Theoretisch müsste diese Rolle Philip Seymour Hoffmann einen Oscar einbringen, den zweiten nach dem für seine meisterhafte Darbietung in „Capote“ (2005): Den Psychotherapeuten und Sektenführer Lancaster Dodd spielt der 45-Jährige im Drama „The Master“ (Kinostart: 21.02.) so charismatisch und zugleich gefährlich, dass es einem kalt den Rücken herunterläuft. Nur leider wird der Mann aus New York – dem Staat, nicht der Stadt – aller Voraussicht nach trotz Nominierung leer ausgehen. Die Diskussionen darüber, ob der Film eine Biografie über L. Ron Hubbard, den Gründer von Scientology ist, dürfte ihm und seinen ebenfalls nominierten Kollegen Amy Adams und Joaquin Phoenix wohl die Oscarnacht verhagelt haben. Margarete Richter hat mit dem Schauspieler gesprochen.

Seymour_1
chilli: Wie intensiv haben Sie sich mit L. Ron Hubbard beschäftigt?
Philip Seymour Hoffmann: Regisseur Paul Thomas Anderson mag Elemente der Entstehung von Scientology eingebaut haben, um die Geschichte und die Figuren spannend zu gestalten. Aber mich interessierte es nicht, eine Kinoversion von L. Ron Hubbard zu spielen. Es geht im Film ja auch um Lancaster Dodd, eine fiktive Figur. Also dachte ich mir viele Dinge zu ihm aus und ging sehr frei mit ihm um.

chilli: Der Film erzählt auch vom Versuch der Bewältigung eines Traumas.
Hoffmann: Ein Grundthema amerikanischer Filme! Da gibt es in den USA ja einen ganzen Markt, „Die durch die Hölle gehen“ ist ein Paradebeispiel. Wir drehen auch reihenweise Filme über den Krieg. Auch sich immer wieder neu selbst zu erfinden, eine neue Persönlichkeit für sich selbst zu kreieren wie Dodd das tut, ist eine sehr grundsätzliche Eigenschaft der amerikanischen Psyche. Mir ist aber bis dato kein Film bekannt, der sich mit Menschen in Psychotherapie beschäftigt.

Seymour_2
chilli: Obwohl die Sitzung beim Therapeuten für Amerikaner zum Lebensalltag zu gehören scheint?
Hoffmann: Psychotherapie kann sehr hilfreich sein. Man geht zur Therapie, wenn man Dinge in sich selbst erforschen, ihnen auf den Grund gehen will und darüber im besten Fall die eigene Lebensqualität verbessern kann. Allerdings hört man immer, dass die Leute nach einer Therapie erfüllt von sich selbst seien. Ich finde eher, dass sie danach erst einmal gehörig durcheinander sind.

chilli: Finden Sie Lancaster Dodd sympathisch?
Hoffmann: Er ist anstrengend und unberechenbar. Er manipuliert Menschen und übt Zwang auf emotionaler Ebene aus. Aber meine Aufgabe war es ja nicht, den Mann zu verurteilen oder nett zu finden, sondern ihn zu spielen. Also muss ich ihn verteidigen. Wie soll ich ihn denn sonst spielen? Außerdem dreht sich der Film mehr um die Beziehung zwischen den beiden Männern.

chilli: Hat denn diese Beziehung zwischen dem Jünger und seinem Meister homoerotische Untertöne?
Hoffmann: Nein, denn davon würde sie auch nicht interessanter. Man kann auch eine Liebesbeziehung ohne Sex haben. Lancaster Dodd ist nur ein Mensch, der Freddie Quell sehr prägt. Das kennt doch jeder aus seinem eigenen Leben. Die Beziehung zwischen den Beiden ist sehr gewöhnlich.

Seymour_3
chilli: Ähnelt sie der Beziehung zwischen Ihnen und Regisseur Anderson, den Sie seit dessen Anfängen begleiten?
Hoffmann: Unsere Beziehung ist deutlich anders. Wir sind Freunde und es war auch bei seinen ersten Filmen unübersehbar, dass Paul mal ein ganz Großer seines Faches werden würde. Unser Verhältnis ist unter Umständen am Set, wenn Paul inszeniert, ein anderes. Aber wir verbringen ansonsten viel Zeit dazwischen, wo wir ganz normale Freunde sind.

chilli: Sie spielen auch im zweiten Teil der „Tribute von Panem“-Trilogie …
Hoffmann: … und ich habe keine Ahnung, ob mein Kostüm so schrill ist wie das von Stanley Tucci im ersten Teil (lacht). Ich habe vor kurzem den dritten Band der Romanvorlage gelesen, nachdem ich schon die ersten beiden geradezu verschlungen hatte, und bin noch immer fasziniert: Suzanne Collins hat ein sehr, sehr kluges Jugendbuch über Faschismus geschrieben! Darin wird zwar der totalitäre Staat überwunden, aber was danach kommt, ist ebenso schlimm wie der Faschismus. Ich freue mich schon sehr auf die Dreharbeiten.

Fotos: Senator Film Verleih
Quelle: teleschau – der mediendienst