche Punkte, wie sind die Menschen dahin gekommen, wie komme ich da raus? Das ist ja mein Beruf, die Dinge auszuprobieren. Deswegen könnte ich mir eine Grenze gar nicht vorstellen, etwas nicht zu tun. Außer dass ich es mir nicht glauben würde.

chilli: Im aktuellen Film spielen Sie lange einen überzeugten Single-Mann, bis Sie am Ende doch heiraten – sind Sie im echten Leben jetzt auch auf den Geschmack gekommen?
Möhring: Nee, gar nicht. Ich bin ja vergeben, im wahrsten Sinne des Wortes: Ich habe zwei Kinder, und das ist für mich noch eine engere Beziehung und Bereicherung als die Funktion der Ehe. Das steht erst mal nicht an. Es gibt nichts Verbindenderes als Kinder. Ich bin eindeutig ein Familienmensch.

chilli: Ihre Kinder sind noch klein …
Möhring: Dreieinhalb und eins – die wissen noch überhaupt nicht, was Papa macht!

chilli: … und haben also auch noch keine Berufswünsche, wollen noch nicht wie Sie Schauspieler, Elektriker, Model oder Soldat werden.
Möhring: Nein. Bei mir ist der Beruf des Schauspielers ja auch zu mir gekommen. Das war kein Wunsch, sonst wäre ich ja rechtzeitig auf eine Schauspielschule gegangen. Ich bin schon bei meinem ersten Film „Das Experiment“ schnell an die richtigen Leute geraten, habe mich dort wohl gefühlt. Ich will weiterhin tolle Begegnungen mit Menschen haben und in Welten schlüpfen, die einem sonst verschlossen wären. Es ist für mich ein mit Demut und Verantwortung verhaftetes Ausprobieren von verschiedenen Charakteren. In einem Jahr drei oder vier Leben zu leben, richtig gute und intensive Erfahrungen zu machen, das gibt es nur in diesem Beruf.


chilli: Die Widersprüche in Ihren Rollen finden sich ja auch in Ihrer Biografie wieder. Erst Punk, dann Zeitsoldat. Ist das Spielen eine Variante davon, das auszuleben?
Möhring: Diese sogenannte Zickzack-Biografie habe ich ja nie so empfunden. Wenn du etwas machst, wo du volle Kanne dahinterstehst, das irgendwann vorbei ist und dann das nächste kommt, dann fühlt sich das für mich immer als der geradeste Weg an. Die Entscheidungen für Bücher oder Filme fälle ich nicht strategisch, sondern aus dem Bauch. Und damit liege ich zumindest immer halbwegs gut, weil ich dahinterstehen kann. Und die Entscheidung, als Punk zur Bundeswehr zu gehen: Alle haben darüber genörgelt, aber keiner war da von denen. Ich wollte mir das verdammt noch mal selbst angucken. Wollte mal sehen, worüber da genörgelt wird. Ich war das ja als Waldorf-Schüler gewohnt. Alle sprechen von „Klötzchenschule“ und lachen, und keiner kennt das. Das hat mich immer stutzig gemacht.

chilli: Gibt es dennoch eine Entscheidung, die Sie bereuen?
Möhring: Eigentlich nicht. Weil ich damals die Entscheidung aus einem Beweggrund gefällt habe. Wenn der Grund weg ist, klingt die Entscheidung vielleicht komisch, aber in dem Moment dachte ich immer, ich habe mich richtig entschieden. Große Regrets gibt es deshalb nicht.

chilli:Gibt es bei Ihnen zu Hause sonntagabends ein „Tatort“-Guck-Ritual?
Möhring: Nee, die Kinder sind am Wochenende immer spät ins Bett zu kriegen, deswegen verpasse ich das meistens, zumindest den Anfang. Jetzt zum Beispiel komme ich vom Nachtdreh und habe gerade mal 20 Stunden mit meiner Familie verbracht, da bleibt der Fernseher natürlich aus. Der Fokus ist gerade woanders.

chilli: Und in der Kindheit?
Möhring: Nee, da kann ich meine Eltern auch verstehen. Damals wurde der Fernseher noch extra aufgebaut zum gucken! Da konnte man schön per Handtest merken, ob einer heimlich geglotzt hatte oder nicht, weil dann das Gerät warm war. Mein erster „Tatort“ war „Reifezeugnis“, den hab’ ich bei meiner Tante in Bremen geschaut. Das hat mich über Monate mitgenommen. Ich konnte meinen Eltern nicht sagen, dass ich den heimlich bei Tante geguckt hatte, weil die es mir ja verboten hatten. Die wussten auch, warum: Dieser Realismus hat mich echt fertiggemacht, das hat mich als fantasievolles Kind zermürbt.

chilli: Haben Sie sich denn Tipps von „Tatort“-Stars wie Jan Josef Liefers geholt?
Möhring: Nein, aber ich habe mich bewusst für Hamburg entschieden, weil ich gerne Großstadtthemen zeigen würde. Das mag fürs Münsterland schwieriger sein, dort die Themen zu finden, aber es war mein Wunsch, zum Beispiel organisierte Kriminalität darzustellen. Oder es brennen halt im ersten Fall die Autos. Eine andere heilige Kuh der Deutschen übrigens neben dem „Tatort“: das Auto. (lacht)

2012 NFP / Warner Bros. / Jürgen Olczyk
Quelle: teleschau – der mediendienst