Island ist bunt. Island ist wild. Island ist cool. Die Insel entlang des 66. Breitengrades wird vielen Klischees gerecht – auf sympathische Art. Das fängt bei den Busfahrern an. Die sind total entspannt – so entspannt, wie man sein muss, wenn es über Waschbrettpisten durchs Hochland geht, der Sturm den Bus zum Wanken bringt oder bei lausigen Temperaturen die Heizung ausfällt. Eine Fahrt, die sich kein Islandreisender entgehen lassen sollte.


Zunächst geht die Reise von Reykjavík nach Þingvellir, wo die nordamerikanische und die eurasische Kontinentalplatte aufeinandertreffen. Auf dem asphaltierten „Golden Circle“, eine der bekanntesten Rundtouren durch den Süden Islands, erreichen wir den Geysir Strokkur. Alle fünf Minuten spuckt er eine 25 Meter hohe kochende Wassersäule aus. Auf der Kjölur-Route geht es weiter ins Hochland. Jenseits des „Golden Circle“ wird schnell klar, warum die Busse in Island mit Sicherheitsgurten ausgestattet sind: Die Pisten habens in sich. Viele Touristen brausen in aufgemotzten Geländewagen an unserem Bus vorbei, tauschen wollen wir mit ihnen nicht. Es ist viel abenteuerlicher und vor allem lustiger, die Lavalandschaften mit dem Bus zu erkunden und bei Tempo 25 finstere Felsblöcke und gigantische Gletscher, wie zum Beispiel den imposanten Langjökull, an sich vorbeiziehen zu lassen.

Busse verschiedener Gesellschaften verkehren zur Hauptreisezeit von Juni bis etwa Mitte September auf den wichtigsten Routen – rund um die Insel auf der Ringstraße und auch auf den Pisten quer durch das Hochland. Klar sind Backpacker nicht so flexibel wie Autoreisende, aber dafür ist der Fremdenführer gleich mit an Bord. „On the right side you see …“ Isländische Busfahrer lieben ihre Heimat und sind stolz auf ihr Land. Sie teilen diese Begeisterung gerne mit ihren Fahrgästen. Immer wieder legen sie auch ein kleines Päuschen für ein Fotoshooting ein. Und während die Touristen beeindruckt versuchen, die imposante Landschaft im Bild festzuhalten, rauchen die mitreisenden Isländer. Erfahrene Globetrotter, verpeilte Großstädter und junge Studenten nehmen während der Fahrt übrigens gern den isländischen Quark – Skyr – zu sich, sofern ihnen vom Geschaukel im Bus nicht schon übel ist.


Wenn der Rücken schmerzt, bietet es sich an, die Kjölur-Route zu unterbrechen. Kein Problem. Kerlingarfjöll ist ein perfekter Ausgangspunkt für eine Wanderung in einem der kleineren vulkanisch aktiven Gebiete Islands. Die Landschaft sieht aus, als wäre Jackson Pollock mit einem Riesenfarbtopf vorbeigekommen: Ein Potpourri aus Ockertönen, gesprenkelt mit sattgrünem Moos und weißen Schneefeldern, prägt dies Kleinod. Ein wahnsinniges Augenerlebnis – auch die Nase muss Einiges aushalten, denn da ist überall der beißende Geruch nach Schwefel, der die Sinne trübt. Von einem Bad im Hotpot kann uns das nicht abhalten, und so geht es zu Fuß nach Hveravellir. Platt wie ein Pfannkuchen, durchbrochen von Dampfsäulen, heißen Quellen und dem mittlerweile altbekannten Schwefelgeruch breitet sich das Hochland aus. Hier ist die Welt zu Ende, so scheint es. Und wenn die Solfatare, kleine Schwefelwasserstoff speiende Erhebungen, weit genug weg sind vom Zelt, dann hört man nur noch den eigenen Herzschlag. Kalt ist es hier oben auch im Sommer, und nach einer frostigen Nacht mit Minusgraden ist ein Sonnenaufgang im Hotpot genau das Richtige zum Auftauen vorm Frühstück: das Wasser in den Naturbecken ist 40 Grad heiß!

Als wir uns Richtung Nordosten aufmachen, geraten wir in ein Weltuntergangsszenario: Regen, Regen, Regen, in einer für uns Westeuropäer bisher unbekannten Form. Er kommt von allen Seiten, ja, selbst von unten, möchte man meinen. Finsternis am helllichten Tag. Dennoch aufmunternde Blicke vom Ranger im Visitorcenter. Sein Kommentar: „That’s Iceland!“ Und in der Tat ist mit Regenkombi die Tour von Asbyrgi nach Hildaklettar im Jökulsárgljúfur National Park eine unvergessliche Wanderung. Absolutes Highlight der Weg entlang des Canyons mit den tosenden Wassermassen, die am Dettifoss in die Tiefe stürzen.


Nass aber froh entern wir wieder einen Bus. Jetzt geht es zum Relaxen an den Myvatn, zu deutsch: „Mückensee“. Und er trägt seinen Namen zu Recht. Ein mückenfreies Frühstück im Freien gibts nur bei Regen. Entweder oder. Aber das ist eben Island. Auch hier befinden wir uns wieder in einem riesigen Geothermalgebiet, dessen beeindruckendster Teil ist Námafell, wo brodelnder Schlamm sich seinen Weg an die Erdoberfläche bahnt.

Nun noch die Südküste angepeilt. Mit Höfn hat Island wohl einen der trostlosesten Orte der Welt zu bieten – aber für Busreisende heißt es hier: Zwangsübernachtung. Die Belohnung folgt tags darauf am Jökulsárlón. Sonne vom Feinsten, kaum Menschen, viele Eisberge, die sich von Zungen des Vatnajökull Gletschers, dem größten seiner Gattung in Europa, gelöst haben und in den See gekalbt sind. Grandiose Kulisse, bevor es entlang der Südküste zurück nach Reykjavík geht.

Hotpots, Geysire, Wasserfälle, Steilküsten, Gletscher, Papageientaucher und natürlich die Vulkane: an den Sehenswürdigkeiten kommt kein Islandbesucher vorbei – fotowütige Japaner inklusive. Doch immer findet sich auch die ein oder andere Stelle abseits der bekannten Pfade. Tipps von Mitreisenden sind hier sehr willkommen, und reger Austausch über Reiserlebnisse kann zu ungeplanten Zwischenstopps führen. Ein Reiseführer in Buchform sollte aber trotzdem im Gepäck sein, auch wenn nahezu jede Imbissbude kabellosen, kostenlosen Internetzugang bietet. Island ist online, und Island zahlt mit Karte, auch den Kaffee an der Bar. Überhaupt ist die Versorgung mit Kaffee einzigartig. Aber das ist ein anderes Thema.

Für ein Spektakel braucht es allerdings Geduld, etwas Glück und ein waches Auge in einer kalten, klaren Nacht: Polarlichter. Wer sie gesehen hat, wird für immer in ihren arktischen Bann gezogen und behält Island so in Erinnerung, wie es ist: cool.

Text & Fotos: Alexandra Huber