Zu Besuch beim preisgekrönten Freiburger Gitarrenbauer Sascha Nowak

In einem kleinen Hinterhof im Freiburger Stadtteil Stühlinger entstehen Musikinstrumente von Weltformat: Hier baut Sascha Nowak seine Gitarren. 2008 wurde der inzwischen 51-Jährige mit dem deutschen Musikinstrumentenpreis ausgezeichnet. Heute hat er Abnehmer in London, New York oder Tokio, die für seine Gitarren bis zu 10.000 Euro auf den Tisch legen.

Der Mann und seine Werkstatt: „Yamaha baut eine Gitarre in 20 Minuten – da habe ich mich gerade umgezogen.“

 

Eine Werkbank. Ein kleiner Tisch. Darauf eine Kochplatte für selbst hergestellten Leim. An den Wänden hängen allerlei Hobel, Feilen, Schnitzwerkzeuge, und in den Regalen stapeln sich kleine und mittelgroße Holzbrettchen bis unters Dach. In dem Räumchen im unscheinbaren Hinterhof im Stühlinger riecht es nach Holz, Lack und Sägespänen. Messgeräte geben Auskunft über die Luftfeuchtigkeit im Raum: 52 Prozent. Perfekt.

 

An diesem Ort entstehen Instrumente, die Profimusikern und Liebhabern in Deutschland, in den USA, in China oder in Japan mehrere tausend Euro wert sind. Mittendrin sitzt Sascha Nowak, der Mann, der 2008 mit dem deutschen Musikinstrumentenpreis bedacht wurde. Er nippt an seinem Kaffee aus einer New-York-Tasse – ein Geschenk von einem dort ansässigen Instrumentenhändler – und gesteht: „Manchmal kommen mir die Tränen – einfach weil ich so glücklich bin, dass ich das hier machen darf.“

 

Selbstverständlich ist das für den 51-Jährigen nämlich nicht. Bevor er 1986 auf eigene Faust sein erstes Instrument baut, beginnt er verschiedene Studiengänge: Sozialpädagogik, Archäologie, alte Geschichte, Latein, Griechisch. „Ich habe dann relativ bald gemerkt, dass mir das alles zu trocken ist.“ Die Liebe zur Gitarre hingegen überdauert all die beruflichen Irrwege. Zum Musiker reicht das Talent aber nicht ganz. Und zunächst sieht es auch nicht danach aus, als sollte Nowak in der Fertigung der Zupfinstrumente landen: „Ich habe mich bei über 60 Betrieben beworben und nur Absagen erhalten.“ Der einzigen Fachschule Deutschlands für diesen Berufszweig im oberbayrischen Mittenwald ist er damals mit 23 Jahren schon zu alt.

 

Also richtet sich der Ex-Student in seiner WG in Neuhäuser bei Kappel eine behelfsmäßige Werkstatt ein und baut „Holzschachteln, die wie Gitarren aussehen“. Freunde kaufen ihm seine ersten Erzeugnisse ab – zum Wert des verbauten Materials. Erst als Nowak 1987 den Gitarrenhändler Rolf Eichinger aus Karlsruhe kennenlernt, nimmt seine Karriere Fahrt auf. „Das war die Schlüsselbegegnung in meinem beruflichen Leben“, sagt er heute. Eichinger – der selbst auch Zupfinstrumente herstellte – hat über seine geschäftlichen Kontakte eine Freundschaft zu namhaften südspanischen Gitarrenbauern wie José López Bellido oder Antonio Marin aufgebaut.

 

In den kommenden Jahren gibt er das Wissen der großen Meister an den lernwilligen Ex-Studenten aus Freiburg weiter. So lernt Nowak das Handwerk auf eine sehr herkömmliche Art und wird – auch ohne Berufsfachschule oder Gesellenprüfung – mehr und mehr zu einem Meister seines Fachs.

 

Der Bau einer hochwertigen Gitarre fängt aber nicht mit erlernten Konstruktionen oder Methoden in der Werkstatt, sondern bei der Auswahl des Holzes an. Oder besser gesagt, bei der Auswahl des Holzhändlers: „Da muss man einen guten finden, einen, der die Bäume zur richtigen Jahreszeit fällt und zur richtigen Zeit sägt und lagert“, erklärt Nowak, „Holz führt je nach Jahreszeit und Mondstand unterschiedliche Mengen an Feuchtigkeit in sich.“

 

Langsam gewachsen muss es zudem sein – deswegen sind heimische Hölzer aus dem Schwarzwald für Instrumentenbauer unbrauchbar. Zedern- und Fichtenhölzer für Gitarren kommen im Idealfall aus hochgelegenen Regionen. „Am besten noch von einem Nordhang“, ergänzt der Perfektionist. Seltener werden auch exotische Hölzer verbaut. Für deren Verwendung braucht der Handwerker aber einen Herkunftsnachweis. Den legt er beim Verkauf des fertigen Stücks als eine Art Reisepass für die Gitarre bei, damit die wertvolle Fracht nicht vom Zoll einkassiert wird. In manchen Fällen kann so schon allein das Rohmaterial für ein Saiteninstrument im vierstelligen Bereich liegen.

 

Ein paar Mal im Jahr macht Nowak sich auf die Reise zu seinen Händlern nach Hamburg, Bayern oder in die Schweiz. Dort klopft er die Brettchen einzeln ab, biegt sie, horcht an ihnen. Der Begriff „handverlesen“ scheint bei einem solch aufwändigen Prozedere fast untertrieben.

 

Und auch danach geht es wenig hektisch weiter: Bevor das Holz in zwei- bis dreihundert Stunden Arbeit verbaut werden kann, muss es erst noch einmal zehn Jahre lang lagern. Dagegen ist die Wartezeit, die Nowaks Kunden einkalkulieren müssen, fast unerheblich: „Ich habe seit etwa 20 Jahren eine Liste – üblicherweise warten meine Käufer ein bis zwei Jahre auf ein Instrument.“

 

Wer es schneller mag, kann sich ja eine industriell gefertigte Klampfe kaufen. „Yamaha baut eine Gitarre in 20 Minuten – da habe ich mich gerade einmal umgezogen“, lacht der preisgekrönte Musikschaffende, dessen Werkstatt im Schnitt nur zehn Instrumente pro Jahr verlassen.

 

Aber Profis – und nur solche leisten sich ein solches Stück – nehmen diese Wartezeit in Kauf. Es geht schließlich um den Klang. Wenn Nowak eines seiner Instrumente anschlägt, wird der Raum erfüllt: Ausgewogen, dynamisch, laut – mit Worten lässt sich das eigentlich kaum beschreiben. Kunden, die nach einem bestimmten Sound suchen, müssen daher meist auf eines der wenigen fertigen Stücke zurückgreifen – eine Gitarre lässt sich kaum maßschneidern, und auch ihr späterer Klang lässt sich nur bedingt voraussagen. Auch nicht von einem meisterbrieflosen Meister wie Nowak.

 

Text & Foto: Felix Holm