Die Freiburger Volksbank macht sich nach 150 Jahren eigener Geschichte Gedanken ums Morgen. Statt ein Jubiläumsbuch mit Blick auf das Geleistete an Kunden zu verteilen, hat der Vorstand um Uwe Barth, Stephan Heinisch und Volker Spietenborg einen Event in der Messe veranstaltet, bei dem es um Zukünfte ging, ein kleines Büchlein herausgegeben und unter zukuenfte.de ein Online-Magazin in die weite Welt gesetzt. „Normal wäre, zurückzublicken“, sagt Barth bei einem Kaffee mit bib-Chefredakteur Lars Bargmann. Er aber blickt nach vorn. In eine sich immer schneller drehende Welt, auch Bankenwelt.

 

Blick in die Zukunft: Wo sind die Grenzen des Digitalen?

 

Digitalisierung, Regulatorik und Niedrigzinsphase: War der Banker früher auch als Unternehmer gefragt, steht er heute genau vor diesen drei zentralen Herausforderungen der Zukunft. Heute hat die Volksbank 10 Prozent rein digitale Kunden, 35 bis 40 Prozent internetscheue oder gar Abstinenzler und mehr als die Hälfte hybride, die online können, aber auch mal einen Berater sehen wollen.

 

2030 wird jeder Vierte die Bank ausschließlich digital beanspruchen, weniger als fünf Prozent werden noch analog sein. Die entscheidende Zukunftsfrage für einen Banker lautet, ob sich bestimmte Dienstleistungen im Finanzsektor mal ganz von Menschen loskoppeln lassen. Wie gut ist ein Mensch bei komplexen Fragen, etwa die der Altersvorsorge oder die einer wirklich zum Anleger passenden Geldanalage? Die Alternative zu Fleisch und Blut heißt Algorithmus.

 

Vermutlich macht der Kunde der Zukunft das meiste mit der Maus, wird aber für komplexe Themen topgeschultes Personal beanspruchen wollen. Barth glaubt, dass die Volksbank in 20 Jahren „eine noch ausdifferenziertere Gewerbebank“ sein wird, in der das Persönliche unverzichtbar ist. Eine solche Bank muss sich auf die komplexeren Dienstleistungen fokussieren, die einfachen werden Maschinen übernehmen in einer hochdigitalisierten Welt. Es wird in 20 Jahren vermutlich weniger Kunden geben, es wird sicher viel weniger Filialen geben – und auch weniger Mitarbeiter.

 

Eine digitale Regionalbank mit hochqualifiziertem Personal und hochdigitalen Kundenkanälen, das ist auch eine Chance: „Wenn wir das alles auch perfekt spielen können.“ Denn das könne keine Großbank und auch keine Direktbank. Barth nennt das „strategische Stärke“. Das regionale Bankgeschäft wird dann bleiben, wenn weiterhin analoge Kommunikation nötig ist und nicht alles Robotern und dem Preiswettbewerb untergeordnet wird.

 

Um die stürmischen Zeiten gut zu überleben, dafür brauche eine Bank aber auch „eine gewisse Größe“ und eine gewisse Zahl an Kunden. Bis 2020, 2021 wird die Volksbank aber wegen der andauernden Niedrigzinsphase bis zu 25 Prozent ihres Zinsertrages verlieren. Das sind 15 Millionen, die ungefedert aufs Ergebnis drücken werden. Starker Tobak für die Regionalbanken. „Eine starke Bank kann den Unternehmern bei Kreditrisiken helfen. Wenn sie keine Erträge mehr hat, dann kann sie das nicht mehr.“

 

Im Prinzip läuft derzeit eine gigantische Umverteilung: Die regionalen Kreditinstitute, Sparkassen wie Volks- und Raiffeisenbanken, zahlen die Zeche für die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank. Mit deren Nullzinsstrategie entschulden sich Staaten, auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, Sparer kriegen nichts mehr für ihr Geld oder werden sogar kalt enteignet. Peu à peu. Und was soll sich in den nächsten Jahren in Griechenland, in Spanien, Italien oder Portugal groß verändern? Die Niedrigzinsphase ist schon ein Euphemismus, sie ist eher ein Zustand. Aber: Die Schweizer haben gelernt, damit umzugehen, die Japaner auch.

 

Die Amerikaner haben ihren Banken nach der Krise Erfolgschancen gelassen. Jenseits des Atlantiks gibt es eine small banking box. Die kleinen, die systemfernen Banken haben andere Regularien als die großen. Europa macht es anders. Nicht zum Guten der Kleinen, die nicht im weltweiten Investmentgeschäft mitmischen – mit allen Möglichkeiten, aber auch allen Risiken.

 

Barth will die europäische Regulatorik „nicht verteufeln“, es musste ja etwas passieren. Aber heute kommt jede Woche eine neue Vorschrift, die mit anderen Vorschriften interagiert, die nur eins gemeinsam haben: „Sie wirken gegen den Ertrag.“ Für die Regionalbanken sei die herrschende Regulatorik deutlich übers Ziel hinausgeschossen. „Wir sind Händler in Risiken, wenn man uns das verbietet, können wir keine Geschäfte mehr machen.“

 

Früher habe man im Aufsichtsrat über den Markt gesprochen, über Chancen, über Kredite, Unternehmer haben miteinander diskutiert. Heute geht es stundenlang um Regularien – und man darf auf keinen Fall irgendeine vergessen. Zur normalen Arbeit eines Volksbankers komme man da nur schwerlich.

 

Die Finanzkrise und ihre Fußabtritte, die Globalisierung, die Digitalisierung und die Regulierung haben die Bankenlandschaft in den vergangenen zehn Jahren so kräftig durcheinandergewirbelt, wie in 50 Jahren davor nicht. Es gibt zwar viele Zukünfte, aber für Barths Bank nur eine mit Aussicht: die digitale Regionalbank. Oder der schleichende Untergang.

 

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Text: Lars Bargmann / Visualisierung: © istock.com/sam_ding