Die Raucherlounge im Hamburger Hotel Atlantic ist voll mit Nichtrauchern. Denn der an einer Zigarre paffende Udo Lindenberg (66) und seine bessere Hälfte Tine Acke (35) sitzen mittendrin. Von keinem Fotografen lässt sich der Mann mit Hut so ablichten wie von ihr. Auf seiner jüngsten Tour, über die nun auch die DVD „Deutschland im März 2012 – Ein Roadmovie“ Zeugnis abliefert, begleitete die Hamburgerin ihn auf Schritt und Tritt mit ihrer Kamera – auf, über und hinter der Bühne. Der daraus entstandene Bildband mutet wie eine Liebeserklärung an den Panikrocker an. Im Interview mit Katja Schwemmers geht es um ihre gefährliche Arbeitsbeziehung, Freundschaften und Sportstunden mit Gummihut.


chilli: Frau Acke, Sie sollen 25.000 Fotos während der letzten Tour von Udo Lindenberg geschossen haben – fiel da die Wahl schwer?
Tine Acke: Ach nein, eigentlich gar nicht. Das Buch ist aus mir rausgeflutscht wie ein zweites Baby.

chilli: Hat er sich in irgendeiner Form eingemischt?
Acke: Nein, zwischen uns herrscht da absolutes Vertrauen. Ich weiß ja auch, wie er sich gerne sieht. Es sind Kleinigkeiten, auf die es ankommt: Der Hut muss beispielsweise immer parallel zur Brille sitzen.

chilli: Haben Sie mittlerweile eine Arbeitsbeziehung?
Udo Lindenberg: Es ist eine wunderbare Komplizenfreundschaft, und es ist auch Liebe. Das kommt alles zusammen und führt zu so wunderbaren Ergebnissen. Da gibt es eine Vertrautheit und Nähe, denn sie kennt meine Schokoladenseiten. Wobei ich eigentlich nur Schokoladenseiten habe, ich bin ja ein Produkt aus einer Schokoladenfabrik!

chilli: Hatten Sie Angst um Tine, als sie unter der Hallendecke hing, um Sie bei der Show abzulichten?
Lindenberg: Ja, ich war schwer besorgt! Der Techniker musste kommen und die Gurte noch mal checken, damit alles sicher ist. Und mir war klar: Ich würde sogar den Hut abnehmen und Tine auffangen, wenn sie aus 40 Metern Höhe von der Decke stürzt. Es ist zum Glück alles gutgegangen. Und es sind hammergute Fotos dabei rausgekommen. Solche Perspektiven habe ich von Liveshows überhaupt noch nicht gesehen. Aber Tine fotografiert eben zu Luft, zu Land und zu Wasser.

chilli: Im Buch so wie auch heute tragen Sie neongrüne Socken zur schwarzen Garderobe. Sind das Glückssocken?
Lindenberg: Klar, die bringen jede Menge Glück! Aber ich muss auch aus Berufsgründen die grünen Socken tragen. Sie dienen zur Orientierung. Denn ich habe diese unverschämt langen Beine, und auf der Bühne ist es oft nebelig und dunkel. Damit ich sehe, wo ich langtanze, guck ich nach unten, wo die Socken leuchten. Dann weiß ich: Ah, hier entlang. Denn von den Augen bis zu den Füßen ist es doch ein weiter Weg. Außerdem sind die Socken ein Hinweis auf meine grüne Vergangenheit.


chilli:Ihr Musical „Hinterm Horizont“ und die Unplugged-CD sind unfassbar erfolgreich. Dabei dachte man schon, mit Ihrem Album „Stark wie zwei“ seien Sie 2008 an Ihrem Zenit angekommen …
Acke: Das denken wir jedes Mal. Aber dann gibt es immer noch eine Steigerung.
Lindenberg: Das Musical läuft jetzt schon im dritten Jahr. Und vom „Unplugged“-Album haben wir 1,2 Millionen Exemplare verkauft. Juhu – ich freu mich immer noch! Und das nach 40 Jahren in der Branche! Dazu haben natürlich auch der Sound und diese geballte Power von all den Leuten beigetragen, die mitgemacht haben. Das ist eine ganz große Familie.

chilli: Ihr Herz muss wirklich groß sein. Wie merken Sie, dass jemand es wert ist, in Ihre Arbeit und damit in Ihr Leben involviert zu werden?
Lindenberg: Das spüre ich sofort, denn ich bin Detektiv mit Spürnase. Gleich bei der ersten Begegnung merke ich, ob da eine goldene Chemie ist oder ob’s klemmt. Ich bin aber kein strenger Regisseur, es ist ein demokratisches Werk, bei mir kann jeder sich einbringen. Ich hab da so meine Weisheiten: zuhören, drauf eingehen, neugierig sein, immer auf dem Sprung und flexibel bleiben. Schön ist natürlich, wenn’s auf der Bühne richtig toll ist und sich daraus wunderbare Freundschaften entwickeln, die richtig tief gehen. Wie die mit Clueso oder wie seit Ewigkeiten mit Inga und Annette Humpe.

chilli: Schon mal enttäuscht worden?
Lindenberg: Na klar, das gibt es auch. Da geht es mir wie jedem anderen. Erst der große Kredit und dann die Enttäuschung. Inzwischen hat man mehr Menschenkenntnis als noch vor 30 Jahren, deshalb vertue ich mich seltener. Und außerdem heißt es doch so schön: Nobody’s perfect. Ich selber ja auch nicht.

