Der Wahl-Frankfurter Peter Zingler war in den Siebzigerjahren Berufseinbrecher und Erwerbskrimineller. Insgesamt zwölf Jahre saß er dafür hinter Gittern. Dort begann er 1979 mit dem Schreiben, bis die deutsche Penthouse-Ausgabe und der Playboy seine eingesandten Geschichten kauften. Von da an war ihm klar: „Ich werde Schriftsteller.“ Noch im Gefängnis schrieb er ein Drehbuch für die ZDF-Fernsehserie „Ein Fall für zwei“. Mit dem gelang der literarische Durchbruch. Am 29. Juni liest Zingler im Jos-Fritz-Café, einen Tag später nicht-öffentlich in der Freiburger Justizvollzugsanstalt. cultur.zeit-Autor Ingo Heckwolf hat sich mit dem mehrfachen Preisträger unterhalten.

chilli: Herr Zingler, glauben Sie, dass die Redaktionen von Playboy und Penthouse damals an der Qualität ihrer Geschichten interessiert waren oder mehr an den Umständen, unter denen diese entstanden?
Zingler: Das weiß ich nicht mehr genau. Es kann natürlich sein, dass die Exotik eine gewisse Rolle gespielt hat. Ich habe einfach meinen Absender genannt, genau wie bei meiner ersten Drehbuchgeschichte für „Ein Fall für zwei“. Diese Geschichte gelangte auf Umwegen an Günter Strack, dem sie gefiel und der sie an seinen Produzenten nach München weitergab. Der wiederum hat mir an meine Adresse geschrieben, die stand ja oben drauf, ich solle doch mal nach München kommen. Der wusste wohl nix.

„Alles nur Tarnung“: Knastkomödie mit Star-Besetzung von Peter Zingler aus dem Jahre 1996,
hier mit Darstellerin Elke Sommer.



chilli: Und wie konnte er das Akronym „JVA“ im Absender übersehen?
Zingler: Der Absender war stets „Altstadt 25“, ohne den Zusatz JVA. Deswegen war Georg Althammer, der damalige Filmproduzent von Odeon Film, auch so überrascht, als ich erzählte, dass ich lediglich einen Tag Ausgang bekommen hatte und darauf drängte, dass ich den Rückflug gegen 16 Uhr haben müsste, weil ich um 19 Uhr wieder im Knast sein sollte. Erst als er den Urlaubsschein sah, hat er es geglaubt.

chilli: Wie sehen Sie persönlich Schreibwerkstätten als Therapieangebot in Gefängnissen?
Zingler: Die Schreibwerkstätten haben dazu geführt, dass man liest und auch mal versucht, eigene Gedanken aufzukritzeln. Vielen musste ich ja Briefe schreiben. Für einen habe ich sogar immer die Liebesbriefe geschrieben. Seine Frau kam mal zu Besuch zu mir und hat gesagt, sie wisse jetzt, dass ich das sei, aber ich könne das ruhig weiter machen, die seien so schön (lacht).

chilli: Was werden Sie in Freiburg lesen? Lesen Sie im Café was anderes als im Knast?
Zingler: Vielleicht lese ich im Knast das eine oder andere Knastgeschichtchen mehr aus meinem Debütbuch „Notizen aus der Mülltonne“. Aber auch im Buch „Vitaminstoß“ sind einige gute Storys aus dieser Zeit. Im Übrigen entscheide ich das Leseprogramm immer vor Ort, wenn ich die Leute gesehen und die Stimmung gespürt habe. Das Spannendste ist zum Schluss die Diskussion. Da kommt die unvermeidliche Frage: Haben Sie das alles selbst erlebt?

chilli: Haben Sie einen besonderen Bezug zu Freiburg und zur JVA?
Zingler: Ich mag besonders den SC Freiburg, weil sich der Underdog immer hervorragend geschlagen hat. In der Tat gibt es einen uralten Freiburg-Knast-Bezug. Ich bin als junger Kerl aus der Schweiz abgeschoben worden und dann im Rahmen des „Schubverkehrs“, so heißen die „Knastreisen“ mit den grünen Bussen mit den kleinen Fenstern, von Freiburg aus durch einige badische Gefängnisse gen Norden transportiert worden. Diese Oberrheintour hat sich so verinnerlicht, dass ich sie später ausführlich in den Spielfilm „Napoleon Fritz“ eingebaut habe. Ein Gangsterfilm, in dem der Hauptdarsteller Klaus Löwitsch die gleiche Knasttour macht wie ich damals, nur noch weiter gen Hamburg. Heute sitzen in Freiburg wohl viele „SVer“, also Sicherungsverwahrte. Und die Anstalt soll ja auch renoviert worden sein. Ich bin gespannt.

chilli: Wann waren Sie zuletzt in Freiburg?
Zingler: Im vergangenen Sommer. Wir waren auf der Rückreise von Südfrankreich und ich wollte einer Freundin die schöne Stadt zeigen. Aber Freiburg war so voll in Papsterwartung, dass wir nach einem Rundgang schnell geflüchtet sind.

Foto: Privat