Früher kannte man sie als souliges Stimmwunder und wunderhübsches Gesicht mit Sauberfrau-Image: die gebürtige Erfurterin Yvonne Catterfeld. Mittlerweile hat sich die 33-Jährige einen Ruf als ernsthafte Schauspielerin erarbeitet, ihre Musikkarriere wird dagegen von der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen. Da trifft es sich gut, dass mit dem ZDF-Film „Nur eine Nacht“ (Donnerstag, 06.06., 20.15 Uhr) der wohl erste deutsche Musical-Film seit Jahrzehnten über den Bildschirm flimmert. Erzählt wird die Geschichte einer Bühnenproduktion mit jungen Talenten. Für die Präsentation dieser Show vor Sponsoren haben die von Catterfeld und Pasquale Aleardi gespielten Coaches gerade mal eine Nacht Zeit. Ein Gespräch über deutsche Schwierigkeiten mit dem Genre Musikfilm und die Frage, warum es Multitalente hierzulande besonders schwer haben.

chilli: Warum werden in Deutschland schon seit Jahrzehnten keine Musical-Filme mehr gedreht?
Yvonne Catterfeld: Das ist schwer zu sagen. Ich weiß aus Gesprächen, dass viele Filmemacher in den letzten Jahren über solche Filme nachgedacht haben. Das Interesse ist da. Aber an irgendetwas sind diese Ideen bislang immer gescheitert. Die fehlende Tradition solcher Musikfilme im deutschen Fernsehen stellt ein großes Problem dar. Ob es nun die Musik- oder Fernsehbranche ist – es ist immer leichter, den Geldgebern eine Idee zu verkaufen, die so ähnlich klingt wie eine, die schon mal erfolgreich war. Thorsten Näter, der Autor und Regisseur von „Nur eine Nacht“, hat zehn Jahre lang gebaggert, bis er diesen Film endlich machen durfte.

Yvonne Catterfeld
chilli: Irgendwann nach der Zeit von Peter Alexander ist die Tradition abgebrochen, dass man in einem deutschen Film Dialoge und Lieder miteinander vermischen kann. Warum?
Catterfeld: Die Zeit für Schlager- und Heimatfilme war ganz einfach vorbei. Es kam eine neue Generation mit den Autorenfilmern in den 60er-Jahren. Die erklärten den Schlagerfilm für tot. Sie wollten künstlerische Erneuerung, und dafür haben solche Regisseure wie Fassbinder, Kluge, Schlöndorff oder Schamoni auch gesorgt. Sie haben den Filmmarkt umgekrempelt, einige Traditionen sind dabei verloren gegangen. An die Stelle der Musikfilme kamen dann die Musicals. Da gab es dann wieder Dialoge und Lieder. Kino und Fernsehen hatten andere Prioritäten.

chilli: Haben wir Deutsche heute auch nicht mehr das Personal für solche Filme? Also Stars, die spielen, singen und tanzen können …
Catterfeld: Die Bezeichnung Multitalent hat bei uns heute einen kritischen Beigeschmack. Das mag auch daran liegen, dass Originalität und Authentizität für das Publikum wichtiger sind. Und wir leben in einer Zeit der Spezialisierung, weil der Konkurrenzdruck überall immer größer wird. Da konzentriert man sich natürlich mit aller Kraft auf eine Begabung, entwickelt die nach Möglichkeit zur Perfektion und hält daran fest, um den gewonnenen Boden nicht wieder zu verlieren.