chilli: Wie pflegen Sie die Freundschaften? Sie müssten doch den ganzen Tag am Handy hängen!
Acke: Das tut er auch. Egal, wen du aus seinem Telefonverzeichnis anrufst, die Wahrscheinlichkeit, dass derjenige sagt, „Mit Udo habe ich auch gerade gesprochen“, ist ziemlich groß. Er pflegt seine Freundschaften ständig. Er schafft das.
Lindenberg: Da ist die sehr große Familie, und ich bin so eine Art Pate. Und der Pate ist rund um die Uhr ansprechbar. Nicht so wie Thomas Mann, der Sprechstunden einrichtete für seine Kinder. Ich bin immer für die Panikfamilie am Start. Ich bin ja sowieso ein flexibler Manager, ich selbst habe nicht mal einen Manager. Das finde ich alles schön, so wie es ist.

chilli: Gibt es Momente, wo Sie beide Ruhe voneinander brauchen?
Acke: Ich muss viel alleine sein. Und er braucht immer viele Leute um sich. Da sind wir total verschieden. Deswegen lebe ich auch nicht im Hotel.
Lindenberg: Bei mir ist das meistens nachts so. Manchmal setze ich mich aber auch tagsüber allein ins Auto und fahre in die Wildnis. Das brauche ich schon, wenn auch nicht oft.


chilli: Haben Sie Angst vorm Alleinsein?
Lindenberg: Nein, ganz im Gegenteil. Ich finde es wichtig, dass man auch sich selber begegnet und aushält. Ich begegne mir ganz gerne. Es gibt eine ziemliche Harmonie zwischen mir und mir.

chilli: Hat das mit den Erfolgen zu tun?
Lindenberg: Die sind auch schön. Aber es gab andere Zeiten, die Höhen und Tiefen, die Achterbahnfahrten und die Sinnkrisen natürlich. Weil man nicht wusste, wie man vom Teenie-Idol zum Rock-Chansonnier wird. Der Schritt dahin ist schwierig, weil man sich an niemandem orientieren kann, denn einen Rock-Chansonnier gab’s noch nie: Einer, der mit 70 oder 80 Jahren noch auf der Bühne steht und sogar die Kinder mitreißt. In diesem Fall ist es gelungen, auf wundersame Weise.

chilli: Was planen Sie als Nächstes?
Lindenberg: Einen Film! Aber wir filmen nicht die Bühnenversion unseres Musicals „Hinterm Horizont“ ab. Es wird eine neue Story um den Kalten Krieg gebastelt. Etwas, das auch auf Süd- und Nordkorea, auf Nordirland und andere geteilte Länder passt. Es wird um den Kampf gegen Mauern und Grenzen gehen. Und wir sind im Gespräch mit Hollywood – mit meinem guten Freund Wolfgang Petersen. Außerdem mit Tom Tykwer, Sönke Wortmann und Fatih Akin. Denn hierzulande gibt es natürlich auch richtig geile Leute dafür. Im Bereich Film liegen einige Drehbücher auf dem Tisch.

chilli: Das erinnert ein wenig an Udo Jürgens, der nach erfolgreichem Musical auch einen Film gemacht hat!
Lindenberg: Ja, der Udo, der ist ein Großer. Mit 66 Jahren fängt das Leben an? Er hatte in diesem Fall völlig Recht!

chilli: Haben Sie manchmal Panik, dass es von heute auf morgen vorbei sein könnte?
Lindenberg: Wenn die Nachtigall verstummt, wird ganz Deutschland schwer vermummt, gehüllt in Tücher und in Leinen, um zu trauern und zu weinen! – Aber die Nachtigall wird noch lange nicht verstummen, ich bin in good shape und mein Arzt sagt: „Udo, 30 weitere Jahre, das kriegen wir hin.“ Ich bin optimistisch, auch für Tine. Eine gesunde Lebensweise ist schon mal gut. Und da achte ich auch drauf. Das heißt: ordentlich bewegen, Sport machen, keine Zigaretten rauchen und nach der Mengenleere trinken.


chilli: Welchen Sport treiben Sie?
Lindenberg: Im Moment bin ich auf dem Schwimmtrip, mit Gummihut ab ins Wasser. Und zwar zwei Kilometer jede Nacht im Hotelpool – eisenhart! Aber natürlich hat man trotzdem immer Angst, dass mal etwas ist. Der Tod kann von heute auf morgen zuschlagen. Deshalb hängt der Totenkopf als Ring auch dauernd an meiner Hand. Und deshalb soll man auch jeden Tag so intensiv leben, als wenn’s der letzte wäre und nicht alles immer auf morgen oder übermorgen verschieben.

chilli: Wären eigene Lindenzwerge nicht noch eine Herausforderung für Sie?
Lindenberg: Wir haben eigene Patenkinder in Afrika. Und wir haben auch unsere eigenen Projekte in Tansania und Kenia, da sind unsere Kinder. Es gibt eine Lindenberg-Schule, und dafür machen wir viel, auch mit meiner Schwester, die ständig in Kenia ist.

chilli: Aber die direkte Verantwortung scheuen Sie?
Lindenberg: Durch meinen Job und die Lebensart – hier mal gucken, da mal gucken und dauernd unterwegs sein – könnte ich der Verantwortung eines eigenen Kindes nicht gerecht werden. Ich hätte momentan die Zeit und Muße nicht. Ich glaube auch, dass viele Promi-Kinder es sehr schwer haben. Die würden meinem Kind dann einen Hut aufsetzen und fragen: „Kannst du auch so schön singen wie die Nachtigall?“

Fotos: Tine Acke / Warner & Tine Acke: Udo Lindenberg – Ich mach mein Ding
Quelle: teleschau – der mediendienst