In der Tangoszene war es seit Langem bekannt: Im Schwarzwaldstädtchen Kirchzarten schlummerte lange Jahre die weltweit größte Sammlung an Bandoneons und Tango-Accessoires. Über Jahrzehnte hatten Konrad Steinhart und sein Sohn Axel fast 500 der berühmten Tangoinstrumente, 3500 Schellackplatten, historische Notenausgaben, Ansichtskarten und Plakate zusammengetragen. Nun ist die Sammlung nach Staufen gewandert – und im Kapuzinerhof erstmals der Öffentlichkeit zugänglich.

 

Berühmtheiten von der Sexteto Mayor-Legende Luis Stazo bis zu Astor Piazzolla waren zu den Steinharts gereist, Piazzolla hatte sich dort in ein ganz besonderes Bandoneon verliebt, das die Familie einem ungarischen Grafen abgekauft hatte und das er seine „schwarze Freundin“ nannte.

Staunenswertes im Kapuzinerhof:  120 lnstrumente hat Axel Steinhart im neuen Museum in Staufen versammelt. „Wir wollen das hier über das Museale hinaus auch mit Leben füllen.“

 

Nach dem Tod Konrads 2009 stand Axel vor einer großen Herausforderung: Der Wunsch seines Vaters war es immer gewesen, die Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Sohn ließ nichts unversucht, knüpfte Kontakte nach Buenos Aires und Berlin, machte sich parallel dazu akribisch an die Klassifizierung der Instrumente, deren Charakteristika er auf Handzetteln erfasste. Doch in der argentinischen Hauptstadt scheiterte das Vorhaben an zu hohen bürokratischen Hürden, in anderen Fällen schlicht an der Verzagtheit der Entscheidungsträger.

 

Die Lösung kam schließlich aus ganz unerwarteter Ecke, wie Steinhart berichtet: „Der Südwestrundfunk hat im Radio und Fernsehen das Thema aufgegriffen. Nach der Sendung meldete sich Joachim Baar, der Leiter der Jugendmusikschule Südlicher Breisgau, bei mir. Er hatte die Vision, diese Sammlung nach Staufen zu holen.“

Bandoneon_2

 

Durch die gute Vernetzung Baars konnten in kurzer Zeit viele Gleichgesinnte gefunden werden, auch auf politischer Ebene standen fortan alle Türen offen. Aktive aus den benachbarten Tangoszenen in Freiburg, Basel und Mulhouse sprangen auf den Zug auf. Im neu renovierten Kapuzinerhof fand man schließlich einen Raum in zentraler Lage, und schließlich gründete sich im Mai 2014 der Verein „Tango- und Bandoneonmuseum Staufen“. Mittlerweile hat der fast 100 Mitglieder, die bis nach Oberfranken gestreut sind. „Für mich war es eine Lehrstunde, was möglich ist, wenn viele Leute gemeinsam für eine Idee an einem Strang ziehen“, sagt Steinhart.

 

Mit 120 Instrumenten hat er die Ausstellung momentan bestückt, dabei hat er mit Bedacht aus dem Fundus ausgewählt: „Wir zeigen eine interessante und repräsentative Schau, die zum einen den Überblick über die Geschichte des Bandoneons vor Augen führt, die technischen Varianten, aber auch die kunsthistorisch spannenden Ausformungen vom Biedermeier über Jugendstil und Art Déco bis in die 1950er Jahre.“

Bandoneon_3

 

Darunter finden sich Kuriositäten wie Instrumente mit Kakadu-Intarsien oder ein englisches „Edeophone Bandonian“. Gleichberechtigt mit den Bandoneons will der Sammler die anderen Exponate sehen, etwa ein Album mit historischen Ansichtskarten und Fotos, dazu Grammophonplatten und Partituren. Bei der Sichtung des Archivs kamen plötzlich eine Menge Notenausgaben aus den Nullerjahren des vergangenen Jahrhunderts zum Vorschein, mit lithographierten Darstellungen im Jugendstil.

 

Was Steinhart wiederum zum Ausblick über das nachhaltige Potenzial des Museums bringt: Der Verein plant Wechsel- und Sonderausstellungen, die sich etwa um diese Notenausgaben drehen, aber auch eine Schau, die sich um bedeutende Musiker, Orchester und Tanzpaare ranken könnte, ist eine Option. „Wir wollen das ja schließlich mit Leben füllen, über das Museale hinaus“, bekräftigt er. In regelmäßigen Abständen sind Tangokonzerte geplant, auch Tanzfestivals wären zu erwägen: „Allerdings benötigen wir dazu noch Sponsorengelder.“

 

Die Arbeit wird Axel Steinhart und dem rührigen Museumsteam vorläufig nicht ausgehen. Bei der Sichtung der 3500 Schellackplatten steht er erst ganz am Anfang. Möglicherweise schlummern hier noch etliche Einspielungen, die bislang noch nirgendwo auf der Welt digitalisiert worden sind. Samstags und sonntags steht Steinhart selbst in Staufen für Führungen parat, je nach Interesse will man die Öffnungszeiten noch ausweiten. Über Resonanz kann er sich nicht beklagen: „Wir haben schon Anfragen aus Uruguay“, verkündet er stolz. Wer durch den Kapuzinerhof flaniert, ist bald überzeugt: Es ist schön, dass der Tangoschatz hier seine neue Bestimmung gefunden hat.

 

Text: Stefan Franzen / Fotos: © Christopher Schmitt

 

Info
Tango- und Bandoneonmuseum Staufen
Grunerner Straße 1
79219 Staufen
tangomuseum-staufen@t-online.de
Öffnungszeiten (vorerst):
samstags und sonntags 15 bis 18 Uhr