chilli: Musicals sind dennoch ein erfolgreiches Geschäftsmodell in Deutschland. Allerdings nicht in Film und Fernsehen. Warum gelingt dem Genre der Sprung in diese Medien nicht?
Catterfeld: Musicals sind weltweit ein sehr erfolgreiches Geschäft, nicht alle natürlich. Die Produktionskosten werden über viele Jahre Laufzeit in Theatern amortisiert, Filme sind dagegen viel kurzlebiger. Musikfilme sind wahnsinnig aufwendig, beispielsweise „Moulin Rouge“ mit Nicole Kidman oder jetzt „Les Misérables“. Diese Filme kosten über 100 Millionen Dollar. Es ist dann die einzelne, überragende Idee, einen solchen Musikfilm zu machen und kein Trend. Unser Film hatte ein niedriges Budget, deshalb kann man ihn auch überhaupt nicht mit tollen Hollywood-Produktion wie zum Beispiel auch „Dreamgirls“ vergleichen. Kosten entstehen nicht nur durch eine prächtige Ausstattung. Was man unbedingt braucht, ist sehr viel Zeit für Choreografien und Proben. Teure Orchester, lange Studioaufnahmen und so weiter. Ich möchte nicht wissen, wie lange die Macher an „Chorus Line“ oder „Fame“ geprobt haben. Aber dass muss dann eben auch sein, wenn es etwas richtig Tolles werden soll.

Yvonne Catterfeld
chilli: Welche Musikfilme bringen Ihr Blut in Wallung?
Catterfeld: Ich liebe moderne Musikfilme wie „Ray“ oder „Walk The Line“, die dann auch biografisch verknüpft sind. „Dreamgirls“ ist einer meiner Lieblingsfilme. In diesem Musikfilm wird die Handlung dort, wo Sprache aufhört, durch Musik potenziert. Wenn das funktioniert, hat ein Musikfilm die höchste Stufe seiner Kunstform erreicht. Du kannst mit Liedern im Film in emotionale Regionen vorstoßen, wo beim normalen Dialogfilm einfach Schluss ist. Das ist genial.

chilli: Haben Sie selbst das Gefühl, Musik und Schauspiel genauso intensiv nebeneinander betreiben zu können?
Catterfeld: Mit der gleichen Leidenschaft, ja. Was die praktische Umsetzung betrifft, ist es nicht einfach. Das Problem ist, dass ich für beide Aufgaben mit gleicher Intensität eine hohe Qualität anstrebe. Das ist das Ziel, das erwartet auch das Publikum. Niemand interessiert sich für einen Schauspieler, der mal nebenbei singt. Oder umgekehrt für einen Musiker, der auch noch zeigen will, dass er schauspielern kann. Beide Aufgaben erfordern viel Zeit und Kraft. Die logistische Planung ist dabei das Schwierigste. Ein Album vorzubereiten und zu produzieren, dauert sehr lange. Ich werde ja nicht angerufen und soll ins Studio zum Singen kommen. Die Entwicklung der Songs und Texte ist zeitaufwendig und anstrengend. Ich bin nun schon seit anderthalb Jahren dabei, neue Songs zu schreiben und zu entwickeln. Ein Grund dafür ist auch, dass es zwischendurch neue Herausforderungen durch Filme gab.

chilli: Hat die Schauspielkarriere Ihrer Musik eher geschadet? Oder die Musik Ihrer Schauspielkarriere?
Catterfeld: Ich selbst finde ja, sie haben sich gegenseitig befruchtet. Zumindest künstlerisch gesehen. Wenn ich heute im Studio stehe und singe, dann tue ich das ganz anders als vor zehn Jahren, als ich noch keine Ahnung hatte von Schauspiel und Techniken, die ich mittlerweile auch beim Singen anwende. Wenn ich an einen Text rangehe, erarbeite ich mir den heute wie eine Szene im Film. Das bringt unheimlich viel. Auch beim Singen verkörpere ich oft eine andere Person, nur die Ausdrucksmittel sind verschieden. Für beides gilt aber dasselbe Ziel, nämlich dass ich den Zuschauer oder Zuhörer berühren will.

