Ehrgeiz ist ein starker Motor: Matt Tuck, Sänger, Gitarrist und Bandchef von Bullet For My Valentine, wird von einem unermüdlichen Erfolgsstreben angetrieben. 2004 unterzeichnete seine Band einen Vertrag über fünf Alben bei einem großen Majorlabel – dabei hatten die Briten gerade erst einmal eine Zweitrack-EP in Eigenregie aufgenommen. Doch das walisische Quartett konnte den Vorschusslorbeeren nicht nur gerecht werden, sondern diese sogar in klingende Münze umwandeln: Ihr Debüt „The Poison“ (2005) heimste hervorragende Kritiken ein, und vielerorts wurde spekuliert, dass Bullet For My Valentine die legitimen Nachfolger von Metallica sein könnten. Auf solche Vergleiche gibt Matt Tuck aber nichts, die hörte er im Laufe seiner Karriere schon oft genug. Grund genug, im Interview anlässlich des vierten Bullet-For-My-Valentine-Albums „Temper Temper“ dieses Thema auszuklammern, um sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren: Tuck spricht mit Ben Hiltrop über den Risikofaktor Rockstar, Stimmprobleme und über die eigene Popularität.


chilli: Mr. Tuck, sind Sie glücklich mit dem, was Sie bis jetzt in Ihrem Leben erreicht haben?
Matt Tuck: Ich bin ein sehr glücklicher Mensch, sieht man mir das nicht an? (lacht) Das Leben ist toll, meiner Familie geht es gut, es könnte nicht besser laufen.

chilli: Welchen Preis sind Sie bereit zu zahlen, um weiterhin glücklich sein zu können?
Tuck: Das kommt darauf an, was ich brauche, um mich selbst als eine glückliche Person bezeichnen zu können. Jeder Mensch definiert das ja anders: Ein Milliardär, der sich finanziell keine Sorgen zu machen braucht, denkt vielleicht, dass das Leben ihm gegenüber ungerecht wäre. Andersherum können Menschen, die nichts besitzen, kein Dach über dem Kopf und keinen Job haben die glücklichsten Leute auf der Welt sein. Wenn man sich dessen bewusst wird, was man hat, kann einen das zufriedenstellen und glücklich machen.

chilli: Sie sagten mal in einem Interview: „Je mehr Erfolg ich habe, desto mehr will ich ihn auch.“ Ab welchem Zeitpunkt lassen sich Ehrgeiz und Überheblichkeit nicht mehr trennen?
Tuck: Zunächst einmal fühlt sich Erfolg wirklich gut an, das bestreite ich nicht. Das kann keiner wirklich bestreiten. Als Band kamen wir plötzlich aus dem Nichts und hatten praktisch mit einem Mal alles. Unser Lebensstandard änderte sich um fast 180 Grad. Ich möchte das alles auch nicht mehr missen. Ja, es stimmt: Je mehr man bekommt, desto mehr möchte man auch. Erfolg zu haben und stolz auf das Erreichte sein, liegen dicht beieinander.

chilli: Was nehmen Sie ernster: sich als Mensch oder als Musiker?
Tuck: Ich nehme so ziemlich alles in meinem Leben ernst. Täte ich das nicht, hätte ich keinen Ehrgeiz entwickelt. Ich glaube auch, dass mein Ehrgeiz und das Bestreben als Mensch und als Musiker immer besser zu werden, mich im Endeffekt glücklich macht.


chilli: Was war die bis riskanteste Entscheidung in Ihrem Leben?
Tuck: Ich wollte als junger Kerl immer irgendwann einmal von meiner Musik leben. Diese Idee war schon relativ riskant. Aber aus dieser Entscheidung entwickelte sich auch mein Ehrgeiz. Ich strebte nie danach, einem normalen „9to5“-Job nachzugehen – eine Büroarbeit hätte mir nie erlaubt, meine Musik weiter ausüben zu können, mit Bandproben, Auftritten und dem ganzen Kram. Im Gegensatz zu anderen Menschen war mein Leben aber nie besonders risikofreudig.

chilli: Aber ist das Leben in einer Rockband nicht per se schon risikobehaftet?
Tuck: Das kommt darauf an, wie sehr man dem Klischee eines Rockstars entsprechen möchte (lacht). Musik ist nicht nur mein Hobby, sondern auch mein Beruf. Und meinen Beruf möchte ich so lange ausleben, wie es nur geht, schließlich ernährt er mich und meine Familie. Aber an sich stimmt es schon, dass ich mich als Musiker in einem, nennen wir es mal, gefährlichem Umfeld bewege – Stichwort „Sex, Drugs And Rock’n’Roll“ (lacht).