Yvonne Catterfeld
chilli: Sie waren zu Beginn Ihrer Musikkarriere eine deutschsprachige R’n’B-Sängerin, als es noch nicht sehr viele davon gab…
Catterfeld: Ja, das hat sich total gewandelt. Wenn ich mir heute eine Castingshow wie „The Voice Of Germany“ angucke, gibt es da viele tolle schwarze Stimmen aus Deutschland. Das war damals in der Tat anders. Ich bin ja sehr vom Gospel geprägt, seit ich als Mädchen den Film „Sister Act II“ gesehen habe. Die Tatsache, dass es zu Anfang meiner Gesangskarriere noch nicht viele hierzulande gab, die so gesungen haben, hat mir natürlich geholfen. Heute ist schwarze Musik so populär, dass die Kids damit aufwachsen. Als ich 15 oder 16 war, hat das hier kaum einer gehört. Heute fühlen sich viele Kids durch Shows wie „The Voice“ dazu ermutigt, ihre Stimmen auszuprobieren und an ihnen zu arbeiten.

chilli: Also haben die vielgescholtenen Musik-Castingshows doch eine Menge erreicht.
Catterfeld: Es kommt darauf an. Bei „The Voice“ oder auch „X-Factor“ habe ich viele tolle Sänger gesehen, die ich bereits kannte. Oft waren es Background-Sänger aus richtig guten Bands, die auf diesem Wege endlich mal ins Rampenlicht geholt werden. „DSDS“ kann ich mir nicht mehr angucken. Am Anfang ging es ja noch. Mittlerweile ist das so schlimm geworden, dass es kaum noch zu ertragen ist. „The Voice of Germany“ hingegen ist für mich heute die beste Unterhaltungssendung, die wir derzeit im deutschen Fernsehen haben.

chilli: Autor und Regisseur Thorsten Näter hat zugegeben, dass es schwierig war, junge Darsteller zu finden, die gleichermaßen Talent als Sänger und Schauspieler hatten. Gibt es in dieser Hinsicht einfach zu wenig Talent in Deutschland?
Catterfeld: Ich glaube, es ist schwieriger, einen Sänger zu finden, der auch spielen kann, als andersherum. Tatsächlich gibt es viele Schauspieler, die eine ausdrucksstarke, sehr spezielle Stimme haben. Es soll ja auch keiner singen wie ein typischer Musicalsänger. Wer will das schon? Ich gehe selten in Musicals, weil mir die Sänger dort meist zu ähnlich sind. Mehr einheitliche Technik als Emotion. Mir persönlich ist das einfach zu klassisch. Ich wünsche mir Sänger, die aus der Rolle und bestehenden Mustern herausfallen.

chilli: Sind die jungen Darsteller in „Nur eine Nacht“ also nun eher Schauspieler, die auch singen können oder Sänger, die man zum Spielen gebracht hat?
Catterfeld: Beides. Aber unter dem Strich waren mehr Musiker und weniger Schauspieler dabei. Jördis Richter fand ich im Ensemble herausragend. Das ist eine ganz tolle Schauspielerin und auch eine Hammersängerin. Dass es da so wenige Leute gibt, die auf beiden Gebieten top sind, hat einfach mit der fehlenden Plattform für solche Begabungen zu tun. Neben dem klassischen Musical, wovon viele Schauspieler und Sänger lieber die Finger lassen, gibt es kaum Produktionen, wo man beides vereinen kann.

chilli: Jetzt müssen Sie uns zum Abschluss noch verraten, wie Ihr neues Album klingen wird.
Catterfeld: Stilistisch kann ich so etwas immer ganz schlecht beschreiben. Ich weiß es auch noch nicht. Ich denke, es wird zeitlos und handgemacht sein, weil ich das liebe. Sicher wird es kein R’n’B-Album. Das reizt mich nicht mehr. Außer Rihanna und vielleicht Beyoncé höre ich auch kaum noch etwas aus diesem Genre. Das sind aber eben auch die besten Sängerinnen, die es derzeit gibt, finde ich. Zusammen mit Alicia Keyes, Emeli Sandé und Adele. Ich suchte seit längerer Zeit nach einem für mich neuen Gesangsstil, den ich nun gefunden zu haben glaube. Er hat viel mit Haltung zu tun, die mir in den Songs immer wichtiger wird. Es wird auf jeden Fall nicht mehr gehaucht (lacht). So viel kann ich schon mal versprechen…

Text: Eric Leimann / Fotos: ZDF / Georges Pauly
Quelle: teleschau – der mediendienst