chilli: Vor acht Jahren starteten Sie als Newcomer mit Ihrer Band gleich voll durch. Die Fallhöhe bei einem möglichen Misserfolg ist demnach ziemlich hoch. Verspüren Sie immer noch den Druck, den Sie mit Ihrem Debüt haben mussten?
Tuck: Wir mussten damals wirklich sofort lernen, was es bedeutet, eine bekannte Band zu sein. Das Tourleben war etwas völlig Neues, die Presse, die mit einem sprechen möchte, Album-Kritiken … Wir wurden an dieses Leben nicht langsam herangeführt, sondern erfuhren das gleich von Anfang an. Dennoch empfanden wir das noch nicht gleich als Druck, unser Adrenalinspiegel war einfach höher, und wir waren wie in einem Rausch.

chilli: Ein Rausch, der Sie fast Ihre Stimme kostete …
Tuck: Als junge Band macht man einfach und denkt weniger an die Konsequenzen. Bei unserer ersten Welttour traten das erste Mal verstärkt Probleme mit meinen Stimmbändern auf, die mich aber nicht weiter kümmerten. Ich sang einfach jeden Abend weiter, bis ich irgendwann auf einmal gar nicht mehr sprechen konnte und in ärztliche Behandlung musste. Das warf uns ziemlich weit zurück, und auf einmal wuchs auch der Druck auf unseren Schultern. Es war eine schwierige und auch sehr erschreckende Vorstellung, das, was man innerhalb kürzester Zeit erreicht hat, wieder loszuwerden.

chilli: Wie hätte da Ihr Plan B ausgesehen?
Tuck: Den gab es nicht. Nie. Ich wollte immer in einer Band spielen, nun hatte ich eine, und die ließ ich mir nicht mehr nehmen. Auch nicht durch meine Krankheit.


chilli: „Temper Temper“ nahmen Sie in Thailand auf. Hatten Sie keine Lust, den ganzen Stress hinter sich zu lassen, Ihre Familie dorthin zu holen, um dann als Aussteiger zu bleiben?
Tuck: Nein, auf keinen Fall. Thailand ist ein wunderschönes Land, die Leute sind alle total gut drauf und waren auch immer sehr gastfreundlich. Auch die Atmosphäre ist mit der bei uns in Europa nicht vergleichbar. Auswandern hat mich noch nicht sonderlich gekickt. Thailand ist für mich kein Land, um dort für immer zu bleiben, aber für eine Weile kann man es dort definitiv aushalten.

chilli: Letztes Jahr gründeten Sie mit Cancer-Bats-Sänger Liam Cormier die Band Axewound, bei der Sie sich rein auf das Songwriting und die Gitarrenarbeit konzentrierten. War es für Sie nicht ungewöhnlich, den für Sie wichtigen Posten am Gesang aufzugeben?
Tuck: Das machte mir nichts aus, im Gegenteil: Ich wollte mit dem Album „Vultures“ mich auch rein auf das Songwriting und das Gitarrespielen konzentrieren. Das war für mich eine gute Erfahrung, vor allem, weil dadurch auch der Fokus mehr auf Liam als auf mir lag. Zudem konnte ich auch meine beiden Bands besser trennen, und der unweigerliche Vergleich mit Bullet For My Valentine fiel fast komplett unter den Tisch.

chilli: Dennoch sind Sie als Person Matt Tuck das Aushängeschild beider Gruppen, was Ihnen sogar kleineren Ärger mit einem Fan Ihrer Hauptband einbrachte, als Sie Werbung für Axewound über den Twitter-Account von Bullet For My Valentine posteten …
Tuck: Ach ja, das war eine blöde Geschichte (lacht). Ich meine, wieso möchte mir jemand verbieten, dass ich Werbung für meine Bands mache? Noch dazu in diesem Ton, der mir entgegenschlug. Ich lasse mir doch nicht den Mund verbieten.

chilli: Denken Sie, besagter Fan hätte Ihnen seine Meinung persönlich auf der Straße ins Gesicht gesagt?
Tuck: Bestimmt nicht, soziale Netzwerke eignen sich nunmal perfekt dafür, anonym seinen Stuss abzugeben. Das Interessante ist ja, dass viele von einer Person des öffentlichen Lebens denken, dass diese einfach selbst keine Meinung vertreten dürfe. Der Kerl, der mich beleidigte, bekam eine saftige Retourkutsche. Einigen ging das gegen den Strich, und sie warfen mir vor, dass mein Tonfall zu harsch war. Blödsinn, soll ich mich sang- und klanglos beleidigen lassen, ohne dem zu sagen, was ich von dem halte? Zum Teufel, nein. Seit wann darf ich mich selbst nicht rechtfertigen oder verteidigen? Solche Dinge passieren täglich, aber langsam beachte ich solche Kommentare auch gar nicht mehr. Das gehörte zu den Dingen, die ich auch erst lernen musste: dass man als Musiker immer im Fokus der Öffentlichkeit steht.

Fotos: P.R. Brown / Sony
Quelle: teleschau – der mediendienst